Nur schwer hatte ich mich von Kanaan trennen können. Und so war es, als wir nach wiederum kurzen 100 km die Farm Tiras erreicht hatten, auch vor allem Ausdruck meiner geistigen Abwesenheit, als ich Nadine fragte: „Und was machen wir nun hier?“
Denn es gibt wirklich nichts an diesem Tagesziel auszusetzen. Es liegt sehr schön in den Tirasbergen. Gemeinsam mit drei anderen Farmen hat sich die Familie Koch 1998 zusammengetan, um das Gebiet in einer funktionierenden Symbiose von extensiver Landwirtschaft und sanftem Tourismus ökologisch zu schützen. Sie gründeten den privaten Tiras Nationalpark.


Klaus Peter Koch ist in diesem Frühjahr verstorben. Hermi Strauss auf Kanaan hatte uns bereits gesagt, dass der Hausherr krank sei. Tatsächlich trafen wir dann bei unserer Ankunft niemanden auf der Farm an – die Ehefrau war bei ihrem kranken Mann. Von Angestellten der Farm konnten wir aber den Schlüssel zu den Sanitärgebäuden der Campsite erhalten.

Kurzbeschreibung Campsite Tirasberge: Direkt an der C13 gelegen, ist die Campsite sehr leicht erreichbar. Auch hier staunte ich wieder darüber, wie komfortabel die namibischen Campsites oft ausgestattet sind – in Europa ist dieser Komfort bei so geringer Stellplatzzahl kaum noch vorstellbar. Terasse mit Windschutz, sogar Tische und Stühle. Und wie schon erwähnt, Dusche und WC. Großer Vorzug ist die große Bewegungsfreiheit im Gelände. Die beiden Stellflächen der Campsite befinden sich auf der straßenabgewandten Seite eines Hügels, auf dem uns gleich Gamsböcke begrüßten. Leider habe ich auf der Campsite nichts fotografiert, weil ich zu diesem Zeitpunkt noch dachte, am folgenden Tag mehr als genug Zeit zu haben. Da wusste ich ja noch nicht, dass wir die Planung am nächsten Vormittag ändern würden. Wie man noch sehen wird, hätten wir geruhsam in Tiras bleiben können, denn die geänderte Planung war den Atem nicht wert gewesen, mit dem wir sie beredet hatten.

Meine Traurigkeit wurde abends getröstet, als Hermi und Fanush plötzlich mit dem Landrover bei uns auftauchten. Die emotionalste Lagerfeuerstunde der Reise!

Im Gegensatz zu Kanaan gab es auf den Gelände der Tiras-Farm übrigens genug Gras, auch hohes.
Und es gab riesige Ostereier und sogar Trolle. Aber vor allem reichlich Köcherbäume… mit imposanten Bewohnern.

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„Vielleicht ist es keine so gute Idee, erst am Samstag in den Richtersveld Nationalpark nach Südafrika zu fahren“, bahnte Stefan die vorzeitige Abreise aus den Tirasbergen an. Womöglich würde es am Wochenende schwierig sein, südafrikanisches Geld zu bekommen, weil man dazu sicher eine offene Bank brauchte.
Es war nun Freitag, der 11. April. Vor uns lagen drei Tage Richtersveld in Südafrika, wofür wir mit der Fähre den Grenzfluss Oranje überqueren mussten und zwei Tage Aufenthalt im Fishriver Canyon, wieder auf namibischer Seite. Danach würde unser Afrika-Abenteuer sich langsam seinem Ende zuneigen.

Gesagt, getan… also bretterten wir, anstatt einen gemütlichen zweiten Tag auf Tiras zu verbringen, rund 300 Kilometer durch das Diamantensperrgebiet gen Süden, wo wir in Rosh Pinah, einer kleinen Bergarbeiterstadt 20 km vor der Grenze, die Vorräte vor allem an Wasser und Brennholz auffüllten und Geld umtauschten. Die Bank hat dort übrigens auch am Samstag offen. Rosh Pinah ist ein überaus freundliches Städchen mit fröhlichen, oft singenden Menschen und einer für die Kleinheit tollen Infrastruktur.

Wir hatten für das Städtchen allerdings nur wenig Auge, denn es musste rasch weitergehen. Inzwischen war es fast 15.00 Uhr geworden und wir wussten nicht, wann die letzte Fähre übersetzen würde. Außerdem würden wir auf der anderen Flussseite noch eine gute Strecke fahren müssen.
Kurz bevor es in das Flusstal des Oranje runter geht, eröffnet sich ein atemberaubender Anblick. Wenn Hermi Strauss dies im Sinn hatte, als er uns ans Herz legte: Fahrt unbedingt in den Süden, da seht ihr einiges vom Schönsten, was Namibia zu bieten hat“, dann hatte er recht.

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Den Atem raubte uns dann auch der Anblick des Fähranlegers, nur leider nicht im positiven Sinn. Es fuhr nämlich keine Fähre.

Wir wollten unseren Augen nicht trauen und Nadine dachte wohl, wenn sie bloß näher ranginge, würde vielleicht doch ein Fährschiff zu sehen sein…

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Am kleinen Office hing ein Zettel aus, dass der Fährbetrieb bis auf weiteres eingestellt sei. Wir hatten in diesen Minuten einige Gedanken, die politisch nicht völlig korrekt waren, insbesondere deshalb, weil wir einige Tage später von Südafrikanern hörten, dass der Oranje in diesen Tagen sehr hohes Wasser führte und deshalb tatsächlich nicht passierbar war.

Wie auch immer: Jetzt war guter Rat teuer! Wohin nun? Zielstrebig wie wir immer sind, hatten wir über eine alternative Übernachtungsmöglichkeit gar nicht nachgedacht. Sollten wir heute schon zum Fish River Canion fahren? Nein, beschied Stefan, ist zu weit!
Was zur zweiten Frage führte: Wo fahren wir morgen hin? Auf einmal hatten wir viel Zeit… drei Tage zur neuen Verfügung. Ich traute mich nun endlich zu gestehen, was mir die letzten Tage mehr und mehr bewusst geworden war: Ich habe es nicht so mit den „Stoanehauffa“. Zumindest auf dieser Urlaubsreise hatten die steinigen Regionen mein Herz ziemlich kalt gelassen. Deshalb hatte ich eigentlich auch überhaupt keine Lust auf den Fish River Canyon, sondern wollte viel lieber wieder nach Kanaan oder ins Sossusvlei zurück. An einigen Orten unserer Reise waren mir die Aufenthalte viel zu kurz erschienen; und nun sollte ich die letzten Urlaubstage in einer Region verbringen, die mir nicht recht lag? Eventuell war jetzt, nach drei Wochen Gemeinsamkeit, der Zeitpunkt gekommen, wo ich meine Hilux-Spuren alleine weiter ziehen sollte.

Doch dann zog Stefan das Zauberwort „Kalahari“ aus dem Ärmel. Wir könnten die „Steine-Tage“ bündeln und nach Osten durchfahren. Eine ziemliche Strecke, aber wir halten in dieser Hinsicht ja einiges aus, wenn wir wollen.

Plötzlich erinnerte ich mich dann auch, um wieder zu Frage 1 zurückzukehren, kurz nach der Ausfahrt aus Rosh Pinah ein Schild mit dem Verweis auf eine Campsite gesehen zu haben – da könnten wir diese Nacht vielleicht unterkommen. Also kehrten wir dem Grenzfluss Oranje und dem Richtersveld Nationalpark den Rücken und fuhren wieder gen Norden. Tatsächlich hatte ich mich nicht getäuscht und fand das Schild zur Campsite wieder. Ein 4×4-Track führt 14 km in die Hügellandschaft hinein. Ich fuhr diesmal voraus und an mancher Streckenstelle dachte ich: Die Verzweiflung muss nur groß genug sein, dann komme ich schon überall durch.

Endlich erreichten wir die Campsite. Eine schwarzhäutige Frau schaute uns finster entgegen. Oh je, wo waren wir hier denn nur gelandet? Hoffentlich geht das gut heute Nacht! Außer uns gab es keine Gäste, aber als ich bei der Anmeldung im offen daliegenden Gästebuch deutsche Namen sah, fasste ich ein bisschen Vertrauen. Was blieb uns schließlich auch übrig! Trotzdem war mir sehr viel wohler, als wenig später doch noch zwei weitere Stellplätze belegt wurden. Dann wurde es ein recht entspannter Abend und ich freute mich, dass ich nun statt der vielen Steine vielleicht doch noch das eine oder andere wilde Tier sehen durfte.

Am nächsten Morgen wollten wir – da wir auf der Campsite weder Internet- noch Telefonverbindung hatten – von Rosh Pinah aus eine Reservierung für den Kgalagadi Transfrontier National Park tätigen.
Nach einiger ruhigen Nacht brachen wir deshalb früh auf. Ich wieder voran. Den löchrigen Trail wollte ich möglichst fix hinter mich bringen. Habt ihr eine Ahnung, wie schnell ich bin, wenn mir eine Strecke nicht geheuer ist!
An der Hauptstraße angekommen, nutzte ich, da ich die anderen beiden noch nicht kommen sah, die Zeit für einen Mailcheck. Danach sah ich allerdings immer noch keinen zweiten Hilux. Irgendetwas hatten die zwei noch gesucht, aber inzwischen sollten sie doch kommen. Weitere zehn Minuten später postete ich nach Hause: „Irgendwie sind mir gerade meine Leute abhanden gekommen. So’n Mist, nun muss ich den Weg noch mal zurück und steh‘ den beiden gleich irgendwo Schnauze an Schnauze gegenüber, wo es doch kaum Ausweichmöglichkeiten gibt.“
Nach zehn Kilometern retour fand ich sie… mit gebrochener Radaufhängung:

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Telefonverbindung an diesem Platz… Fehlanzeige! Stefan versuchte es noch auf dem Hügel, dann ein paar hundert Meter weiter, aber ich selbst hatte ja eben erst an der Hauptstraße Maileingang verzeichnet. Also brachten wir meinen Wagen irgendwie wieder in die umgekehrte Richtung und fuhren in die Stadt, während Nadine auf das Auto aufpasste. Hubert Hester bei Kalahari Car Hire war zum Glück gleich am Apparat. Ich hörte Stefan Schadendetails erklären, von denen ich nicht einmal gewusst hätte, wie man sie benennen soll. Ich bekam mächtig Respekt, was ein Informatiker noch so alles weiß! Der Mann an der anderen Leitung fragte immer noch mehr. Schließlich musste er wissen, was er dem Monteur an Ersatzteilen mitzugeben hatte. Vor Einbruch der Nacht aber könne der Helfer nicht da sein, aus Windhoek seien es sieben Stunden. Na ja, was ist, das ist… unter afrikanischer Sonne hat deutsches sich-aufregen-wollen immer nur eine kurze Dauer, denn es nützt ja alles nichts!

Stefan, schien es mir, nahm die Geschichte sowieso vor allem nach dem Motto: „Nu hab‘ ich aber ordentlich was zu erzählen.“ Dem fügte er dann auch noch einiges hinzu, als wir wieder auf den „Lieblings-Löcher-Trail“, den ich nie wieder fahren wollte und nun schon fünften Male passierte, zurückkehrten. Hieß es zunächst noch, wir müssen es uns hier bis in die Nacht „gemütlich“ machen, so fing Stefan mit Nadines Hilfe plötzlich an, das Auto mit Steinen aufzubocken und die Bruchstelle mit Zurrgurten zu fixieren. Den auf diese Art schein-reparierten Wagen rangierte der Teufelskerl vorsichtig über die hochstehende Wegbegrenzung in die umgekehrte Fahrtrichtung und brachte ihn im Schritttempo tatsächlich wieder die vier Kilometer zur Campsite zurück. Nadine zu Fuß nebenher, um aufzupassen, ob das Zurrgurt-Arrangement halten würde.  Um halb neun waren wir gestartet, um halb zwei sahen die beiden schwarzen Mädels, die den Platz bewirtschaften, uns wieder. Sie staunten nicht schlecht, dass wir nur vier Kilometer von ihnen weggewesen waren.

Kurzbeschreibung Namuskluft Rest Camp:

Beim Autovermieter nicht bekannt :-), aber auf der Garmin-Karte von Tracks4Africa sehr wohl enthalten. 4×4-Trail. Wie wir später feststellten, kommt man auch mit einem Normal-PKW durch – ist aber eher nur was für sehr Erfahrene oder Verrückte. Fast kostenlos. Wasser und einfaches Sanitärgebäude mit Duschen vorhanden. Und sogar… trara… ein Pool. Kein Strom, nur Petroleumlampen im Sanitärgebäude. Die beiden „Schwestern“, wie sich die beiden Frauen auf der Campsite bezeichnen, heizen das Duschwasser mit Holz über den schwarzen Ofen immer wieder von außen auf. Höchst originell und auf nette Art anheimelnd. Fast wie bei Mama, die das Badewasser für den Zuber warm macht (ich bin ein Kind der 50er/60er und kenne das Baden in der Zinkwanne noch). 

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Es gibt sehr schöne Wandermöglichkeiten in die umliegenden Berge.

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Eindeutig war es sehr, sehr viel besser, mit dem Campsite-Komfort auf die Autoreparatur zu warten als mitten auf dem Trail – auch wenn an diesem Tag lediglich ein einziges Auto des Wegs kommen sollte. Aber wer weiß, wer da draußen alles nach unserem Grillfleisch gelangt hätte! Und wir hatten tagsüber auch Zeit, in Ruhe das Auto aufzuräumen, ohne gleich in der Hitze zu versengen.

Wir hatten berechnet: der Monteur würde frühestens um 21.00 Uhr bei uns sein können – optimistischste Zeitrechnung! Aber es fahren schließlich nicht alle so schnell wie Stefan und so krabbelte ich um diese Zeit ins Dachzelt. Kaum hatte ich innen das Mückenzelt ordentlich ausgebreitet und es mir gemütlich gemacht, da blinkte hinten am Horizont auch schon wie ein Kometenschweif ein Lichtschein von links nach rechts und eine Minute später standen die Helfer vor unserem Stellplatz.

Mir fiel die Kinnlade runter: Zwei Leute in einem französischen Kleinwagen. Und in diesem Winzling das gesamte Equipment, das man eben für eine derartige Reparatur in tiefster Dunkelheit benötigt: Aufbock-Gerät, Halogenscheinwerfer, Ersatzteile, Werkzeug. Wer auch immer behauptet, die Effizienz der schwarz-afrikanischen Bevölkerung beim Arbeiten bedürfe einer gewissen Steigerung, wurde hier eines besseren belehrt: Die beiden Männer hatten sieben bis acht Stunden Autofahrt hinter sich…  und vermutlich vorher bereits einige Arbeitsstunden. Jetzt sprangen sie aus dem Autolein, als wären Sie gerade aus dem Bett aufgestanden, besahen sich den Schaden und wussten: nach einer Stunde würden sie es erledigt haben. Tatsächlich dauerte es allerdings nur deshalb eine volle Stunde, weil sie noch ein Bier mit uns getrunken, die gegenüberliegende Radaufhängung geprüft und gleich auch wieder meine blinkende Öl-Warnanzeige gerichtet hatten. Chapeau, meine Herren!!!
Wie sie gekommen, düsten sie sofort darauf in ihrem Kleinwagen wieder den 4×4-Weg gen Windhoeck zurück, sieben Stunden durch die Nacht, um am folgenden Tag die nächsten Anforderungen zu meistern.

Nun muss ich noch ein Wort den beiden „Schwestern“ widmen. Weil sie mir bei unser Ankunft ja doch ein bisschen Angst gemacht hatten und ich hier ein Paradebeispiel erhielt, wie leicht wir Opfer unserer Voreingenommenheit sind. Während die Automonteure unüberhörbar mit dem schweren Gerät zugange waren, sah ich von weitem zwei kleine, sich langsam bewegende Lichtpunkte auf uns zukommen. Ich ging ihnen entgegen – es waren die beiden Frauen… im kurzen Nachtkleid mit je einer Petroleumlampe. Sie waren besorgt, ob bei uns alles in Ordnung sei und wollten nachgucken. Als ich es bestätigte, zogen sie zufrieden wieder zu ihrer Hütte zurück. Was für eine nette Geste! Wie leicht hätten sie unterwegs zum Beispiel von einer Puffotter gebissen werden können.
Ich glaube, wir schliefen in dieser Nacht so tief wie selten zuvor.

Das war auch gut so, denn am nächsten Tag würden wir insgesamt 800 Kilometer zurückzulegen haben: vom tiefsten Süden Namibias bis an seine mittlere Ostgrenze und noch 150 Kilometer weiter in das Land Südafrika bis zum Eingang des Kgalagadi Transfrontier Parks beim Twee Rivieren Restcamp.

Da begegnet Ihr dann endlich auch mir:

Erdmaennchen