Auf dem Flughafen in Windhoek erfasste mich sofort ein Déjà-vu-Gefühl. „Waren Sie schon 2014 da?“, fragte ich den Fahrer, der uns im Auftrag unseres Mietwagenverleihers abholte. „Yes, for many years.“ Na klar, schließlich arbeitet er ja für Hubert Hester und der pflegt sein Netzwerk! Und er schult seine Leute in Effizienz: Wenn wir sowohl Geld als auch Sim-Cards bräuchten, könnte sich doch bitte eine am ATM und eine am MTC-Schalter anstellen und jeweils für beide das Nötige besorgen.

Meiner Tochter, der Bankerin, fielen fast die Augen aus dem Kopf. „Was?, ich dachte, ich bin jetzt in Afrika und kann alles in Ruhe machen!“ Was wir dann auch so handhabten, die Effizienz kann uns in drei Wochen wieder begrüßen.

Chef Hester inmitten seines „Vogelhofs“ wiederzusehen und auch noch gesund, wärmt einem das Herz. Es ist, als wäre man nie weg gewesen. An unserem Auto müssten noch die letzten Arbeiten erledigt werden. Ach so…? :-) Aber in der Zwischenzeit würde er uns zum Supermarkt fahren und uns nach dem Einkauf wieder abholen lassen. Jo, der Hester weiß sich in jeder Situation klugen Rat!

Zwei Stunden später rollen wir aufgeregt, aber maximal vorsichtig mit dem großen, schweren Auto durch die enge Hofausfahrt. Immerhin verreckte mir nicht gleich der Motor wie beim letzten Mal. Erste mögliche Blamage erspart.

Entlang eines Traums aus Lila, den blühenden Jacaranda-Bäumen, verlassen wir die namibische Hauptstadt, wo in uns nach dem langen Nachtflug kein Stadtbummel-Interesse erwacht ist.

Zum ersten Ziel haben wir ganze 30 Kilometer zu fahren, womit wir uns brav an die Empfehlungen von Vermieter und alten Namibia-Hasen halten. Die meisten Touristenunfälle passieren nämlich gleich auf der ersten Etappe – wegen Übermüdung, Überschätzung, Linksverkehr und ungewohntem Straßenbelag. Letzterer überrascht uns zunächst durch eine tolle Asphaltdecke auf der C28, um allerdings noch vor dem Abzweig zur Guestfarm abrupt in Schotter überzugehen. Bremmmms…, willkommen in Namibia! Die Zufahrt gen Eagle Rock erfreut uns mit lustigem Hügel hoch und Hügel runter, so dass ich mich an den Unterschied zwischen einem 160 PS-Golf und dem schweren Hilux gleich mal wieder gewöhnen kann.

Natürlich kommen wir viel zu früh auf der Guestfarm an, aber sofort wuseln total freundliche Angestellte um uns rum und eine Minute später auch Ariane, die Chefin. Gar kein Problem, wir sollten es uns schon mal gemütlich machen, sie wolle nur schnell nachgucken, ob das Zimmer in Ordnung sei. Es war! Auch der Kühlschrank in der Lounge mit dem süffigen südafrikanischen Wein war völlig in Ordnung und noch ehe wir uns mit  praktischen Reisethemen wie Umpacken des Gepäcks und Überlegen der Auto-Infrastruktur befassen konnten, saßen wir schon völlig selbstvergessen und glücklich auf der grünen Wiese von Ariane und prosteten den uns besuchenden Kühen zu.

Als Ariane uns nach unseren Essenswünschen für den Abend fragte, hatte Liane sogar vergessen (na gut, fast…), dass sie seit 20 Jahren so gut wie kein Fleisch mehr ist. Jaaaa, sie würde das Game-Fleisch gerne probieren. Da schaut die Mama und staunt. O.K., alles andere wäre freilich auch ein schwerer Fehler, denn die entzückende junge Köchin zauberte ein Begrüßungsmenü, wie man es sich schmackhafter nicht wünschen könnte. Und Namibia ohne Fleisch, hm… irgendwie wie Oktoberfest ohne Bier.

Bei Ariane sitzen alle Gäste an einem Tisch, so dass wir uns einer sehr netten Unterhaltung erfreuten und einigermaßen egoistisch zufrieden grinsten, weil alle anderen uns sehr beneideten: Sie mussten bereits abreisen und wir hatten noch ganze drei Wochen für dieses schöne Land. So kam es, dass meine Tochter auch rein gar nichts mehr daran auszusetzen hatte, noch einen weiteren Tag an diesem gastlichen Platz zu verweilen.

Nach dem ersten Morgenkaffee, den Ariane schon vor dem Aufstehen vor die Bungalowtüre stellen lässt, …

… sowie nach dem hervorragenden Frühstück machten wir am zweiten Tag einen schönen, nicht zu langen Spaziergang (viel zu heiß!) und besuchten den sich ganz in der Nähe befindlichen kleinen Nationalpark Daan Viljoen Game Reserve. Man kann hier einen langen Trail laufen (was wir ablehnten, siehe oben) oder den 4×4-Trail fahren, was für uns in Ordnung war. Als wir neben einigen Antilopen die ersten Giraffen fanden, waren wir ganz aus dem Häuschen und konnten uns kaum von den eleganten Hochbeinern trennen. Liane probierte ihre neue Kamera aus – sie ist ein Naturtalent, wie man unschwer sehen kann :-)

Andere Menschen haben wir erst wieder getroffen, als wir am Ende am Office ankamen. Vorher hat man oben auf dem 4×4-Trail noch einen schönen Ausblick über die Berge Richtung Windhoek.

Den schönsten Ausblick gibt es allerdings doch am Sundowner-Platz bei Ariane auf Eagle Rock und so passten wir auf, dass wir rechtzeitig wieder „zu Hause“ waren. Am Weinschrank vorbei und hin zu unserer Bank!

Es ist schon verrückt, wenn man sich bereits nach zwei Tagen und am Anfang einer Tour nicht von den Menschen, die man gerade kennengelernt hat, trennen möchte – aber genauso erging es mir. Ariane hat uns viel von ihrem Leben erzählt, von ihrer unendlichen Fürsorglichkeit für ihre Kühe und über ihr Kümmern um die Menschen, die ihr helfen und für die sie Verantwortung fühlt. Insbesondere die weiblichen haben es ohne Schutz nicht immer leicht. Wir wünschen ihnen alles Glück, das sie verdienen, und dass die bürokratischen Hürden nun bald mal ein Ende haben.

Am dritten Tag unserer Reise ordneten wir unsere Siebensachen im Auto, verzurrten alles auf Feinste und machten uns auf, eine der lekkersten Pads in Namibia zu fahren: Quer durch das Khomas-Hochland über die C26/D1265/D1275, den Kupferberg Pass und den spektakulären Spreetshoogte Pass, über Solitaire und durch endlos anmutendes Gebirge nach Tsauchab im Süden.

Diese unendliche Weite, für die jeder Namibia einfach nur lieben muss. Was hier flach aussieht, befindet sich übrigens auf der Höhe unserer Voralpengipfel.

Der erste Webervögel-Baum

Am Spreetshoogte Pass

Nach etwa 3 Stunden der erste Gegenverkehr :-)

Des wird jetzt ne Gaudi!

Diesen krassen Luxus verdanken wir dem Bauern Nicolaas Spreeth, der in der Zeit des 2. Weltkriegs mit eigenen Händen den Pass errichtete, um den Warenverkehr zu seiner Farm zu erleichtern. Wegen der besonderen Steilheit ist das Befahren noch immer nur eingeschränkt möglich. Keine Anhänger, keine Wohnwägen und LKWs!

Geschafft! Motorbremse hat gut gehalten.

Für Tsauchab gibt es ein nächstes Kapitel.

Wir schaffen das… wir schon :-)