Hm… hat denn hier niemand in der Zwischenzeit etwas schreiben wollen? ICH…? Nein, ich war mit anderem beschäftigt: leben, Abschied nehmen, Familie spüren.

Zwischenzeitlich war ich hin und hergerissen, ob ich diese Seite weiterführen soll. Dann dachte ich: ach lass sie doch einfach mal stehen, ruhen… irgendwann wirst du schon wissen, ob die Sprache wiederkommt, wo du momentan vor allem schweigen möchtest. Drei nah aufeinanderfolgende Abschiede im engsten Familienkreis – davon bleibt man nicht unverändert. Irgendwann wird die Veränderung fester Teil des Ichs und man spürt sie nicht mehr so intensiv. Da bin ich jetzt vielleicht angekommen. Eine Lebenslinie hat Anschluss an andere gefunden.

Jedenfalls ist mir eingefallen: Ich bin noch einige Schottland-Etappen vom letzten Sommer schuldig. Kommt noch! Nicht als akribische Aufarbeitung, aber zu einigen (vor allem hier im Blog neuen) Orten werde ich noch etwas aufschreiben.

Ungeachtet der inneren Zurückgezogenheit war es äußerlich im Herbst wild zugegangen. Und das kam so: Ich war eben bestens erholt aus dem Griechenland-Urlaub zurückgekehrt, als am Tag darauf unsere Lieblings-Kultband Runrig ihre Final Mile and The Last Dance für Sommer 2018 ankündigte. Schnappatmung!!! Gerade noch in der Re-Akklimatisierungsphase für die Arbeitswelt, hieß es nun, sich im Affentempo mit der Community abstimmen, Zeiträume planen, Quartiere in Schottland suchen, Flug und Auto buchen und zwei Tage später zusehen, überhaupt ein Ticket zu kriegen.

25.000 Karten für das Abschiedskonzert in Stirling gingen im Vor-Vor-Verkauf  innerhalb von Stunden übern virtuellen Ladentisch. Als kurz darauf wegen Riesenärgers, vor allem bei den britischen Fans, die wohl nicht so fix wie wir gewesen waren, ein zweites Last Dance-Konzert ausgeschrieben wurde, besorgten wir auch dafür ruckizucki Karten – wir sind ja eh‘ mal da. So werden wir in Schottland zwei Tage in Folge den Runrig-Abschied feiern, was gewiss denkwürdig wird! Viele Fans wollen Bäche weinen. Ich nicht – die Jungs leben ja noch! Ihre Musik wird Bestand haben, wird junge Künstler inspirieren, und ihre poetischen Liedzeilen werden manches T-Shirt zieren. Malcolm Jones sah man heuer schon als Gastmusiker bei Skipinnish – womöglich wird die Zukunft abwechslungsreicher als die jüngste Vergangenheit. Ups, das war despektierlich… , leider meine ich es, wie ich es schrieb.

Klar könnte die Band sich auch ein Beispiel an den Rolling Stones nehmen und noch so 5 – 10 Jahre für einige Konzerte auf der Bühne stehen und „Loch Lomond“ singen. Aber ich verstehe absolut, wenn sie, die ihre Touren zum großen Teil selbst organisieren, ihre Zeit noch für anderes nutzen möchten.

Apropos Stones: Diese beehrten München mit der No Filter-Tour, während ich in Griechenland war. So kam ich nicht in den Genuss, über die preiswerten Lucky Dip-Tickets ‚Front of Stage‘ zu stehen. So wie ein Freund von mir, der feixend nach Naxos rapportete: „Ich steh‘ neben ’nem Franzosen, der zeigt mir gerade sein 797-Euro-Ticket.“ Ich darauf: „Hast du das fotografiert?“ „Ja :-)“ Ich lachte mich auf meinem griechischen Balkon halbtot. Was für ein Depp, dachte ich.

Und seien wir ehrlich, es ist schon krass, wohin wir uns entwickelt haben! 800 Euro für ein Konzert von Männern, deren Jüngster 70 und deren Ältester 76 Lenze zählt. Als die Preise rauskamen, war ich echt sauer auf die Band.

Leider musste ich mich – nachdem ich Anfang Oktober beim Konzert in Düsseldorf war – korrigieren. Bewahrte ich während der ersten fünf Songs noch höfliche Distanz, hatten diese Kerle mich ab „Bitch“ eiskalt eingewickelt. Jeder Einzelne und alle zusammen – bis zum letzten Ton! Wea ko, dea ko… Fragt mich nicht, wie sie das machen – es ist live von einem andern Stern.

Danke an meinen Freund Bernhard für die Einladung und für’s Chauffieren ab und bis Neckarsulm, so dass mir lediglich die Reststrecke von und nach Bayern zu fahren blieb. Trotzdem gut, dass bei meinem Auto inzwischen die Kupplung getauscht war! Eine ganze Woche hatte es in der Werkstatt gestanden – heutzutage muss man einen Wagen vollständig auseinandernehmen, um eine Kupplung auszuwechseln… tststs.

Beim ersten Härtetest auf der Fahrt zu meinem Bruder bei Hamburg – da traf ich gemeinsam mit Sturm Herwarth und der zugehörigen Sturmflut ein – rollte alles wieder, wie es sollte. Gott sei Dank.
Und ungeachtet des rauen Wetters wurde der Besuch im Norden zu einem wunderbaren Erlebnis, bei dem ich mich besonders freute, einmal das beeindruckende Airbus-Gelände ansehen zu können, wo mein Bruder arbeitet. Die Schwester ist stolz :-)

Airbus

Sturmflut Ende Oktober 2017. Vorn im Bild sieht man, wie hoch das Wasser am Morgen noch stand.

Blick von St. Cosmae in Stade

Ein zweiter Kurzausflug im Herbst führte mich nicht nur bis ans Wasser, sondern drüber hinaus, nämlich hier hin – diese schönen Brücken sind doch unverkennbar, oder… :

Noch keine Idee? Na gut, aber jetzt:

Genau: Unsere Lieblingsstrecke von München nach Edinburgh. Nicht zum großen Weihnachtsmarkt, sondern zum kleinen, aber feinen Konzert von Adam Holmes und Rachel Sermanni. Adam Holmes hat 2017 sein drittes, wunderbares Album „Midnight Milk“ herausgebracht, welches ganz klar schon seinen Weg zu mir gefunden hat, und ich wollte ihn mal mit seiner eigenen Band „The Embers“ live hören.

In Stornoway 2016 war er ja noch mit RURA gewesen – dort haben die Musiker das große Zelt gerockt. Auch der schöne, holzdeckenverkleidete Saal im The Pleasance Theatre war ausverkauft, und die Künstler wurden auf typisch schottische Art warm vom Publikum gefeiert. Mich hat hier überraschender Weise vor allem die charismatische Rachel begeistert, sie hat die Zuhörer mit sehr zarten und dann wieder mit richtig kräftigen Tönen fest im Griff. Es war ein wunderbarer Abend. Eiskalt, aber schön.

Einige sehr gute Künstler hatten wir dann sogar noch in und um München: Liam O Maonlai in der Poinger Christuskirche, North Sea Gas in der Montessori-Schule Niederseeon, wo uns die Schüler ganz fantastisch bewirteten, und kurz vor Weihnachten rockten die verrückten Finnen Steve ‚N‘ Seagulls das Backstage. Herrrmaaan!!!

Aber vorrangig waren diese Wintertage den Planungen für 2018 vorbehalten, denn ich mache mein in Windhoek gegebenes Versprechen wahr und komme dieses Jahr wieder nach Namibia. Es wird ein Mädelsausflug mit der Tochter. Wir haben uns eine sehr schöne Route sowohl mit stillen Plätzen als auch mit energievollen ausgesucht. Dieses Mal wird die Etosha dabei sein. Elefanten und so…

Anders als vor einigen Jahren beschäftige ich mich vorbereitend sehr viel mit dem Land und fühle eine große Offenheit. Lese ein Buch nach dem anderen.

Aktuell das ganz wunderbare, ursprünglich für Kinder geschriebene Buch von Ernst Ludwig Cramer „Die Kinderfarm“. Es ist die spätere Ausgabe von 1951. Unglaublich anrührend, wie der Autor das Leben der Südwesterfamilie mit den fünf Kindern in den 1930er Jahren beschreibt. Seine Liebe zum Land und den Seinen, die Achtsamkeit, die er gegenüber jedem und allem walten lässt, weil jeder Mensch und jedes Teil auf der Farm seine eigene wichtige Rolle im Zusammenleben innehat. Und gucke: Er benutzt Ausdrücke wie „Negerwerft“ (ein Platz auf seiner Farm, wo seine Angestellten wohnen, die wohlgemerkt auch nicht härter arbeiten müssen als er selbst) und ich fürchte nicht eine Sekunde, er könne dies tendenziös meinen.  Es ist ein Buch, welches mir sehr viel Wärme schenkt. Und das muss jetzt mal sein: Dies ist eine Wohltat in dieser nervösen Zeit.

Es grüßt Euch alle – Daqui