Am letzten Wochenende flüchtete ich vor dem allumfassenden Hochnebel und fuhr gen Osten in das Umweltschutzgebiet Unterer Inn.

Es war – da ich diese Gegend noch nicht kannte und möglichst viel sehen wollte – vor allem eine Autotour.
Einen etwas längeren Stopp legte ich in der Marktgemeinde Obernberg ein, die hübsch auf einem Hügel am Ufer des Inns liegt und auf eine interessante historische Vergangenheit zurückblickt. Da will ich unbedingt noch einmal hin und mehr kennenlernen.

An den Fluss, den man angesichts der imposanten Breite fast gar nicht wiedererkennt, schließen sich tiefe Auwälder an.

Auwald

Ich hatte gelesen, dass die im Burgbereich von Obernberg ansässige Falknerei jetzt im Oktober noch Flugvorführungen zeigt, bevor es in die Winterpause geht. So entschied ich mich spontan für einen Besuch. Folge deinem Bauchgefühl :-)

Es war ein schöner, sonniger Nachmittag – was uns Besuchern allerdings besser taugte als den Greifvögeln. Die Burg bietet eine wildromantische Kulisse.

Und ich, die ich wegen lauter Vorbehalte („die armen eingesperrten Tiere“) nie in einen Zoo gehe und schon mit dem benachbarten Wildpark ein gewisses Problem habe, saß mit offenem Mund da, bewunderte die unfassbare Schnelligkeit des Federviehs, derer ich auf die kurze Distanz mit der Kamera kaum nachkommen konnte, und war eingefangen von der Empathie, die Falkner Christian Großkopf und sein Team ihren Schützlingen entgegenbringen.

Der spezielle Bonus: Ein Besuch der Flugvorführung auf Burg Obernberg ist nicht nur wegen der beeindruckenden Nähe zu Adlern, Falken, Bussarden, Uhus oder der Geierdame Charlie ein Faszinosum. Der Falkner bringt in seine Show Gedanken und Fragestellungen ein, die durchaus Parallelen zu uns Menschen bietet. Oder es kam mir nur so vor, weil ich eine besondere Affinität zu diesen Tieren habe.

„Greifvögel sind keine Hunde.“ Lacht nicht! Denkt nach! Und wundert euch fürderhin nicht mehr darüber, dass es einfach nicht gelingen will, den Partner oder die Partnerin nach euren Vorstellungen umzumodeln. Wir sind, wie wir eben sind. Ihr auch!

Falknerei Obernberg-5

Die Frage aber, die ich vor allen anderen mit nach Hause genommen habe: „Warum kommen sie immer wieder zurück?“ Der Falkner von Obernberg lässt seine Vögel nämlich frei fliegen. Aber außer, wenn sie sich mal verirren oder den Besuch der Europatherme in Bad Füssing zu lange ausdehnen, um die Kurbedürftigen zu beobachten, finden sie sich immer wieder auf der heimatlichen Burg ein.
Die naheliegende Antwort des Publikums, den Verweis auf die regelmäßige Fütterung, relativierte der Falkner: Die Greifvögel verfügen, sofern sie nicht verletzt sind, über genügend Fähigkeiten, erfolgreich Beute zu schlagen. Sie kommen auch nicht zurück, weil sie die Bezugsperson vermissen. Denn Greifvögel sind ja keine Hunde.

Nun darf jeder selbst weiterdenken. Ich jedenfalls sage schon seit meinem aufsässigen Teen-Alter, man möge mich doch einfach gewähren lassen, dann mache ich in aller Regel schon das, was man von mir erwartet, es sei denn, es stünde etwas Gravierendes dagegen. Danke, ihr lieben Gefiederten mit den scharfen Schnäbeln und den eindringlichen Augen, welche einen schier zu durchleuchten scheinen. Danke dafür, dass ich mich ein Stück normaler fühlen kann, weil ihr auch so seid.

Die Show des Tages lieferte am Samstag Gänsegeier-Dame Charlie. Sie bewies eindrucksvoll, dass hier nichts einstudiert ist, dass sich auch nichts dressieren lässt und dass der Futter gebende Falkner nur dann der Boss ist, wenn er im spontanen Kräftewettstreit obsiegt.

„Hab‘ ich je ein Wässerchen trüben können?“ Hat sich der Falkner als Meister erwiesen, ist Charlie auch bereit, sich wieder brav auf der Hand spazieren führen zu lassen.

Beim Anblick des Riesenvogels mit dessen scharfen Beißwerkzeugen über seinem Kopf dachte ich nach den letzten Sekunden freilich: Der Mann hat wirklich ein Urvertrauen zu sich und den Vögeln.

Falknerei Obernberg-11

Ich danke sehr herzlich der Falknerei Obernberg für die erteilte Genehmigung zur Veröffentlichung der Fotos.