Teil 3 Großbritannien-Tour 2015.

Der riesengroße Vorteil an Autotouren mit Zelt ist, dass man nichts vorbuchen muss, sondern einfach durch die Lande stromern kann, wie es einem gefällt. Und dass die Tage oft anders enden, als man es zum Frühstück noch dachte.

The Lakes: Fragt man Engländer nach dem schönsten Gebiet im Lande, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, auf diesen Nationalpark oberhalb von Manchester, mit seinen imposanten, schon von der Autobahn zu bewundernden Bergen und den zahlreichen schönen Seen verwiesen zu werden. An die 1.000 größerer und kleinerer Gewässer soll es dort geben.

Und: The Lakes sind Beatrix Potter-Land! Die Engländer lieben die Geschichten des bad boys unter den Hasen über alles, fiebern mit, wenn er unter Missachtung der Ermahnung seiner Mutter, nicht in des McGregors Garten zu gehen, da sein Vater dort „processed by Mr. McGregor to a pie„, seine Abenteuer besteht.  Und so schaut man unwillkürlich ein wenig genauer ins Gras und Richtung Büsche, ob Peter Rabbit einem irgendwo begegnet.

Außerhalb der romantischen Zeichenwelt allerdings trifft man eher die üblichen Verdächtigen:

Glenridding 5

Nach wohligem Ausschlafen, gemütlichem E-Mail und Wetterbericht-Checken sowie einem laaaaangen und ausgezeichneten Frühstück führte ich in der Lobby des MacDonald Swan Hotels noch ein sehr anregendes Gespräch mit einem englischen Pensionisten-Ehepaar. Ihr Verständnis für meine Weiterreise-Pläne nach Schottland blieb begrenzt: „Dort ist doch alles so rauh und kahl.“ Ihnen würden das satte Grün und die vielen verschiedenen Baum- und Pflanzenarten viel mehr zusagen, weshalb sie jedes Jahr hierher kämen.

Ja, Grün ist es wirklich im Lake District!, kein Wunder, gibt es doch nirgendwo in England so reiche Niederschläge wie hier, wobei sich von Tal zu Tal ein differenziertes Bild bietet. Entlang der A591 am Windermere und Grasmere kam ich mir tatsächlich stellenweise wie in einem riesigen Botanischen Garten vor. Die Menschen, die man traf, grüßten englisch heiter und erkundigten sich, ob man den Tag auch so wundervoll fände. Hingegen wirkten die Berge am Ulswater, wo ich den Tag beschloss, fast schon schottisch rauh – die Menschen ebenfalls. Ich liebe beides.

Von Grasmere fuhr ich zunächst nordwärts Richtung Keswick. Viel anderes blieb mir auch nicht übrig, es sei denn, ich wollte noch tiefer westlich in das Lake-Gebiet, was ich mir aber für ein weiteres Mal aufsparte. Und somit hat man nur die Möglichkeit, entweder aus dem Tal wieder südwärts über Windermere herauszufahren oder eben nordwärts über Keswick. Über den Helvellyn kommt man nur zu Fuß.
Von meinem ersten Besuch beim Steinkreis Castlerigg in der Nähe von Keswick hatte ich in Erinnerung, dass sich dort eine Campsite befindet. Also mal gucken, wie man sich dort fühlt!

Ich fuhr zunächst verkehrt, nämlich links abbiegend zum kleinen Weiler Castlerigg, wo sich 2 Campsites befinden, während der schöne Steinkreis rechts von der Straße liegt. Zu diesem hätte ich 500 m vorher nach rechts abbiegen müssen – das war vielleicht nicht so gut ausgeschildert gewesen und die Susi kannte zwar den großen Holiday-Park, den Steinkreis dagegen nicht. Ein Schlingel, wer Böses dabei denkt. Doch da viele Wege nach Rom wie nach Castlerigg führen, hat man hinter Keswick, rechts von der Penrith Road abbiegend, noch einmal eine Zufahrt zu den Steinen.

Castlerigg

Campsites gibt es insgesamt gleich 5 in der Nähe, aber in mir war, nachdem ich den Steinkreis ja bereits 2011 bei schönem Wetter fotografiert hatte (Bild oben) und solches für diesen Tag nicht versprochen war, die Peter-Rabbit-Neugierde auf etwas Neues stärker.

So fuhr ich über die enge A5091 ins nächste Tal, zum Ullswater. Ich hatte gelesen, dort soll es eine Wander-Campsite geben, von wo aus man direkt zum Helvellyn starten kann. Bevor man über den letzten Berg an der Zufahrtsstraße wieder runter zum See rollt, wird man oben noch durch eine gigantisch schöne Aussicht erfreut.  Mich beeindruckte der Ullswater mehr als die zuvor gesehenen Seen. Er hat irgendwie eine mysthische Ausstrahlung, zumindest an diesem grauen Tag: Eine Mischung aus Düsternis und Vornehmheit.

Mein Navi fand die Campsite im kleinen Ort Glenridding natürlich wieder nicht, obwohl es etwas anderes behauptete. Wahrscheinlich dachte die Susi, Bergstraße ist Bergstraße. So blieb nach einem gescheiterten Eigenversuch, den Platz durch eifriges Schauen rechts und links der Straße zu entdecken, schließlich nur ein Stopp am Ortsplatz und ein Nachfragen in der Tourist-Information. Ein Pfadpfinder lässt nicht locker, bevor er gefunden hat, was er sucht! War dann auch gar nicht schwer… direkt oberhalb der Information, über ein schmales Sträßchen erreichbar.

Gillside Caravan & Camping Park: ein Platz, an dem man garantiert nicht fürchten muss, auf protzige Concords zu treffen. Einfach zu hügelig und auf den meisten Flächen zu schräg. Ich hatte das Glück des frühen Ankommens und erhaschte einen der wenigen ebenen Flecken.

Glenridding Campsite

Den übrigen aber machte die Schrägheit nicht viel aus, am Abend war nahezu jeder qm besetzt; eine Ansammlung eng beieinander aus der Erde geschossener bunter Maulwurfshügel.

Ich wäre hier in jedem Fall geblieben, denn heute war Wandertag! Hoch Richtung Helvellyn sollte es gehen. Ich möchte aber hervorheben, dass es mir auf diesem Platz ausgesprochen gut gefiel: einer der wenigen Naturcampingplätze, auf die ich getroffen bin. 11 £ und gut war’s. Einen netten Plausch mit der Lady gab’s umsonst. Herrlich.

Ruhig darf man es sich nicht vorstellen: Überall wurde gegrillt und auch Musik gemacht, fast eine Volksfeststimmung… wunderbar entspannt. Gruppen junger Backpacker campierten mit Winzlingszelten zwischen großen Familien-Palästen; niemand nahm Anstoß am anderen und auch nicht an der Enge. Die einzigen, die rumzickten, waren die Hunde. Aber die Leute haben sie schwer im Griff.

Ob aus Rücksicht gegenüber dem einzigen fremden Autokennzeichen oder aus Zufall: Ich blieb nahezu die einzige, die ihren einmal eingenommenen Platz später nicht mit anderen teilen musste. Abends, als ich vom Wandern zurückgekehrt war und es nieselte, spannte ich noch mein Tarp daneben auf, wickelte mich in die Wolldecken und schaute mit einem Guinness in der Hand dem munteren Treiben zu. Freute mich für die Campsite-Besitzer, die heute abend um die 2.000 Euro verdient haben würden und dafür lediglich den Rasen zu mähen und das einfache Sanitärhäuschen reinlich zu halten brauchten. So angenehm kann Camping sein.

Ein bisschen wie in Glenbrittle auf der Isle of Skye, nur kleiner. Aber genauso hervorragend als unkompliziertes Lager zwischen anstrengenden Wanderungen oder Klettertouren geeignet. Die Wege starten direkt von der Campsite aus und führen mitten hinein in das beeindruckende Helvellyn-Massiv. Und während ich am Abend wieder abstieg, kamen mir etliche junge Männer entgegen, die sich mit schwerem Gepäck auf eine Tour mit Übernachtung in den Bergen aufmachten. Vielleicht sollte ich es doch auch noch einmal probieren im nächsten Jahr – die Gepäck-Last  noch weiter reduzieren und die Etappen einfach so gestalten, dass sich auch der schlechte Fuß nicht beschweren muss. Es muss nachts und am frühen Morgen gigantisch sein dort oben!

Glenridding 15

Glenridding 16

Glenridding 9

Glenridding 12

Glenridding 7

Glenridding 6