Werden wir uns schon wieder vom „jungen Wilden“ verabschieden oder schenken ihm die griechischen Wähler noch einmal das Vertrauen?  Wahleuphorie sucht man jedenfalls zumindest auf der Kykladeninsel Naxos vergebens.

Unten in Agia Anna kleben weniger Wahlplakate als vielmehr die neuen Termine für das Domus Festival: Jazz Blues Stories am Dienstag, Donnerstag der Gitarrist Nikos Giolias. Morgen, am Wahlabend immerhin großes Kino mit Zorba The Greek. Das passt für jedes Wahlprogramm und auf jeden Sieger.

„Es macht keinen großen Unterschied, wen wir wählen“, so heute ein junger Mann im Dorf, der während seiner Studienpausen im elterlichen Betrieb hilft.

Ich erinnere mich an die Bilder voller Hoffnung auf einen Neuanfang, die noch vor einigen Wochen um die Welt gingen. Ein Wunder ist die jetzige Ernüchterung nicht, dennoch macht sie melancholisch und auch ein bisschen traurig.

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Plaka Beach

Plaka Beach – Wie viele Sonnenliegen dürfen hier stehen?

Die „Strandlaufaktion“ des Finanzministeriums in dieser Woche hat sicher auch keine Sympathiepunkte gebracht: Aus einem Polizeiauto stiegen drei Beamte und ein Mann in Zivil, die die Zahl der aufgestellten Sonnenliegen zählten und sich von den Touristen Quittungen zeigen ließen. So etwas ist am Plaka Strand nicht ohne Pikanterie :-)
Der Zivilist trug ein riesiges technisches Gerät mit sich, welches per Kamera wohl Abgleiche zum Zentralregister herstellen sollte. Wo die Männer auftauchten, war zuvor eiligst „aufgeräumt“ worden. Sogar die Tische einer beliebten Taverne waren hopplahopp verschwunden. Stille Insel-Post.
Später stellte sich freilich heraus, dass vorher bereits Luftaufnahmen gemacht worden waren, um zu prüfen, ob die Zahl der aufgestellten Liegen mit der der angemeldeten übereinstimmt.

Vielleicht hätte man diese Aktion besser um eine Woche verschoben, um nicht an der Erinnerung zu rühren, dass der Monat Juli in diesem Jahr fast ein Totalausfall war, nachdem die Griechen aufgrund der Bargeldbegrenzung auf das Reisen verzichteten. Auch Maria hatte im Juli große Einbußen, und dies ist für den kleinen Familienbetrieb, der zwei heranwachsende Kinder anständig durch die Ausbildung bringen will, durchaus nicht lustig.

Anderen geht es nicht besser. Da mögen sich die Leute von Plaka Camping & Hotel zwar einen schicken weißen Transporter geleistet haben (wobei ich dem alten Roten als weithin sichtbarem Markenzeichen für ursprüngliches Camping nachtrauere), aber am Strand erzählen Gäste, es sei ungewohnt leer auf dem Platz.
Und ich habe es auch noch nicht erlebt, dass der Maragas-Supermarkt schon Mitte September den Ausverkauf beginnt und anfängt, Regalteile nicht mehr zu füllen, sondern zuzuhängen.

Wenngleich es die Landsleute auf den dodekanischen Inseln, wo es insgesamt fast 200.000 Stornierungen gegeben haben soll, viel härter getroffen hat, werden die naxiotischen Kleinunternehmer in diesem Jahr wohl wieder sehr froh sein, dass sie in vielen Fällen noch über das zweite Standbein durch die Landwirtschaft verfügen. Werden sie dadurch auch nicht reich, hilft es doch, über die Runden zu kommen.

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Dieses schöne große Schiff war nur eine Nacht zu Besuch in Agia Anna. Vor Ort liegen wieder die 2-Master, die ich aber nicht mehr täglich ausfahren sehe.

Unerschütterlich bei allen Wettern und in allen Zeiten: Agios Nikolaos auf den Felsen vor Agia Anna:

Agios Nikolaos Naxos

 

Edit 21.09.2015: Dass Alexis Tsipras diese Wahl noch einmal gewinnen konnte, dürfte inzwischen hinlänglich bekannt sein. Ich begrüße dies insofern, als er verantwortlich handeln muss und nicht einfach aus der Oppositionsecke heraus den Besserwisser-Finger heben kann. Andererseits steht zu befürchten, dass Diskontinuität und Instabilität sich fortsetzen.

Interessant war für mich nun, wie die Inseln gewählt haben, und hier insbesondere die dodekanischen, welche seit Wochen extrem durch die Migrantenwanderungen belastet sind sowie natürlich meine Lieblingsregion, die Kykladen.

Bei überall großer Wahlabstinenz von durchschnittlich 45 % gab es auf den Kykladen – wie man das angesichts des Bruchs des Wahlversprechens eigentlich auch erwarten konnte, ein Abrutschen der Syriza-Wählerzahl mit 31,87 % gegenüber den 36,39 % vom letzten Januar. Auf den Kykladen konnte Syriza den Landesdurchschnitt nicht erreichen. Allerdings konnte Nea Dimokratia diese Verlustpunkte nicht für sich einsammeln, sondern büßte mit 27,95% ebenfalls fast einen Prozentpunkt ein.

Bemerkenswerter Weise zeigt indes der Dodekanes, abgesehen von der geringen Wahlbeteiligung, kein Absinken der Syriza-Beliebtheit, trotz gebrochenem Wahlversprechen hinsichtlich der Einsparungen und obwohl sich bei der Flüchtlingssituation ja durchaus entsprechende Syriza-Programmpunkte belastungsverstärkend auswirken. Kann es sein, dass durch die Stornierungen zwar Tourismusumsätze wegfallen, diese aber durch die Migrantenunterbringung und -versorgung längst wieder ausgeglichen sind?