Da befand ich mich also am Donnerstag Morgen irgendwo im düsteren Ostfjord-Nebelland. Immerhin hatte ich ein paar Stunden geschlafen und konnte schon wieder quere Gedanken spinnen: Nun hast du überhaupt nicht gesehen, was da rechts und links und vor dir lag. Eigentlich müsstest du ein bisschen warten, dann umkehren und die Strecke noch einmal fahren! Also machte ich erstmal Kaffee und ein kleines Frühstück. Doch die Nebellandschaft war schließlich zäher als ich.

Auch lockten die Ziele im Süden, die doch ursprünglich das Hauptziel dieser Reise gewesen waren. Also Fahrt voraus und komme es mit den Wolken noch so dicke!

Und siehe da: Kaum hatte ich die Entscheidung „vor vs. zurück“ endgültig getroffen und die ersten Kilometer zurückgelegt, zeigten sich die ersten blauen Flecken am Himmel – wenngleich auch noch sehr schüchtern.

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Morgens 4.52 Uhr irgendwo in den Ostfjorden

Bis Breiðdalsvík war es nun nicht mehr weit, das Örtchen befand sich im tiefsten Schlaf und ich würde auch niemanden aufwecken. Es gab schon wieder so viel zu bestaunen, selbst wenn der Nebel vieles noch zuhängte. Da war die beeindruckende Berglandschaft, das wunderbare Grün der Moose auf dem schwarzen Strand.

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Eine gespinstige Feenlandschaft, die mich schnell in den Bann zog und die Sonne nicht vermissen ließ.

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Und dann weckte ich unversehens doch jemanden auf!

Wieder Schafe am Wegesrand? Doch die Wesen, die dort ruhten, hatten für Schafe ziemlich lange „Hörner“ und als sie sich aufreckten und davon stiebten, traute ich meinen Augen nicht:

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Rentiere am Berufjörður

Im 18. Jahrhundert wurden die Rentiere in Island angesiedelt, heute sollen im Hochland mehr als 3.000 leben. Im Winter und wie man sieht, auch jetzt im Juni noch, kommen sie der Nahrung halber in die küstennahen Gebiete. Dass sie bei unserer Begegnung direkt am Straßenrand ruhten, zeigt, wie wenig Straßenverkehr es in den Ostfjorden am Morgen gibt. Außer dem Wagen, der beim Schlafen an mir vorbeigefahren war, war ich immer noch niemandem begegnet.

Das blieb übrigens ähnlich bis kurz vor der Mittagszeit. Während der nächsten Stunden erlebte ich – auf und am Rand der Ringstraße – hier schönste und angenehmste Einsamkeit inmitten grandioser Kulisse. Erst viele Stunden später wechselte das Bild, was vermutlich mit dem Fährverkehr zusammenhängt.

Doch zunächst gehörte die Landschaft den Tieren… und mir – der ewig süße Lohn des Frühaufstehers :-)

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Kurz nach 7.00 Uhr tauchte die Sonne die Landschaft in ein weiches Licht. Unfassbar, wie die Landschaft einen ganz neuen Charakter annahm. Und eine halbe Stunde später wieder einen anderen und wieder und wieder…

Mein Reiseführer hat die Ostfjorde eher nur gestreift. Wenn ich andere Reisende bei der Erwähnung von Fjorden leuchtende Augen bekommen sah, ging es regelmäßig um die Westfjorde. So war ich ohne rechte Vorstellungen hierher gekommen – und das war vermutlich gut. Alles roch nach Geheimnissen, die noch erforscht werden wollen!

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Natürlich muss es dabei auch einen magischen Berg geben: den Búlandstindur.

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Morgensonne am Fuße des Búlandstindur

Ich machte es mir am Strand gemütlich, frühstückte noch einmal ausgiebig und füllte an einem der vielen kleinen Bäche meine Wasservorräte auf.

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Selbst mit den Schafen schloss ich wieder Frieden, obwohl einige die Geduld unter dem Motto: „Stillende Mütter dürfen nicht gestört werden“ wirklich strapazierten:

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Aber sie können sich dann ja auch wieder so herrlich diszipliniert auf der richtigen Seite im Straßenverkehr bewegen, dass ihnen niemand mehr böse sein kann.

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Und schließlich kann man ja sowieso in jedem Reiseführer nachlesen, wer in Island der wahre Ihro Gnaden ist.

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Beizeiten hatte ich auch einen wunderbaren Platz am Berufjörður gefunden, wo ich mit ein bisschen Abstand zur Straße mein Zelt aufstellen und den Nachtschlaf nachholen konnte.

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Dort störte mich bis zum Nachmittag keine einzige Seele; dafür prasselte bald der erste richtige Island-Regen auf die rote Hillu nieder – willkommen im Süden!

Das Regengrau begleitete mich auch in das orange geschmückte Djúpivogur (die Isländer geben einem allerorts was zum Schmunzeln!)

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Aber noch weit vor dem Tunnel Almannaskarðsgöng hatte es sich für heute ausgeregnet, und als wollte der Süden nicht, dass ich dem Norden nachtrauere, leuchteten mir blaue Alaska-Lupinen entgegen.

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Ringstraßenbrücke über den mächtigen Gletscherfluss Jökulsá í Lóni

 

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Der 46 km lange Gletscherfluss Jökulsá í Lóni, der am Vesturdalsjökull am Ostrand des Vatnajökull entspringt

 

Und dann war ich auch schon auf der anderen Seite des Almannaskarð-Passes.

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Ich hatte die Eiswelt des Südostens erreicht.

In Höfn stockte ich meine Vorräte auf und befand, dass die Campsite durchaus für eine nächste Übernachtung tauglich wäre. Festlegen wollte ich mich hier noch nicht, denn so nah am berühmten Jökulsárlón wollte ich diesen heute Abend unbedingt noch erreichen. Niemand konnte wissen, ob das Wetter im Süden anhalten würde. Es ging auf 20.00 Uhr zu, keine Zeit mehr für den Leuchtturm Stokksnes!

Dafür waren von einem Moment auf den anderen SIE da: die Gletscher.

Anders als in der umgekehrten Richtung fährt man nicht lange auf sie zu, wenn man aus den Ostfjorden kommt, sondern erblickt sie ziemlich unvermittelt.

Was für ein Moment!

Irgendwie konnte ich es beinahe nicht fassen.

Natürlich musste ich wieder aus dem Auto springen und ihnen durch andächtiges Anstarren meinen Respekt erweisen. Majestätisch und still liegen sie vor mir. Mit einem Kranz aus seitlichen Gegenlicht.

Uraltes Eis! Ewig wollte ich schreiben, doch nichts ist ewig – wir wissen es. Immerhin, mich kleines Erdenwesen, wie ich so vor ihm stehe, wird es lange, lange überdauern.

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Kurz darauf bin ich am Ziel. Die Gletscherlagune Jökulsárlón. Die Einzigartige!

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Viel geschmäht als überlaufen, touristisch zu sehr vermarktet – und doch unerreicht in ihrem Zauber.

Der Ort, an dem sich Männer stundenlang ins wortwörtlich eiskalte Wasser stellen.

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Der Ort, dem ich durch das tägliche Anschauen auf der Webcam schon lange näher war als jedem anderen in Island. Für den ich im letzten August stundenlang am PC ausharrte, um das jährlich einmal stattfindende Feuerwerk wenigstens auf diese Weise mitzuerleben – was mir von Stefan den Beinamen Webcam-Junkie eingebracht hat.

Der Ort, wo jeder Fotograf inmitten der ruhig treibenden Eisblöcke seine ganz individuelle Fantasiewelt erfindet. Ich freue mich auf den neuen Jahreskalender.

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An diesem und dem nächsten Tag verbrachte ich viele Stunden an diesem Fluss, sah den von der Gletscherzunge des Breiðamerkurjökull abgelösten Eisbergen zu, die irgendwann unter der Brücke hindurch ins Meer treiben und sich manchmal – durch die Gezeitenströmung – auch wieder auf dem schwarzen Strand wiederfinden.

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Was für ein Tagesausklang! Wie berauscht bannte ich die intensiven Farben und bizarren Formen auf die Speicherkarte.

Keine Frage, auch am nächsten Tag würde mein Weg mich hierher führen. Doch nur an diesem Tag wurde uns ein derart goldener Abend geschenkt. Irgendwer hat es gut mit mir gemeint!

Der fast volle Mond begleitete mich schließlich auf dem einstündigen Weg nach Skaftafell, wo ich mein Zelt aufschlagen und tief schlafen würde.

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