Teil 9 und Abschluss:  Großbritannien-Autotour Juli/August 2015.

Während wir heute, am letzten Januartag des Jahres 2016, das zweite Mal in diesem Winter zugeschneit wurden und mancher Weg im Ebersberger Forst kurzzeitig wieder Langlauf-Schneehöhe hatte, geht mein Sommer-Urlaubsbericht vom letzten Jahr bei 21°C und schönstem sonnigen Wetter zu Ende.

Was uns zeigen kann, dass es nur ein Fingerschnippen ist von der Vergangenheit in die Gegenwart und von dieser wiederum in die Zukunft. Und all dies tragen wir in uns, solange wir da sind: an winterkalten Tagen zugleich die Wärme des Sommers – beim Feiern schon den Abschied. Das ist die zuweilen schmerzhafte, zuweilen hoffnungsvolle Grundbedingung dieses Daseins.

Aus dem schillernden Glastonbury startete ich am nächsten Morgen Richtung Cornwall. Die Reisezeit war inzwischen tüchtig vorangeschritten (wobei ich erst daheim in Bayern feststellen sollte, dass ich eiskalt meinen Jahresurlaub sogar überschritten hatte) und um tief in die südwestliche Grafschaft zu reisen, würde sie nicht mehr reichen. Also hatte ich mir vorgenommen, der kulturellen Linie von Avalon nach Tintagel zu folgen und es dabei zu belassen.

Doch selbst das berühmte Castle, in welchem der Sage nach Herzogin Igraine durch eine List des Zauberers Merlin von König Usher verführt und daraufhin Mutter des späteren König Artus wurde, konnte ich dieses Mal nicht erreichen. Obwohl man meinen müsste, fünf Tage sollten dafür hinlänglich sein. Aber nun eins nach dem andern.

Über die gemütliche A39 und einem ersten, sehr nahen Stopp im Shapwick Heath National Nature Reserve mit seinen vielen Vögeln erreichte ich schon gegen Mittag die zum Exmoor Nationalpark gehörende Küstenlandschaft am Bristol Channel. Eigentlich hielt ich in Porlock nur an, weil ich zuvor Hinweisschilder für Sehenswürdigkeiten in Minehead bzw. für Holnicote Estate gesehen hatte und nachlesen wollte, was es damit auf sich hat.

Dann war ich in kürzster Zeit so sehr von dem kleinen, hübschen Ort fasziniert, dass ich spontan eine Übernachtung beschloss – blieben ja immer noch vier Tage für Cornwall übrig…

Blick auf die Bucht von Porlock

Blick auf die Bucht von Porlock

Direkt im Ortszentrum gibt es die familiär geführte Campsite Sparkhayes Camping. „This is traditional camping at it’s best“, beschreiben sie sich selbst auf ihrer Homepage und ich unterschreibe es gerne.
Ich solle mir mal einen Platz suchen, meinte der freundliche Besitzer. Und als ich gleich bezahlen wollte: „I see you later.“ Was für ein friedliches Fleckchen Erde! Die Campsite und wie sie geführt wird, erinnerte mich sehr angenehm an diejenige in Gager auf der Insel Rügen. Vor dem Facility-Block gemütliche Sitzgelegenheiten, wo man abends und auch tagsüber beieinander sitzt.
Überall hat man einen wunderbaren Blick auf die See. Wer an den Strand will, muss allerdings 15-20 Minuten laufen – der Ort hat sich vor dem Wasser einen guten Kilometer zurückgezogen und zu Zeiten der Flut weiß man auch, warum.

Wer also dem Küstenwanderweg folgt, sollte bei der Planung seiner Etappen die Tide-Zeiten beachten, um sich nicht so wiederzufinden:

Küstenwanderweg nahe Porlock bei Flut

Küstenwanderweg nahe Porlock bei Flut

Dieser Einfluss der Gezeiten hat für eine an der Ostsee Geborene unbestreitbar eine besondere sowie etwas irrationale Faszination und obwohl ich völlig unvorbereitet war und auch wieder einmal kein Internet hatte, musste ich mich natürlich auf den Weg nach Porlock Weir, dem kleinen, uralten Seglerhafen, aufmachen. Das Foto oben entstand dann abends auf dem Rückweg und: ja, die Füße wurden schon ein bisschen nass. Ihr müsst das wirklich nicht nachmachen.

Bilder von Porlock Weir:

Nach Porlock Weir kommt man auch über eine kleine Zufahrtsstraße.

Nach Porlock Weir kommt man außer zu Fuß über den steinigen Strand auch motorisiert über eine kleine Zufahrtsstraße.

Porlock Weir - Gasthaus auf der anderen Seite der Brücke

Porlock Weir – bei Ebbe

Porlock Weir - Brückenbetrieb mit Traktor-PS

Porlock Weir – Brückenbetrieb mit Traktor-PS

Porlock Weir - die Brückenpassage ist wieder frei.

Porlock Weir – die Brückenpassage ist frei.

Porlock Weir - Bestes Fish and Chips von ganz England

Porlock Weir – Bestes Fish and Chips von ganz England

Küstenweg von Porlock Weir nach Porlock

Küstenweg von Porlock Weir nach Porlock

 

 

 

Exmoor XXVIII

 

Exmoor XXIII

Nun ja… trotz nasser Füße… wer mich kennt und diese Bilder sieht, kann sich wohl vorstellen, was am nächsten Tag folgte: Ich hin zum Platzwart, drückte ihm die nächsten 8 GBP in die Hand und blieb einen weiteren Tag.
Drei Tage in Cornwall müssen reichen :-)

Das Exmoor International Dark Sky Reserve, wie die Landschaft seit 2011 heißt, nachdem der Nationalpark zusätzlich die Anerkennung als Lichtschutzgebiet erhalten hat, hat mich wirklich überrascht. Stundenlang kannst du oben an der Küste laufen und dich nicht satt sehen an den Farben, der üppigen Vegetation und der gegenüberliegenden walisischen Küstenlandschaft, dann drehst du dich um und hast das weitläufige hügelige und grüne Land vor dir, wo sich so gerne die Wolken festhängen.

Exmoor 23

Exmoor 30

Exmoor III

„Das ist eine Gegend, die mich sicherlich nicht das letzte Mal gesehen hat“, sagte ich der freundlichen englischen Zeltnachbarin, „aber nun will ich weiter nach Cornwall.“ Sie gab mir noch ein paar gute Tipps mit auf den Weg… und hatte wie ich keine Ahnung, dass ich in Wirklichkeit nur wenige Meilen weiter kommen würde, nämlich gerade mal bis kurz hinter Lynmouth/Lynton.

Na immerhin hatte ich doch noch die Grenze von Somerset nach Devon überschritten :-)

Exmoor XII

Exmoor XIV

Als mir an dieser Stelle klar wurde, dass ich hier nicht weg wollte, machte ich dann auch Nägel mit Köpfen und buchte mich gleich für die restlichen Tage auf einer Campsite des CCC in fußläufiger Distanz zu Lynton und Woody Bay ein. Das war ein genialer Platz: die meisten Camper bleiben unten bei den Facility-Gebäuden stehen, während ich oben den Hügel, wo der Wind heftig blies, fast für mich allein hatte – inklusive genialer Aussicht auf Exmoor und das Meer.

Am nächsten Tag machte ich mit neun Stunden die längste Wanderung dieses Urlaubs: Von der Campsite startend eine winzige Straße entlang bis nach Lynton…

Blick von Lynton nach Lynmout

… runter nach Lynmouth, den Berg wieder hoch und noch höher bis zum Hollerday Hill oberhalb der Stadt. Und als ich dann dachte: o.k., das war jetzt toll, nun hast du wohl alles gesehen, dann eröffnete sich mit einem Mal der Blick auf auf das Valley of the Rocks. Ähm… ich hatte ja keinen blassen Schimmer gehabt, war doch auf Tintagel vorbereitet gewesen.

Und nun war ich über den Hügel gewandert gekommen, stand da oben und die Kinnlade fiel mir runter. Anders kann ich es nicht sagen – es war genau so. Und ich kann jedem, der das erste Mal das Valley besichtigen möchte, nur raten: Wenn es irgendwie geht, fahrt da nicht mit dem Auto rein, kommt zu Fuß über Hollerday Hill und staunt! England’s Little Switzerland wird das Valley liebevoll genannt.

Valley of the Rocks

Nach einem göttlichen Picknick oben auf meinem exklusiven Platz machte ich mich schließlich an den Abstieg ins Valley, wo es freilich mit der Einsamkeit schnell vorbei war. Dafür wurde das Wetter besser.

Valley of the Rocks II

Beim Blick zurück lugt ein wenig die Bucht von Lynmouth hervor.

Valley of the Rocks III

Aber lieber wieder nach vorne blicken und auf den Weg achten… hier geht es steil abwärts und das Gestein ist auch ein bisschen bröckelig.

Valley of the Rocks IV

Valley of the Rocks - Kletterer

Die kleine Mautstraße durch das Valley führt im Westen an Lee Abbey vorbei, einer christlichen Community mit fast 100 Menschen vieler verschieder Nationalitäten.
Mein Weg wich an dieser Stelle von der Straße ab und an den kräftigen Kühen vorbei hieß es wieder: aufwärts steigen, einen weiten Weg durch den Wald nehmen, und als ich schon glaubte, ich hätte mich verlaufen, stand ich wieder auf dem kleinen Sträßlein, auf welchem ich am Morgen Richtung Lynton gestartet war.

Lee Abbey

Mit den folgenden Abendaufnahmen verabschiede ich mich von dieser hoch erlebnisreichen und inspirierenden Großbritannientour 2016. Sie war von einer selten großen Freiheit geprägt, von keinen festen Terminen oder Quartieren determiniert und vielleicht genau deshalb voller überraschender Momente, Begegnungen und Eindrücke.
Zuweilen einfach durchs Leben schweifen, offen und aufmerksam sein für alles, auch und vor allem für die Menschen auf diesem Weg.

Der nordwestliche Teil des Exmoor-Nationalparks, in dem ich meine Reise von 2015 beendete, ist eine ganz wunderbare Wanderregion mit ganz verschiedenen Facetten und tausend Überraschungen. Am nächsten Tag würde ich  urwaldähnliche Wanderwege beschreiten, zu denen man auf höchst abenteuerlichen Zufahrtswegen gelangte. Und wer weiß, was ich noch alles entdecke, wenn ich wiederkomme. Und ich werde ganz gewiss wiederkommen in diese  Landschaft, wenngleich alle Anmut eines nicht ändern kann: My heart’s in the Highlands… forever.

 

Valley of the Rocks VI

 

Valley of the Rocks VII

Exmoor 33