Zwei Hafenstädte, die außer der exklusive Lage am Meer noch eines gemeinsam haben: Sie werden sehr zu unrecht von Touristen oft links liegen gelassen. Und dieses im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Dabei sind hier zwei gepflegte und mit viel Liebe zum Detail entwickelte Kleinode entstanden, die durchaus Originelles und ganz viel Lebenswert bieten.
Beide Städte blicken auf lang zurückliegende glanzvolle Zeiten zurück und hatten später auch weniger prosperierende durchzustehen. Interessanter Weise sah Stralsund am Ende der DDR-Ära, wo es dem Schiffbau noch besser ging, teilweise aus wie nach dem Krieg. Höchst beeindruckende Vorher-Nachher-Beispiele sind immer wieder anzuschauen auf der ganz hervorragend geführten Facebook-Seite der Hansestadt.

Vielleicht liegt es also an der Erinnerung an die vielen heruntergewirtschafteten historischen Häuser, dass Urlauber, die nach Rügen wollen, heute noch allenfalls einen schnellen Blick nach hinten links werfen, wenn sie komfortabel über die große Rügenbrücke rollen. Ich kann nur jedem empfehlen, anzuhalten und einen Spaziergang durch die wunderbar instandgesetzte Altstadt zu machen, wo das Maritime immer so ganz nah ist.

Vielleicht fühlt Ihr Euch dann auch Endlos… Sorglos…

Endlos Sorglos

Stralsund Stadtmauer

Alt und neu in schöner Harmonie

Stralsund Theater

Theater Stralsund, eröffnet 1916 mit Aufführungen von Ludwig van Beethovens Fidelio und Heinrich Kleists Prinz Friedrich von Homburg.

20141120-211151_Stralsund Skyline

Stralsund Bauernrose am Haus

Von Folkstone sehen die Vielen, die über Dover nach England, Wales oder Schottland anreisen, noch weniger als die Rügen-Besucher von Stralsund. Allenfalls streift man auf dem Weg zum Londoner Autobahn-Gürtel den Stadtrand, indem man auf die M20 Richtung London fährt. Oder man übernachtet kurz zwischen, ohne am nächsten Morgen – obwohl frisch ausgeruht – auch nur ein Auge für den Charakter der Stadt zu haben.

Genauso hatte ich es auch vor. Nachdem sich mein als kurzer Familien-Schlenker geplanter Ausflug auf die Insel Rügen ja als langgezogener Zig-Zag-Path, um bereits die Folkestone-Terminologie aufzugreifen, erwies, sah der Auftakt meiner Tour so aus, dass ich rund 1.000 km von Bayern nach Rügen fuhr, von dort 1.000 km nach Dünkirchen, wo ich deswegen allenfalls die 20.00 Uhr-Fähre sicher erreichen und somit froh sein würde, nach solcher Anstrengung und der vor mir stehenden Weiterfahrt Richtung Schottland mich einfach nur hinlegen und schlafen zu können.

Folkstone Zig Zag Path

Na ja, aber dann war ich – wie hier beschrieben – bereits um 17.30 Uhr an der Fähre, wurde kurzerhand auf das nächste Schiff weitergewunken und stand somit bereits um 19.00 Uhr britischer Zeit in Dover, von wo aus es gerade mal 15 Fahrminuten nach Folkestone sind. Das Einchecken im kurzfristig gebuchten Southcliff-Hotel – direkt an der historischen Leas-Promenade – war denkbar unkompliziert und so blieb noch Zeit für einen Abendspaziergang, der gleich Lust auf mehr machte.

Folkstone Am Leas-2

An der altehrwürdigen, spektakulär am Abhang thronende Leas Cliff Hall, zu der auch der Shelter auf dem Bild weiter unten gehört, befindet sich momentan in der Sanierungsphase und der Fußweg runter zum Strand ist gesperrt.

Folkstone Leas Cliff Hall

Die Leas Promenade, hoch auf den Klippen gelegen, bietet breite Wandermöglichkeiten bis nach Hythe mit schöner viktorianischer Architektur am Rande und immer wieder wunderbaren Aussichten. Bei sehr klarer Sicht soll man bis nach Frankreich rüberblicken können.Das war während meines Aufenthaltes leider nicht der Fall.

Dafür genoss ich die Aussicht aus meinen Hotelfenster spät am Abend. Ich hatte nur die kleine Sony A7 mit ins Hotel genommen und kein Stativ, deshalb gibt es bei ISO 6400 sowie durch die Fensterscheiben, die ich nicht zu öffnen vermochte, natürlich ein kleines Rauschefest – immerhin war es aber auch bereits fast stockdunkel.

Folkstone Blick aus dem Hotel Southcliff

Wow, am nächsten Morgen wieder ganz klar (obgleich immer noch durch die Fensterscheibe!)

Folkstone Leas Am Morgen

Und es begann prompt eine allgemeine und sich den ganzen Vormittag hinziehende Pflege der Außenanlagen. Ich würde mir nur einen Teil davon für zu Hause wünschen. Übrigens haben die Männer bei ihrer Tätigkeit zudem überall ein freundliches „Good-Morning“ auf den Lippen. Nix mit Kotzbrockenfaktor also :-)

Folkstone Leas Am Morgen-2

Was macht der Traktor auf der Promenade? Ahja… die großen Blumenampeln werden täglich mit Hilfe einer Druckpumpe aus großen Tanks mit Wasser versorgt.

Folkstone Leas Am Morgen-3

Am Leas war es trotz der Hochsaison – wir schreiben den 22. Juli – sowohl abends wie morgens aufs Angenehmste ruhig. Ab und zu trifft man einen Jogger oder Spaziergänger, aber wenn man an Binz auf Rügen im Juli denkt, fühlt man sich hier wie außerhalb der Saison. Gemütlich setzte ich mich auf eine Bank, genoß die Aussicht und checkte die Wetteraussichten für Schottland.
Brrrr, da hatte es überhaupt keine Eile. Es war Mittwoch und erst am Wochenende sollte es heller an der Westküste im Norden werden. 12°C und Regen. Alles grau in grau! Warum also eilen… wo es hier doch so gemütlich ist.

Ich besorgte mir englische Pfund und freute mich über die angenehme Stadt, in der es sich entspannt shoppen ließ. Alles ins Auto und dann noch einmal mit der Kamera zum Leas, um wenigstens einmal zum Strand hinab zu steigen.

Wo kommt man bloß runter? Alles dicht mit vielen tropisch anmutenden Pflanzen zugewachsen. Muss ich etwa bis zum Hafen zurücklaufen?

Folkstone Hafen Am Morgen

Ich will nun endlich zu dem großen Vogel da unten!

Folkstone Großer Vogel

Was ein Glück!, am „Bandstand“ fand ich den nach unten führenden Zig Zag Path (was für drollige Namen!)

Folkstone Leas Park-6

Und hier begann mit dem Lower Leas Coastal Park ein wahres kleines Paradies, in welchem ich mich denn auch – wie das in Paradiesen halt so vorkommt – mehrere Stunden verlief und erst beim Anflug eines Hungergefühl wieder hoch wollte. Zu dumm aber auch, dass ich früher nicht wusste, welche perfekten Grill-Plätze es dort gibt.
Man kann übrigens auch mit dem Auto bis an den Rand des Parks fahren und so wie ich die Engländer und ihre Rücksicht auf Behinderte kenne, ließ man auch diesmal eine Familie mit einer gehbehinderten Dame sogar kurz reinfahren, um die Frau dort abzusetzen, woraufhin das Auto dann wieder nach draußen geschafft wurde. Ja, die Engländer und ihre Höflichkeit sowie Gewissenhaftigkeit…

Folkstone Marine Walk-11

Folkstone Leas Park-9

Hier nun auf dem Weg nach unten erhält man bei den in den Stein gehauenen Durchgängen eine Ahnung, wie der Kanaltunnel herausgearbeitet worden ist. Gigantisch schön.

Folkstone Leas Park-8

Folkstone Leas Park-10

Unten dann ein Mix aus dichter Vegetation, griechischem Amphitheater und modernisierter, südenglischer Bäderarchitektur.

Folkstone Leas Park-11

Folkstone Marine Walk-13

Folkstone Leas Park-12

Folkstone Marine Walk-2

Folkstone Marine Walk-6

Folkstone Marine Walk-7

Und immer wieder fleißige, freundliche Park-Pflegearbeiter, die harkten und säuberten, wo noch nicht einmal Schmutz vorhanden war.

Folkstone Marine Walk-9

Denn ohnehin versteht man bei manch‘ einer Verwildertheit so gar keinen Spaß:

Folkstone Marine Walk-5

 

Hier noch einmal eine Abbildung der Gesamtanlage mit Promenade, Spazierwegen oben auf den Cliffs und unten am Strand, die wirklich unglaublich differenziert, mit zahlreichen schönen Details gebaut wurde, und von der sich unsere Rüganer ruhig ein paar Ideen abgucken können.

Folkstone Marine Walk

So langsam kam am späteren Vormittag auch Leben in den Park und erinnerte mich daran, dass ich nun wohl entscheiden sollte, ob ich heute überhaupt abfahren würde… oder was nun?

Folkstone Marine Walk-12

Wieder oben auf dem Leas angekommen, war ich mich entschlossen, heute in der Gegend zu bleiben und mir die Campsite anzusehen, die sich oberhalb von Dover befindet und die ich wohl für die Übernachtung vor der Rückreise brauchen würde, denn da hieß es, um 9.00 Uhr am Hafen zu sein.

Fast kam ich nicht ran an die kleine Straße, die Richtung Deal führt, denn unten am Kreisverkehr am Hafen war gerade Hochbetrieb wegen Ankunft eines Schiffes und eine Polizistin stand mitten in der Ausfahrt nach Deal und wies uns zurück in den Kreisverkehr. Na prima. Was soll das denn nun? Und was mache ich? Warten? Woanders hinfahren? Ein bisschen planlos und von der Susi noch zusätzlich genervt: „Wenn möglich, bitte wenden!“ fuhr ich durch das ziemlich hektische Dover mit seinen aktuell vielen Baustellen und erblickte zum Glück an einer anderen Stelle ein Schild mit der Aufschrift „Deal“. Dummes Navi… warum muss ich alles alleine finden? Hier entstand der erste winzige Riss in der Freundschaft zu meinem Navigon-Gerät, welcher im Laufe der Tour leider größer werden sollte.

Nur wenige Minuten später erreichte ich die Hawthorn Farm Campsite und entschied mich nach einem kurzen Rundgang mit Begrüßung von Hunderten von Hasen, hier zu bleiben. Das riesige Gelände liegt zwar an einer Bahnlinie, aber nachts fahren die Züge so gut wie gar nicht und so ist es hier recht ländlich und auch ruhig. Dafür gibt es eine Menge Vögel zu hören und zu sehen.
Die meisten Stellflächen sind durch hohe Hecken voneinander abgegrenzt, dadurch kommt einem so schnell niemand in die eigene Komfortzone, während auf vielen anderen Plätzen noch spät am Abend plötzlich Leute auftauchen, die sich halt notgedrungen dicht bei stellen.
Wasser und Strom liegen in kurzer Distanz an, womit es noch ein wohliger Tag mit Ausruhen, Lesen und einem Spaziergang durch die Gegend wurde. Im Gebäude der Rezeption gibt es einen kleinen Laden, der liebevoll von zwei Frauen bewirtschaftet wird, die gleichzeitig eine kleine, sehr wohlschmeckende Küche zelebrieren. Mir hat es sehr gut bei ihnen geschmeckt – richtige Hausmannskost wie bei Muttern.

Der Preis für den Aufenthalt betrug für Zelt und Auto sowie Strom 19 £ (26,60 €) und lag damit trotz der großzügigen Plätze klar UNTER den meisten Campsites, die ich noch aufsuchen sollte.
Damit ist gleich festzustellen, dass sich die Preise für Camping in Großbritannien enorm erhöht haben. Für einen solchen Preis hat man vor einigen Jahren noch Bed & Breakfast bekommen. Meiner Meinung nach braucht sich bei dieser Entwicklung niemand zu wundern, dass so viele Leute mit Wohnmobilen versuchen, Plätze für Wildcamping zu finden.
Ich persönlich zahle gerne meine Gebühren, denn es ist ja ohnehin beachtlich, welche Infrastruktur man überall in Großbritannien kostenfrei vorfindet, aber irgendwo beginnt halt das Preis-Leistungsverhältnis für eine Tour mit einem kleinen Zelt zu kippen.

Folkstone Campsite