Die Frage, wo ich zelten sollte, war am Jökulárlón nicht einfach. Der Nationalpark Skaftafell mit seiner Campsite liegt eine Autofahrstunde westlich von der Gletscherlagune Jökulsárlón, in ähnlicher Entfernung also wie Höfn. Unterwegs hatte ich nichts Nettes gesehen. Manche Islandreisende empfehlen, sich am „kleinen Bruder“ Fjallsárlón hinzustellen. Ja, das kann man machen. Die Zufahrt ist wegen der groben Steine für PKW-Reifen ein gewisser Härtetest, aber geht schon.

Andererseits kann man sich dann zweckmäßiger Weise überlegen, sein Zelt gleich für ein paar Stunden am Jökulsárlón aufzustellen, wie ich es von einigen Leuten gesehen habe. Denn auch am Fjallsárlón war ordentlich was los… das ist kein Geheimtipp mehr! Gemütlich zum Lagern fand ich es an beiden Stellen nicht. Kälteempfindliche Seelen sollten zudem bedenken, dass die Temperatur in Gletschernähe noch ein paar Grad runterrutscht; das Bordthermometer zeigte hier in der Nacht 3°C an.

Weil ich mich inzwischen entschieden hatte, am nächsten Morgen in Skaftafell zu wandern, fuhr ich die Nationalpark-Campsite in Skaftafell an. Diese wirkte nachts gegen 2.00 Uhr geradezu idyllisch, der riesige Parkplatz leer, die Campsite höchstens zu 1/5 gefüllt… Platz ohne Ende, Ruhe ohne Ende.

Ich ahnte nicht, wie sehr sich das Blatt nur wenige Stunden später wenden würde! Skaftafell in einer Juni-Nacht und Skaftafell an einem Juni-Tag, das sind zwei komplett verschiedene Welten und die eine davon mag man eigentlich nicht kennenlernen, man kennt sie zur Genüge.

Überall Hektik und gestresste NP-Mitarbeiter, eine Frau von der Universität, die einen nicht ausließ, bevor man nicht ihren Zufriedenheitsfragebogen ausfüllte. Ich versuchte kurz, mich zu wehren und meinte, ich wäre ja gerade erst angekommen. „Macht nichts.“ Mir schwante, die Diskussion mit ihr würde mir mehr Zeit nehmen als das Ausfüllen und ein bisschen regte sich auch Dankbarkeit für die ruhige Nacht, so ergab ich mich in mein Schicksal. Nun habe ich beruflich an Rande selbst mit Zufriedenheitsbefragungen zu tun und hoffe, wir machen es besser.

Die jungen Leute bei den Offices für die Gletschertouren waren entspannter drauf, aber natürlich geht es auch hier trubelig zu, denn die Touren sind beliebt.

Nicht verkehrt verstehen: Ich will mit dieser Beschreibung niemanden abraten, den Gletscherpark zu besuchen, um Himmels Willen! Möchte nur andeuten, worauf man sich einstellen sollte!

Aber wer kein hochlandfähiges Auto hat und auch nicht trekken will, findet hier eine gut zu erreichende und weitläufig ausgebaute Möglichkeit, die Gletscherwelt zu erleben. Auf individuellen oder geführten Touren. Und nach dem Wasserfall Svartifoss, zu dem noch alle Busmannschaften pilgern, lichtet sich die Wanderlandschaft auch merklich und nach einigen weiteren hundert Metern bin ich nur noch Rangern begegnet, welche zahlreiche im Winter zerstörten Wege reparierten. Weshalb übrigens einige Wege auch noch gesperrt waren.

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Svartifoss inmitten der ihn umgebenden Basalt-Orgeln

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Skaftafell Nationalpark

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Leider war „mein“ Skaftafell-Tag einer der typischen, denn nirgends in Island regnet es so viel wie hier und auch ich brauchte erstmals auf dieser Reise Regenkleidung. Das Fotoequipment blieb nahezu den ganzen Tag im Rucksack. Nass und kein Fotolicht! Ein Augen-Ausruhtag sozusagen – tut auch mal gut.

Am Abend fuhr ich noch einmal zum Jökulsárlón zurück und wurde nicht enttäuscht. Zwar leuchtete die Sonne nicht so intensiv wie am Vortag und auch nicht so lange, aber diese Stimmung bot ebenfalls viel Atmosphäre. Außerdem war es sehr spannend, den vollzogenen Wechsel auf dem Fluss zu beobachten: er war recht „leer geräumt“. Dafür lagen riesige angetriebene Eisberge am schwarzen Strand neben der Brücke.

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An diesem Abend waren viel weniger Menschen hier, zeitweise stand mein Auto völlig allein auf dem Parkplatz an der Gletscherlagune.

Den Jökulsárlón und seine kleineren Geschwister habe ich mir für eine nächste Reise bereits wieder fest notiert. Dann bleibe ich aber (zumindest im Sommer) gleich an Ort und Stelle.

Diesmal konnte ich leider nicht länger hierbleiben, meine Reise näherte sich nun langsam, aber deutlich spürbar dem Ende zu. Wenn ich noch zwei Tage für Landmannalaugar reservieren und nicht riskieren wollte, unterwegs überall durchrasen zu müssen, hieß es sich auf den Weiterweg zu machen. Dieser führte mich nach einer weiteren Übernachtung in Skaftafell, wo es in der Nacht erneut erfreulich ruhig war, über gigantische Sanderflächen unterhalb der Gletscher in Richtung Vik.

Immer wieder war ich überrascht, wie vielfältig die isländische Landschaft selbst hier in der wüstenähnlichen Kargheit ist. Und beeindruckend sowieso!

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Ich ließ mir viel Zeit, hielt oft an den Parkplätzen an, welche das Reisen in Island wirklich sehr angenehm machen.

Allerdings fühlte ich mich auch zunehmend genervt. Da können die Isländer nichts dafür und auch sonst kann niemand etwas dafür, es ist einfach Folge der Gegebenheiten: Hier im Süden gibt es nicht viele Möglichkeiten, von der Ringstraße nach rechts und links wegzukommen. Man sieht in dieser schier endlosen Ebene auch ewig weit. Und mir schien, als ob im Süden wesentlich mehr Touristen unterwegs sind als im Norden. Letzteres mag freilich nur ein Gefühl sein, ich bin ja Marketing-Spezialistin für das Gesundheitswesen, nicht für Island :-) und weiß hierüber keine Zahlen.

Jedenfalls war es so, dass – wo auch immer ich anhielt – in kürzester Zeit weitere Autos stoppten – erst recht, wenn ich das Stativ rausholte. Da muss es wohl was Tolles geben!

Leute aufgemerkt: Ihr kennt doch sicher euern Goethe noch: Ich ging im Walde so für mich hin, und nichts zu suchen, das war mein Sinn…

Und das Stativ… ich nehme es meistens mit, das muss gar nichts heißen! Bin zu faul zum eventuellen Zurücklaufen, nicht mehr und nicht weniger… Aber was soll’s, man wird das Phänomen ja doch nicht ändern können, hat nur die Möglichkeit, sich dem ins Landesinnere zu entziehen.

Das Wetter erfreute auch an diesem Tag lediglich durch einige wenige Lichtspots und eine Stunde vor Vik begann lang anhaltender Regen. Nachdem ich außerdem gelesen hatte, dass es in Vik aufgrund heftiger Stürme oft ziemlich grauselig sein kann, setzte ich keinerlei Erwartung in diesen Aufenthalt. Der Reiseführer hatte mich auch hinsichtlich der Campsite ernüchtert, dort soll es zugehen wie in einem Taubenschlag. Aber egal, es war einfach schon spät und ich weit gefahren – Zeit für Rast!

Und siehe da, dann sah ich „im Regen mein Blümlein stehn“. Oder anders gesagt: Hast du erstmal alle Erwartungen losgelassen, begegnen dir die Wunder!

Zwar war der Ankunftsabend so regendüster, dass ich die Reynisdrangar-Trolle fast nicht sehen konnte, zwar musste ich das Zelt im Regen aufbauen, aber ansonsten war bereits dieser Abend urgemütlich. Eine sehr schön gelegene und total nette Campsite, auf der man abends im großen Küchenraum zusammenhockte und sofort im Gespräch miteinander war: Spanier, Franzosen, Schweizer, Deutsche und so weiter und so fort. Differenzierte Geister, alles entspannt und für die Enge relativ ruhig.

Ja und die Trolle, bei meiner Ankunft noch im tristen Grau versunken, zauberten über Nacht einen großartigen, klaren Morgen, für den es sich gelohnt hätte, früher aufzustehen. Aber nach dem Motto „Nicht über das Verpasste wehklagen, sondern das Angebotene genießen“ verbrachte ich diesen Sonnentag bis zum frühen Abend in und bei Vik, entdeckte wurderbare Wandermöglichkeiten und fuhr um den Berg Reynisfjall auf die rückwärtige Seite der Reynisdrangar.

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Am Ende des Strands sah ich Kap Dyrhólaey liegen, scheinbar führte eine Landzunge zu ihm. „Prima, dann kann ich ja gleich hinlaufen“, dachte ich. Weil es indes höchst anstrengend ist, in dem schwarzen Lavasand zu gehen, gab ich das Unterfangen nach einiger Zeit auf. Zum Glück, denn die Landzunge entpuppte sich als gezeitenabhängig und hinten wäre ich auch nicht hochgekommen.

Das Foto zeigt die Landzunge und die Problematik von Dyrhólaey aus, drei Stunden später.

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Staunen über Staunen, die Straße nach Dyrhólaey war nämlich nach der Vogelschutzsperre sogar schon wieder offen, sorgte zudem für einen inneren Lacher. Da ich gelesen hatte, die Zufahrt wäre nicht PKW-freundlich, fuhr ich ganz, ganz vorsichtig und wunderte mich, weil sich der schöne Asphalt fortsetzte und fortsetzte … Schließlich dämmerte es mir: sie haben auch diese neu angelegt. Die Straße wurde, wie ich später sah, gänzlich verlegt, die alte Zufahrt gesperrt. Oben am Parkplatz dann das zu erwartende Bild…

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Genauso überraschend wie nett aber war das Zusammentreffen mit Monique Starr, die in Island Reisegruppen begleitet und mir vom Island-Forum und von ihrer sehr feinen Blogseite her bekannt ist. Wir hatten einen kurzen sympathischen Plausch, bevor sie mit ihren Touristen wieder in den neuen gelben Bus stieg.

Ich wanderte noch hoch zum Leuchtturm, wo ich völlig allein war und wo man einen der schönsten Rundum-Ausblicke nach allen Seiten hat, die ich in Island erleben durfte. Papageientaucher habe ich nicht zu Gesicht gekommen. Sie sollen da sein, hatte mir ein Paar, welchem ich unterwegs begegnete, gesagt, doch ich fand sie nicht. War aber nicht schlimm, nachdem ich sie auf Tjörnes ja schon beobachten konnte.

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Ein bisschen schwermütig verabschiedete ich mich von dieser schönen und liebenswerten Gegend. Wenn ich mich noch einmal entscheiden könnte, würde ich dort noch verweilen, das gute Wetter auskosten, ganz viel wandern gehen und den Trollen Gesellschaft leisten.

So aber sagte ich mir: Wenn du den Wasserfall Seljalandsfoss bei Sonnenuntergang hinter der Wasserfront fotografieren willst, musst du genau heute hinfahren, wer weiß, wie es morgen wird. Dieser Gedanke hatte sich ja bereits beim Jökulsárlón bewährt. Doch wie es sich zeigte, kann man in Island nichts verallgemeinern und nichts vorhersagen.

Aber dazu im nächsten Teil mehr, denn beim Seljalandsfoss war nicht nur das Wetter schlecht, sondern auch einiges andere nicht schön. Das passte gar nicht nicht zu diesem Tag, drum tun wir einfach so, als wäre es ein neuer :-)