Scotland in the sun

Nach dem fulminanten Stuttgarter Auftakt meiner Sommer-Musikreise war ich am Samstagmorgen so aufgekratzt, dass ich trotz der kurzen Nacht bereits vor dem Sonnenaufgang erwachte und deshalb auch gleich Richtung Amsterdam startete, ohne das Frühstück abzuwarten.

Der frühe Vogel… ahnt, dass er später zusätzliche Zeit braucht.

Zunächst war alles fantastisch: So ungehindert habe ich die  westlichen Ballungsräume noch nie durchfahren können und die frühmorgendliche, zartsonnige Stimmung ließ mich mental fast in den Autofahrerhimmel aufsteigen. Leider am Kreuz Köln-Bonn um ein Haar auch körperlich, denn beim Wechsel des Tempos und dem damit verbundenen Schalten blieb das Kupplungspedal hängen und kein Gang ließ sich mehr einlegen. Das war nicht fein :-(

Es gelang mir irgendwie, das ausrollende Fahrzeug auf einen Seitenstreifen zu bringen,  wo ich erstmal Schnappatmung bekam. Was nun? ADAC? Fähre ade? Es war vielleicht keine Vernunftsentscheidung, jedoch für mich alternativlos: als ich beim Neustart wieder schalten konnte, war ich wild entschlossen, das Vehikel bis Großbritannien zu bringen, wenn ich es denn schaffte. Von da an mit Tempo 100 und intervallweisen Tests an den Parkplatzausfahrten. Interessanterweise passierte bei den niedrigeren Drehzahlen nix, machte halt nur keinen Spaß. Und ich sage euch: niiiemals war ich so froh gewesen, IJmuiden zu sehen!!!

Einchecken, erst mal fünf Minuten aufs Bett schmeißen und dann ein paar Ciders ordern auf den Schrecken. Nachdenken würde ich morgen -:)

Immerhin hatte ich diesmal daran gedacht, mir das Kärtchen für das richtige Parkdeck zu ziehen. Das Versäumnis dessen hatte mich im letzten Jahr zum Schwitzen gebracht. So konnte ich nach dem Frühstückskaffee am nächsten Morgen relaxt bewundern, wie eng beieinander Lkw-Fahrer ihre Riesen aufstellen können.

Wie man solches schafft, ist mir ein einziges Mysterium.

Während das Einschiffen am Vortag drei Stunden gedauert hatte, waren wir Sonntagfrüh flugs runter von der Fähre. In der kurzen Wartezeit bis zur Passkontrolle freute ich mich, mein quietschbuntes Lieblingsauto wiederzuentdecken und natürlich über Sonne und die unverhoffte Wärme. 19,5 Grad umd 9:44 Uhr Ortszeit, das ist doch einmal eine Ankunft in Nordengland. Über mein Auto mochte ich mir keine Gedanken machen. Kommt Zeit, kommt ein Monteur.

Ich liebe die Engländer für die nostalgische Telefonzelle, die Sie da inmitten der mobilen Telefonie aufgestellt lassen.

Nach dem üblichen 3x-ligem Mantraspruch „Ich fahre jetzt links“ ging es bei prachtvollsten Wetter über gefühlt 1.001 Roundabouts durch den Northumberland National Park Richtung schottischer Grenze und weiter nach Glasgow, mit Stopp in Jedburgh.

Die Weite und Leere der Landschaft legt sich schon beim Schauen wie ein Aloe Vera-Film wohltuend auf die zivilisationsgeplagte Seele.

Da es Sonntag ist, gibt es keine LKWs auf den Straßen. Dafür zahlreiche Fahrradfahrer und Biker.

Im Cafe Abbey Bridge Tollhouse bekam ich einen vorzüglichen Lunch und die Ofenausstellung gleich noch gratis hinzu. Außerdem traf ich hier die zwei netten Biker aus dem Erzgebirge noch einmal, mit denen ich mich auf der Fähre beim Cider nett unterhalten hatte. Schönen Gruß an Ute und Frank.

Und ein Tipp an alle, die im Zollhaus das Klo benutzen: Glaubt dem Zettel an der Wand und zieht nicht an der Schnur  – es sei denn, ihr wollt wie ich mit dem Schrillen des Alarms alle Besucher auf euch aufmerksam machen :-)

In Glasgow konnte ich meine Pläne leider nicht verwirklichen, denn hier holte mich nun eine Loslass-Migräne ein, sodass mein Aktionsradius ringsum das kleine Sandyford Guesthouse am Kelvingrove Park recht begrenzt blieb. Ich unternahm zwar einen Versuch Richtung Clyde, aber es wurde mir zu anstrengend, so dass ich umkehrte und im Park spazieren ging.

Erneut genoss ich die Atmosphäre von Glasgow sehr, allerdings hat sich der Abstecher so weit nach Westen nicht wirklich gelohnt, nachdem ich die Nachtaufnahmen am Clyde nicht wie vorgesehen durchführen konnte. Ich überlegte kurz, ob ich den Reservetag für eine zweite Übernachtung in Glasgow einsetzen sollte, aber es war mir dann doch angelegen, Strecke gen Norden zu machen. Am Mittwochfrüh musste ich die Fähre nach Stornoway erreichen, und sollte das Auto nicht durchhalten, hätte ich in Inverness noch eine Werkstatt-Option.

So nahm ich als nächstes Ziel die schöne Campsite in Gairloch ins Visier. Das hieraus schließlich Inverness wurde, hatte in der Tat mit dem Auto zu tun, doch wenigstens nicht wegen des Kupplungproblems, sondern wegen eines defekten Scheinwerfers. Den wollte ich lieber gerichtet sehen, bevor es mich wieder zwei Reifen kostet. Es gibt Fehler, die mache ich nur einmal.

Wie nett, dass die Schotten bei den Verkehrszeichen auch an Menschen wie mich denken -:)

Den Aufenthalt in Inverness nutzte ich gleich, mir einen neues Midge Ned zu besorgen, nachdem mein altes zu Hause unauffindbar gewesen war. Auf der Suche danach war ich sehr in Versuchung, einen richtig hübschen Hut zu kaufen, aber schweren Herzens musste ich der Vernunft Vorrang gewähren. Das Leben ist manchmal echt hart!

Auf der Suche nach einem Übernachtungsplatz landete ich auf der Bunchrew Campsite. Sie liegt toll direkt am Beauly Firth – damit kann sie klar punkten. Ansonsten fand ich sie mit 18 Pfund für eine Person mit kleinem Zelt eindeutig überteuert, denn außer der Lage hatte sie keine Highlights zu bieten… und nicht mal ein Geschirrspülbecken.

Doch mir ist heut‘ alles egal, ich mache Bade- und Ausruhtag. Wann hatte ich je in Schottland so klasse Wetter?

Morgen hätte ich dann nur eine kurze Fahrt bis Ullapool und würde eine wunderbare Wanderung unternehmen. Haha, manchmal bin ich schon ein Scherzkeks :-)

Denn… oh Wunder: die App sagt das Wetter mitunter richtig voraus. Es wurde noch heißer, und in Ullapool – ausnahmsweise ganz ohne Autostörungen – angekommen, spannte ich kurzerhand das Tarp über das Zelt, ging neuen Cider einkaufen und verbrachte einen zweiten gemütlichen Tag.

Wobei ich als Mischuldige die schöne rote Katze „verhaften“ kann, die sich sofort bei meiner Ankunft zu mir gesellte und schon mal eine knappe halbe Stunde den Zeltaufbau verhinderte, indem sie sich es auf meiner Zeltplane gemütlich machte.

Tja, in Tobermory würde ich die rote Katze nicht finden, vielleicht war sie längst nach Ullapool ausgewandert – hat sich heimlich auf einem CalMac-Schiff davongeschlichen.

Zur Bemäntelung des Untätigkeitseins teste ich die Unschärfe-Fähigkeit der Samsung S8-Kamera. Für die Schattensituation, wo sie auch noch mit der ISO kämpfen muss, ist das gar nicht mal so schlecht.

Als ich mich kurz mal von der Katze lösen kann, hole ich meine gesammelten Tickets bei CalMac ab und mache ein paar wirklich kurze Spaziergänge. Euphorisch wegen der Samsung-Katzenbilder ohne richtige Kamera. Das soll sich als Fehler herausstellen. Sobald man in der Landschaftsfotografie mehr Brennweite benötigt, ist die Freude an der Smartphone-Kamera schnell vorüber. Auch sonst währt sie nur bis zur Facebook-Qualität, denn sie überschärft ziemlich stark.

Endlich kam ich auch dazu, den Aufbau des neuen japanischen Zelts zu testen. Ich habe es für Wanderungen besorgt, weil es nur knapp über 200 g wiegt (ohne Einsatz); der Wanderstock dient als Zeltstange. Leider konnte ich es auf Mull später nicht ausprobieren, weil das Wetter umschlug und ich nicht in die Berge wanderte. Aber es kommen ja noch die schönen Oktobertage.

Das Khufu von Locus Gear wiegt ohne Mesh nur knapp über 200 gr

Am Abend machen wir uns unisono ans Ufer auf, um den wunderbaren Sonnenuntergang zu genießen.

Morgen Vormittag werden wir dem Weg der Sonne folgen und mit der Fähre drei Stunden auf die äußeren Hebriden, nach Stornoway fahren. Ich freue mich.