Samstag, 24. August 2013, 15.15 Uhr auf der King Seaways in Newcastle upon Tyne.
Habe gerade wieder meine Fährkabine bezogen, nach 16 Tagen Schottland-Aufenthalt  legen wir in knapp zwei Stunden gen Heimat ab.
Heute hätte meine Großmutter Geburtstag – Happy Birthday, Grandma – du warst mein erstes Ich.

Zwei Entscheidungen haben sich in diesem Jahr als goldrichtig erwiesen: Zum einen: das Island-Tagebuch noch vor der Schottland-Reise fertigzustellen, obwohl mir dies in den fünf dazwischenliegenden Wochen neben den beruflichen Aufgaben viel Kraft abverlangte.

Aber heute, nach 16 Tagen Caledonia, wären die Erinnerungen bereits überlagert und ich wüsste gar nicht mehr, ob die eine oder andere Emotion nun schottisch oder isländisch geprägt ist. Zumal sich die Länder in manchem ähneln, wobei sie im Charakter aber doch grundverschieden sind.

Die zweite begrüßenswerte Entscheidung ist die Nutzung der Fährlinie Amsterdam-Newcastle. Gibt sie mir doch die Möglichkeit, in 18 Stunden Fähraufenthalt nicht nur zu pausieren, sondern gleich die neuen Erlebnisse festzuhalten, bevor der Alltag wieder Macht über mich gewinnt.

Diese Art der Anreise habe ich zum ersten Mal gewählt und eigentlich nur, weil ich innerhalb von zwei Tagen mit dem Auto von München nach Inverness zum Runrig 40th Anniversary Concert kommen musste. Aus der Not geboren, bin ich rückblickend sehr, sehr glücklich darüber. Drei Tage Anreise mit Fahretappen von 900, 600 und ca. 500 km sind anstrengend, während ich bei Nutzung der Fähre bis Amsterdam knapp 900 km zurückzulegen und dann 18 Stunden Ruhepause auf der Fähre hatte, wo ich gut schlafen und somit ausgeruht am Folgetag vom nordenglischen Newcastle aus die restliche Distanz zurücklegen konnte.

Sehr komfortabel und mit ADAC-Rabatt alles in allem auch nicht mal teurer als die Route Calais-Dover-Schottland.
DFDS Seaways vergibt übrigens keine halben Kabinen mehr, so dass ich recht luxuriös in einer Einzelkabine mit Meerblick untergebracht war.

Ablegehafen für die Fähre Ijmuiden-Newcastle upon Tyne

Der niederländische Hafen für die Fähre Ijmuiden-Newcastle upon Tyne

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Ablegen der Princess Seaways in Ijmuiden

Als wenn dies nicht schon genug Verwöhnprogramm wäre, legten wir in Ijmuiden bei schönstem Abendsonnenschein ab und konnten bis weit in den Abend an Deck sitzen, der untergehenden Sonne zuschauen.
Herrlich!, es war ein bisschen, als würden wir uns nach Amerika aufmachen. Ein erstes Guinness konnte ich auch noch ergattern. Sie wollten es mir erst nicht geben, weil es ungekühlt war, aber mir machte das nichts aus. Ich mag auf der Fahrt nach Schottland einfach kein deutsches Bier trinken.

Hafenanlagen und Küste in Ijmuiden / Niederlande

Die Logistik bei DFDS Seaways ist ein bisschen betulich, sie benötigen fast drei Stunden, bis sie das Schiff voll und ablegebereit haben. Darüber würden sich die Griechen totlachen. Wenn es etwas gibt, was letztere beherrschen, dann ist es nämlich der Fährbetrieb – selbst bei erheblichen Windstärken. Aber na ja, im Urlaub kann man über so etwas hinwegsehen und geduldig sein, finde ich.

Das wunderbare Sommerwetter kennzeichnete übrigens den größten Teil meiner Reise. Bei Temperaturen zwischen 15 und 23°C und Sonnenschein machte das Draußensein diesmal richtig viel Spaß. Bei einigen ging der Spaß soweit, dass ich in den Genuss von noch nie Gesehenem kam: Badende im Atlantik – aus Mecklenburg-Vorpommern. Unfassbar. Nein, Ihr wollt nicht wissen, wie kalt das Wasser war!

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Am Strand von Durness

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„Wenn wir schon mal am Atlantik sind, müssen wir auch rein.“

Wobei es, um überwiegend schönes Wetter zu haben, manchmal einen Blick zum Himmel und die Änderung der Fahrtrichtung erforderte.  Aber dies ist ja, wenn man nichts vorgebucht und ein Auto dabei hat, gar kein Problem.

So wurde denn auch aus meinen beiden ursprünglichen Hauptreisezielen Assynt/Torridon und dem Castle-Trail in Aberdeenshire mit dem Cairngorm Nationalpark witterungsbedingt der Moray Firth mit den Delfinen, die Nordost- und Nordküste, die sich als wahrer Geheimtipp erweisende Halbinsel Ardnamurchan und ein kurzer, aber sehr schöner Abstecher in die lilafarbenen Cairngorm-Berge.

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Bei Braemar

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Castle Tioram am Loch Moidart

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Kyle of Durness

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Regenbogen über Keoldale

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Strand von Balnakeil

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Am Loch Eriboll

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Sango Sands, Durness

Stacks Of Duncansby

Stacks Of Duncansby

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Sangobeg bei Durness

Einen mehrteiligen Reisebericht wie zur Island-Tour wird es diesmal nicht geben; diese Reise hatte für mich einen anderen Ansatz. Außerdem gibt es zu Schottland ja bereits kommentierte Fotogalerien – ich werde sie um die neu „eroberten“ Regionen und neuen Fotos erweitern.

Wer zur einen oder anderen Location Fragen hat, kann mir gerne eine Mail schicken oder seine Frage im Kommentarbereich stellen.

Meine Reiseroute hat wieder schöne Kreise und Bögen mit durchaus vielen Kilometern gezeichnet, aber bis auf zwei Tage (von Durness nach Clachtoll/Assynt und von Ardnamurchan nach Dunkeld) waren die Etappen sehr entspannt und durch schöne Wanderpausen unterbrochen. Ich habe es immer so gehalten, dass ich nah am Ort blieb, solange das Wetter anhielt und weiterfuhr, wenn das Grau überhand nahm.

Im Gegensatz zu Island fand ich diesmal auch genügend Schlaf. Meist zog sich der Himmel abends zu, so dass ich in den Nacht- und frühen Morgenstunden kein schlechtes Gewissen haben musste, wenn ich wohlig im kuscheligen Schlafsack lag anstatt am kühlen Stativ zu stehen.

Ausnahmsweise habe ich auch ausschließlich auf Campsites übernachtet – es bot sich im Norden einfach an, weil es dort wunderbar gelegene Zeltplätze gibt, zum Beispiel in John o‘ Groats, Dunnet Bay oder in Durness – direkt an traumhaften Stränden gelegen. Man muss sich als Fotograf auch nicht sorgen, weil die Plätze nachts zuschließen. Ich habe überall angefragt und immer hat es auch eine Möglichkeit gegeben, frühzeitig zum Fotografieren vom Platz zu kommen.

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Dornoch – hinter den Dünen ein kilometerlanger vollkommen einsamer Strand.

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Strand von Dornoch

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John o‘ Groats – am Horizont die Orkneys

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Campsite in Durness

Schlechter wurde die Situation an der nördlichen Küste westlich von Nairn bis nach Fraserburgh. Zwar sind auf den Karten diverse Campsites ausgewiesen, indes entpuppten sich viele davon als reine Caravan-Plätze, auf denen man Tourer, zumal solche mit Zelt, nicht besonders gern sieht. Da fühlt man sich dann auch nicht wohl.

In Elgin stand ich mit zwei jungen norddeutschen Radlerinnen ziemlich bedröppelt da, weil uns eine mürrische Dame schlichtweg stehen ließ: No Tents! Und dies, obwohl auf allen Hinweisschilder an der Straße klar erkennbare Zelt-Icons abgebildet waren und die Mädels kurz zuvor von der Tourist-Information hierher geschickt worden waren. Hm…, wir waren sauer, später aber glücklich, denn im nahebei gelegenen Alves trafen wir uns wieder und mischten dort mit unseren Erzählungen den sehr ruhigen, fast leeren Platz auf, was dem netten älteren Warden allerdings zu gefallen schien – er wollte gar nicht mehr in sein Haus zurück.

Generell kann ich nicht empfehlen, mit dem Zelt in Caravan-Parks zu gehen, vor allem, wenn viele Holiday-Homes, also fest installierte Caravans, dort sind. Wer sich für knapp 30.000 Britische Pfund dort eingekauft hat und all seine Freizeit verbringt, tickt einfach anders, hat Rüschengardinen an den Fensterscheiben, Gartenzwerge vor der Tür und langweilt sich (Ausnahmen bestätigen die Regel). Wir Tourer sind für sie wie die Affen aus dem Urwald, die neugierig angestarrt werden.

Zum Glück geht es aber auf den meisten Campsites nett und unkompliziert zu. Die Krone für Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft gebührt Steve in Clachtoll in Assynt. Also ich dort wegen der stürmischen Verhältnisse freiwillig wieder ins Auto einsteigen und weiterfahren wollte, kam er angerannt und meinte, er würde mir schon einen geschützten Platz besorgen. Den bekam ich dann tatsächlich im unmittelbaren Windschatten eines großen Caravans und Steve half mir auch noch, mein Auto rückwärts hautnah im Winkel zum Caravan zu parken, so dass ich ein geschütztes Eck hatte und schlief wie in Morpheus‘ Armen. Andere waren nicht so gut dran, ihre Zelte lagen am nächsten Morgen am Boden oder hingen zumindest ziemlich schief da.

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Felsen vor Clachtoll, Assynt

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In Clachtoll ging an diesem Tage „die Post ab“, was den Wind betraf. Um so glücklicher war ich, als abends wenigstens für eine halbe Stunde die Sonne rausguckte.

Es ist nun 16.50 Uhr und wir legen in Newcastle bei Regen, aber erneut ruhiger See zehn Minuten vor der geplanten Zeit ab. „Sehr pünktlich“ um 17.00 Uhr sollte man also nicht erscheinen! Viele Passagiere lassen sich von der Nässe nicht abhalten, an Deck mitzuerleben, wie sich das riesige Schiff langsam den Tyne entlang der beiderseitigen Hafen-Skylines hinaus aufs offene Meer bewegt. „Going Home“ oder wie Gerhard Gundermann als Rausschmeißer gesungen hat: „Hehejehjeh… der bringt uns sicher nach Haus“.
Ich war auch kurz oben an Deck, aber darüber hinaus werden mich diesmal die Mitreisenden nicht viel sehen. Habe mein Guinness diesmal selbst dabei und schreibe…

Wo waren wir eben stehengeblieben? Ach ja, bei den Übernachtungen. Erübrigt sich wohl zu erwähnen, dass ich inzwischen keine feste Bleibe mehr brauche. Die neue Freiheit ist einfach zu köstlich. Einfach fahren und bleiben, wo es einem gefällt.
Vorhin beim Warten auf die Fähre bin ich kurz mit anderen Reisenden ins Gespräch gekommen. Sie haben wie ich Tolles erlebt, von Military Tattoo in Edinburgh bis zu Highland Games alles besuchen können, was ein optimaler Schottland-Besuch im August so zu bieten hat. Doch das „immer wieder zur Ferienunterkunft zurück müssen“ hatte ihnen die Freude doch etwas getrübt.

Aber auch ich sehe schon wieder Optimierungspotential :)
Ein paar Mal habe ich nämlich die Leute beneidet, die mit ihren kleinen Reisemobilen unterwegs waren. Nicht den großen – die finde ich ganz und gar unpraktisch, so eng, wie es inzwischen auch in Schottland zugeht. Nein, die kleinen VW-Busse und Co. sind es, die mir gefallen. Ihre Besitzer hatten doch noch einige Möglichkeiten mehr als ich, was flexible Übernachtungen angeht. Ich glaube, da steht in den nächsten Jahren wohl eine neue Investition ins Haus. Das Zelt kann dann ja immer noch mit – für Berge und Strände.

So, nun mal eine kurze 5-Best-of- und Loser-Liste für diese Schottland-Reise:

5mal-Herzblatt-Lächeln für:

  1. das Runrig-Konzert. Selbstredend. Der Anlass für diese Reise war zugleich der absolute Höhepunkt.
  2. dafür, dass ich viele Texte der Runrig-Songs bei diesem Besuch verstanden habe (Highland Clearances). Irgendwie kam ich an die richtigen Orte. Irgendwie war ich sehr offen für Historie und für Poesie.
  3. die wunderbare Nordküste mit weißen, einsamen Stränden und viel Sonnenschein.
  4. Assynt. Trotz Sturm und Regens: Assynt ist grandios. Vor allem abseits der Hauptroute auf den winzigen Single Track Roads. Immer straight 25 % hoch und wieder runter und haarscharf um die Kurven. Du kommst mit Schwung auf den Hügelkamm und schaust direkt in die Scheinwerfer eines Schwerlasters einen Meter vor dir. Wo war noch mal der letzte Passing Place gewesen?
  5. die lilafarbenen Berge der Caingorms bei Braemar – ein Traum!

5mal Mundwinkel nach unten für:

  1. die Ungewissheit, wann wir die Jungs von Runrig das nächste Mal live sehen und hören können.
  2. dafür, dass viele, viele Häuser in Schottland leer und zum Verkauf stehen. Hoffentlich landen sie nicht überwiegend in englischen Händen.
  3. das Wetter an der Westküste. Wann endlich hat es mal Mitleid mit mir und gönnt mir wenigstens ein, zwei schöne Tage?
  4. Campsite-Warden, die nette Menschen mit Zelt am Abend ins Irgendwohin weiterschicken.
  5. das Rührei und die anderen warmen Frühstücksspeisen auf der Princess Seaways – ein Graus aus schlechtem Bratfett. Unbedingt weglassen und auf Kontinentalfrühstück und Obst ausweichen.

Ich habe oben die Highland Clearances erwähnt. Da der Begriff im „Positiv“-Block vorkommt, will ich dazu noch etwas ausholen, denn die Clearances sind ein traumatisches Stück schottischer Geschichte, traumatisch wegen der Fakten, aber vor allem wegen der Art und Weise, wie sie sich abspielten. Über die reine Kenntnis der Vorgänge – o. k., das frühe Industriezeitalter hinterließ auch woanders seine Narben – hat sich bei mir diesmal ein emotionaler Zugang und eine komplexere Sicht zu den Geschehnissen entwickelt.

Vielleicht, weil ich mich kurz vor der Abfahrt – durch eine Kommunikation veranlasst – nach Jahren Abstinenz mit den Gegebenheiten in der ehemaligen DDR auseinandergesetzt hatte. Auch darüber könnte man ja sagen – und tut dies oft genug: Das Leben dort hatte doch nicht nur Nachteile, sondern etliche Vorteile. Ich habe viele Streitgespräche in dieser Hinsicht geführt, denn so eine Sichtweise ist beschränkt und deshalb außerstande, zu erklären, warum politische Verhältnisse diese oder jene schwerwiegenden Folgen auslösen, wo Menschen (ihre) Grenzen überschreiten, Folgen, die über Generationen nachwirken können.

Fakt ist: Die Clearances, also die meist gewaltsame Räumung des Hochlandes zugunsten der renditeträchtigen Schafzucht, die Ansiedelung der Bauern in Dörfern an der Küste, wo sie als Fischer und anderen abhängigen Berufen um ihr Auskommen ringen mussten, die Auswanderungen nach Amerika als letzte gesehene Alternative und zuweilen auch ganz und gar unfreiwillig, haben Spuren in der schottischen Gesellschaft hinterlassen, die bis heute spürbar und keineswegs befriedet sind. Da nützt es nur bedingt, wenn sie den einen oder anderen Vorteil mit sich brachten.

Das Clansystem wurde in seinen Wurzeln getroffen und auch die gälische Kultur. Es spricht für die Stärke des Gälen-Herzens, dass der Samen für beides erhalten blieb und sich heute, in besseren Zeiten, wieder entwickeln kann.
„Dust will turn the seed/Home“ (Runrig – „Dust“)

Der Schmerz wird sicher umso heftiger empfunden, als es sich hier vorrangig nicht nur um die gewohnte schottisch-englische Grundfehde handelt, sondern weil die eigenen Adligen, Clanchiefs und schottischen Landsleute maßgeblich beteiligt waren wie George Granville Leveson-Gower, der 1. Duke of Sutherland, zwar von englischer Herkunft, dann durch Heirat schottischer Adliger geworden. Sein Name steht für die schlimmsten Auswüchse der Clearance und seine weithin sichtbare Monumentalstatue bei Golspie ist ein ewiger Stachel, der die Erinnerung wachhält.

Es ist bezeichnend, dass diese Emigranten-Skulptur, vor der jedem, der fühlen kann, das Herz schwer wird, in Helmsdale erst 2007 errichtet werden konnte, während der „zugeroaste“ Bösewicht oben über Golspie schon fast 200 Jahre steht und steht und steht.

Der letzte Blick zurück - Die Emigranten

„Die Emigranten“ oder „Letzter Blick zurück“
Monument in Helmsdale oben in Sutherland

Das Thema Clearance wird in Runrigs bitter-schwungvollem „Dance called America“ aufgegriffen:

„The landlords came
The peasant trials
To sacrifice of men
Through the past and that quite darkly
The presence once again
In the name of capital
Establishment
Improvers, its a name
The hidden truths
The hidden lies
That once nailed you
To the pain“

Das Schloss Dunrobin Castle, Sitz der Sutherlands mit dem Auto anfahrend, war ich noch so voller Emotionen, dass ich das Haus selbst nicht besuchen mochte, sondern wieder nach Golspie zurück fuhr und von dort aus eine Wanderung durch den Wald und am Strand entlang machte. Sicher können die Nachkommen persönlich nichts für ihren Vorfahren und die heutige Möglichkeit, die umliegenden wunderbaren Laubwälder und den Strand auch ohne Eintrittsgebühr frei durchstreifen zu können, ist großzügig, aber irgendwie war immer der Gedanke in mir: Da ist noch viel, viel aufzuarbeiten, bis in die Seelen wirklich Frieden einziehen kann.
Geht es anderen mit uns Deutschen nicht ähnlich?

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Dunrobin Castle

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Am Strand unterhalb des Schlosses

Über die Ausgewanderten habe ich gelesen, sie würden zum Teil noch jetzt, nach vielen Generationen, die Namen derer kennen, die ihnen damals das Dach über dem Kopf angezündet haben.
Hoch oben im Norden sieht man allerorts Ruinen verlassener Höfe und die leeren Highlands – heute ironischer Weise ein Markenzeichen Schottlands – stehen für manch‘ trauriges Schicksal.

Aus Runrig – „Alba“:
This flight is sailing through the clouds
And the blue heavens
The homeland appears like a developing photograph
Through the mists as I return to land
I see Scotland of the high mountains
And the empty acres
Flying low across the moorland lochs
The forests and the glens
Scotland …. Scotland
But it’s a wounding and a hollow sight

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In den Cairngorms vor Braemar.

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Ist schon klar: Ihr könnt nichts dafür, dass Ihr hier allein wohnt.

Es ist wohl nicht zu übersehen, dass diese 2013-Schottland-Reise einen stark historischen Akzent erhalten hat.
Das ist vielleicht unvermeidbar, wenn man gleich zu Beginn zusammen mit rund 15.000 Menschen aus aller Welt (die Clans sind ja weit verstreut) im Moor of Ord, nur wenige Kilometer vom Culloden-Schlachtfeld, wo die Zerstörung des Clanwesens nach der Niederlage der Jakobiter ihren Anfang genommen hat, steht und von den ambitionierten Runrig-Liedern eingefangen wird.
Wo manchem gestandenen Kilt-Träger hinter mir die Stimme gewackelt hat, als Donnie Munroe, der frühere Frontmann der Band mit ihnen das gälische „An Ubhal as Airde“ sang.
Und wo viele Schottland-Flaggen das „YES“ trugen und damit den Bezug zum Unabhängigkeitsreferendum 2014 herstellten.

Auch Band-Mitbegründer Calum MacDonald hat sich kurz vor dem Jubiläumskonzert in einem Interview zum Referendum geäußert. Ja, er würde für die Unabhängigkeit stimmen, meinte er, zweifle aber am Erfolg.

In der Tat geht man derzeit von rund 30 % Ja-Stimmen aus, was meiner Meinung nach eher optimistisch ist, denn die meisten Schotten wohnen in den Großstädten Glasgow und Edinburgh – ihr Bezug zur Geschichte und zur Politik dürfte dem der meisten Großstädter weltweit gleichen.
Da ist es fraglich, wieviel der Enthusiasmus der Highlander für ihre gälische Kultur bewirken kann. Es ist aber sicher kein Zufall, dass das Runrig-Jubiläumskonzert bei Inverness stattgefunden hat, so nahe bei Culloden. Bruce Guthro betonte den Highland-Aspekt jedenfalls mehrere Male in seiner Moderation.

Es ist natürlich alleinige Angelegenheit der Schotten, aber: Egal, wie das Unabhängigkeitsreferendum am 18. September 2014 ausgehen wird – wichtig scheint mir die erstmalige Wahlmöglichkeit. Selbst wenn die Emotionen deswegen hoch schlagen, was immer mit Polarisation und Schmerz einhergeht. Freiheit ist niemals etwas Bequemes.

Grundsätzlich fällt mir auf, dass sich viel getan hat in den wenigen Jahren, seit das „große Haus in Edinburgh“ nicht mehr leer steht, sondern wieder „Autorität und Stimme“ hat (noch ein Bezug zu Runrig-„Alba“).

Schilder und Bezeichnungen sind zweisprachig, manchmal auch nur in Gälisch. Wenn man bedenkt, dass ein Drittel der Bevölkerung Lowland-Scot spricht und nur 1 % Gälisch, finde ich das nicht unbedingt selbstverständlich und deswegen umso begrüßenswerter. Es gibt gälische Schulen und Organisationen. Das alles ist gut so und der richtige Weg.

Schottland hat sich innerhalb des Vereinigten Königreichs insbesondere seit Bestehen des eigenen Parlaments 1999 viel Autonomie zurückerobert, bestimmt selbst über Bildungswesen, Gesundheit, Landwirtschaft und Justiz. Das hat schon zu solchen Kapriolen geführt, dass an schottischen Universitäten Schotten und Europäer gebührenfrei studieren dürfen, nur englische Europäer nicht. Leider kann ich mir angesichts dessen ein spitzbübisches Grinsen nicht verkneifen.

Das Atomkraftwerk - Wachsam

Heute gut bewacht – aber noch ein Sündenfall: Das Kernkraftwerk Dounreay in reizvollster Lage, doch vom schönen Strand nahebei soll man besser keine Steine, Muscheln etc. mitnehmen, seitdem es in den 70ern einen Störfall gegeben hat.

Manche Wunde werden die Schotten aber vielleicht einfach als Wunde und als Teil ihrer Geschichte akzeptieren müssen – dankbar für den erkämpften hohen Grad an Eigenständigkeit, stolz auf die Unbeugsamkeit und auch darauf, wie viele Freunde sie sich international geschaffen haben, ohne je ihren Charakter zu verleugnen. Freunde, die Jahr für Jahr wieder in ihr schönes Land kommen. Denn Old Caledonia ist längst und trotz des oft unwirtlichen Wetters eine hoch nachgefragte Tourismus-Destination geworden. Zwar fehlen zum Glück riesige Hotelungetüme, weshalb sich in der Hauptsaison Vorbuchen durchaus empfiehlt, aber auf den Hauptadern ziehen unablässig Karawanen von PKWs, Caravans, Motorrädern, Fahrrädern kreuz und quer durchs Land. Der Verkehr ist kolossal geworden.

Selbst auf den Single Track Roads, die so schmal sind, dass nur ein Auto auf der Spur Platz hat, geht es inzwischen zu wie auf dem Highway, so dass ich den alten Brauch, dem auf dem Passing Place Wartenden mit Handgruß zu danken, bereits als Fitnesstraining empfand.  Erstbesucher kommen hier schnell mal ins Schwitzen, nicht wegen des Handhebens, sondern wegen der hohen Konzentration, die man sich tatsächlich abfordern sollte, vor allem in kurvenreichen Strecken und Sichtweiten von wenigen Metern. Da sieht man sich schnell mal einem Müllauto gegenüber oder hat unvermittelt Fahrradfahrer vor sich.

Generell scheint dieses sparende System aber hervorragend zu funktionieren, denn ich habe in 16 Tagen und der relativ langen Reiseroute so gut wie keinen Stau und nur zwei Unfälle registriert, einen auf einer Single Track Road und einen auf der A9. Die beiden norddeutschen Radlerinnen bestätigten dies auch aus Sicht des Fahrradfahrers: Sie waren von Cambridge in England hoch in den Norden bis kurz vor Inverness gekommen, ohne in kritische Situationen geraten zu sein. Und als ich sie zum ersten Mal traf, bestimmten sie gerade auf der stark befahrenen A96 einen Kilometer lang vor einem dicken Bus und mehreren PKWs das Fahrtempo, bis sich den geduldig Wartenden eine Überholmöglichkeit bot.

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Auch auf der touristisch noch kaum erschlossenen Halbinsel Ardnamurchan gibt es überwiegend Single Track Roads. Hier wandert man durch alte knorrige Zauberwälder, wie ich sie in dieser Art bisher nur aus dem Perigòrd kenne.

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Die Straßen entlang der Nordküste sind überwiegend einspurig, aber überall sehr gut zu befahren.

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Bei Braemar. Am Linn of Dee

Samstag, 9.45 Uhr MEZ.

Wir haben Ijmuiden erreicht. Trotz der zeitigen Abreise ein wenig später als geplant, aber in der Nacht hatte es streckenweise unruhige See gegeben, so dass die King Seaways wohl langsamer fahren musste.

Aber insgesamt war es wieder eine komfortable Überfahrt, so dass ich mich ausgeruht ans Steuer setzen kann – für die 900 km nach Hause.

Was ich noch nicht weiß: Das „Ausbooten“ dauert erneut 1,5 Stunden. Was ich auch noch nicht weiß: Vor mir liegt eine nicht 9-, sondern 12-stündige Autofahrt bei sintflutartigem Regen auf nahezu der gesamten Strecke, wobei mir in Hessen kurz hintereinander zweimal gefährlich eine Bugwelle auf die Windschutzscheibe knallt. Ich glaubte bisher, nur in Island müsse man furten. Oder auf die Insel Lindisfarne, wenn man – wie ich gestern – etwas früh dran ist und das Wasser sich noch nicht vollständig zurückgezogen hat.

„Danke, Schutzengel!“

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Warum habe ich eigentlich sündteure Goretex-Schuhe mit, wenn ich dauernd mit den 10-Euro-Gummistiefeln aus dem Baumarkt rumlaufe? Antwort: da läuft kein Wasser oben bei den Schnürsenkeln rein.