Zwar habe ich im Bericht über die Schottlandreise schon auf das Jubiläumskonzert der schottischen Folk-Rock-Band Runrig Bezug genommen, aber für alle Riggies, die sich auf diese Seite verirren und im August nicht selbst in Inverness sein konnten, hier noch ein eigener Rückblick auf das Konzert. Mit ein paar Erinnerungsbildern; die Konzertaufnahmen freilich völlig verpixelt, weil lediglich mit der kleinen „Fahrradkamera“ aufgenommen. Ich hätte übrigens unbesorgt die DSR-Kamera mitnehmen können, es gab keinerlei Kontrollen.

Ein Fazit gleich zu Beginn: Ich bin sehr, sehr froh, bei diesem im doppelten Sinn einmaligen Konzert dabei gewesen zu sein.


Manch einer wird sich fragen: Warum so ein Aufwand, vor allem, nachdem es in Deutschland ja schon drei Konzerte gegeben und ich das auf dem Hohentwiel auch besucht hatte?

Die Frage ist berechtigt… aber warum machen sich Menschen die Mühe, regelmäßig viele Stunden bis zu einem ganzen Tag in der Küche zu stehen, um ein phänomenales Menü zu zaubern? Mit weniger Aufwand wird man schließlich auch satt. Offenbar erleben diese Menschen – ihr merkt schon, ich gehöre nicht wirklich dazu – beim Zubereiten und Genießen eine Zufriedenheit, ein Glücksgefühl, weshalb der Aufwand keine Mühe für sie ist. Vielleicht wird das Glücksgefühl dadurch sogar noch erhöht.

Ich habe im Dezember 2010 zum ersten Mal ein Runrig-Konzert im Heimatland der Band besucht (at Alhambra Theatre in Dunfermline on 17th December). Da hatte ich schon mehrere Saisonkonzerte erlebt, sowohl in der Halle wie auch draußen: das wundervolle Open-Air in Freiburg, wo wir hinterher alle singend und die Leuchtstäbe schwenkend durch die Innenstadt zurück zum Parkhaus „tanzten“. Jedes Mal ist es ganz anders, aber immer ist es voll Lebensfreude und derart, dass man mit frisch gewärmten Herzen wieder heimkehrt.

Aber zu Hause ist zu Hause… das gilt für Musiker wie für jeden anderen. In Alba strahlen die Musiker von Runrig besondere Lockerheit aus, erzählen zwischendrin Anekdoten, freuen sich, dass die Interaktion mit dem Publikum hier auch bei den gälischen Liedern gelingt. Das Publikum, das schottische meine ich, denn zu jedem Konzert in Schottland reisen viele Fans aus Deutschland und von anderswo an, ist erfreulich unpathetisch. Die Schotten lieben den Pathos, aber sie lassen sich davon nicht beeindrucken. Sie verehren Runrig, aber sie quatschen auch bei den emotionalsten Songs ungeniert rum. Dass sie hier sind, heißt doch genug… Runrig ist wie Highland-Games, ein selbstverständlicher Teil ihrer Kultur, der gelebt und geliebt wird, ohne ihm huldigen zu müssen. Es sei denn, er geräte in Gefahr!

Diese Mentalität war beim 40th Anniversary Concert im Black Isle Show Ground vielleicht noch ein bisschen deutlicher spürbar als sonst, zum einen, weil im Moor genug Platz ist, eine entspannte Picknick-Atmosphäre aufkommen zu lassen…

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.. zum anderen, weil das Wetter trotz anderer Ansage den ganzen Tag hielt, so dass viele tatsächlich mehrere Stunden Party hinter sich hatten, als Runrig auf die Bühne traten und sofort ankündigten, heute würde Party gemacht. Ich schwöre, bei uns hätten Ordnungskräfte und Sanitäter reihenweise tätig werden müssen, aber die Schotten können ordentlich was ab und das meiste „reguliert“ sich von selbst.

Als ich in Muir of Ord gegen 14.00 Uhr eintraf, wollte ich eigentlich vor dem Großbetrieb nur schnell meine Karte abholen, die von der Agentur SeeTickets nicht zugesandt worden war, weil „zu viele unterwegs abhanden gehen“. Bei Toröffnung um 15.00 Uhr schon vor Ort zu sein, war nicht meine Intention gewesen. Aber weil ich mich nicht auskannte und mein Auto irgendwo abstellen musste, um zum Ticketschalter zu kommen, fand ich mich eins, zwei, drei in der Autoschlange wieder, die über weite Ackerwege rund ums Dorf auf den Parkplatz geleitet wurde.

Runrig-Anfahrt

So hatte ich schließlich einen VIP-Parkplatz nah am Veranstaltungsgelände und war ohne Lust, die Anreise mitsamt Ackerweg-Parcour noch einmal auf mich zu nehmen. Also blieb ich. Staunte ein weiteres Mal über die Enthusiasten, die sich 1-2 Stunden vor Öffnung an den Eingang stellen, um einen bühnennahen Platz zu ergattern, den sie dann weitere fünf Stunden verteidigen müssen, bis das Konzert beginnt. Das dafür nötige Gen geht mir ab.

Warten auf den Einlass

Runrig-Shuttle

An der Ticketkasse lag natürlich kein Umschlag, auf dem mein Name gestanden hätte. Das hatte ich genauso befürchtet wie ich andererseits NICHT befürchtete, nun keine Karte zu erhalten.
So sind die Schotten eben: Sie wollen keine Perfektion, weil sie dann nicht mehr brillieren können, wenn sie flexibel jegliches Problem lösen.
Auf dem Parkplatz berichteten zwei deutsche Frauen, dass ihr vor einem dreiviertel Jahr gebuchtes Quartier besetzt war. Auf der Straße mussten sie dennoch nicht schlafen, Schotten kümmern sich, bis alles passt.

Und natürlich konnte ich kurze Zeit später mit Karte auf das Gelände spazieren, schon mal ein bisschen Atmosphäre schnuppern.

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Dann ließ ich mir am Tor ein Wärter-Autogramm aufs Ticket setzen und pendelte zwischen Auto und Show-Gelände hin und her, machte mir noch Essen, verfolgte über die gut sichtbaren riesigen Leinwände, welche Gast-Musiker gerade auftraten. Julie Fowlis führte mit ihrer wunderbar ruhigen, zarten Art durch das Programm, was sicherlich dazu beigetragen hat, dass die Stimmung so entspannt blieb. Wenn Julie erscheint, möchte man immer einen guten Eindruck machen :-)

Interessant wurde der Tag für mich das erste Mal durch die Gruppe Manran, vielfach bereits als potentielle Nachfolger von Runrig gehandelt. Ja, es gibt Ähnlichkeiten, bei einigen Liedern ist es, als wenn Runrig mit Duncan Chisholm zusammen musizierten. Starker Fiddler-Einsatz. Weniger Rock-Elemente. Ganz ist der Funke zu mir noch nicht übergesprungen, aber es sind zweifelsohne Spitzenmusiker, die live viel, viel Stimmung erzeugen.
Sharon Corr, die danach – also unmittelbar vor Runrig – auftrat, hatte es da schwer, zu bestehen. Manche meinen, ihre Positionierung im Programm wäre unglücklich gewesen. Bei mir bestätigte sich eher der Hohentwiel-Eindruck, wo mich Sharon Corr mehr durch ihre Schönheit und ihre Musikalität, weniger mit ihrer gesanglichen Interpretationskraft beeindruckt hatte.

An diesem Abend im Moor hatten wir mit Sharon und Julie ja gleich zwei Elfen-Frauen auf der Bühne und so kommt man um den Vergleich nicht herum. Es ist natürlich meine persönliche Meinung. Julie Fowlis singt nur einen Song, nämlich mit Rory Macdonal „Falieas Air An Airigh“, aber man will fast den Atem anhalten, so schön ist es. Das gälische Lied wirkt durch Julies Stimme geradezu sphärisch. Dazu braucht sie weder wallendes Gewand noch ausladende Armbewegungen, sie steht einfach da, zerbrechlich fast, doch wenn sie zu singen anhebt, ist sie stark wie eine uralte Scots Pine, beweglich im Wind, voll gesunder Kraft.

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Da Julie Fowlis noch jung und bei uns noch nicht so wahnsinnig bekannt ist, hier für den einen oder anderen zum Kennenlernen noch off topic das sehr schöne Video für „Brave“, zusammen mit Eamon Doorley an der Gouzouki und meinem Lieblings-Fiddler Duncan Chisholm:

Zurück wieder zum eigentlichen Konzert!

Als Runrig gegen 20.00 Uhr auf die Bühne kamen, war von Partymüdigkeit beim Publikum nichts zu spüren, im Gegenteil! Mit Jubel, Luftballons und unzähligen kleinen wie riesengroßen Fahnen – schottische und aus vielen Herren Ländern – wurden die Musiker begrüßt.

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Manchen T-Shirt-Aufdruck musste ich mir genauer ansehen :-)

Bruce nahm mit gut gelaunten Ansagen gleich zu Beginn die Feierlichkeit aus der Sache, die sich bei 40 Jahren on Stage vielleicht einstellen könnte. Man merkte: die Jungs wollten keine Rührseligkeit. Das hat mir gefallen, insbesondere, weil das Konzert sonst zu sehr in die Nähe des Stirling-Konzerts 2003 gerückt wäre und zu wenig Eigenes gehabt hätte.

Zur Party-Laune passte es dann auch, dass Bruce in „Maymorning“ das übliche Mitsingen von „I’m Alive“ urplötzlich Kylie Minogue widmete und mittendrin intonierte: „C’mon Baby…“ Die Fans fielen sofort mit „do the locomotion“ ein und bewiesen, dass sie keine dummen Lämmer sind, lediglich in der Lage, Gewohntes daherzubeten. So setzte es sich fort. Die Männer störten sich kein bisschen daran, dass nicht nur die Mitsingenden laut waren, sondern auch die Rumquatschenden und -lachenden. Alle musizierten mit einer Spiellust, die – ich hätte es nicht für möglich gehalten – das Hohentwiel-Niveau noch übertraf.

Obwohl es über weite Teile dasselbe Konzert war, jedoch mit melodiösen Variationen ohne Ende.

Wie klug das Party-Konzept für dieses Event war, begriff ich erst, als ich plötzlich Dunnie Munroe neben Bruce Guthro die Bühne betreten sah. Der frühere Sänger, der Runrig mit berühmt gemacht hat, und der heutige, den wir nicht mehr hergeben wollen.

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Donnie, der „Studierte“, war 1997 aus der Band ausgeschieden, um sich diversen anderen Projekten widmen zu können. Unter anderem kandidierte er 1999 für das erste schottische Parlament, übt an der Universität Edinburgh Lehrtätigkeit aus und ist inzwischen auch Solo wieder unterwegs. Mit der Band ist er nie wieder aufgetreten, in dem Punkt waren alle Beteiligten sehr konsequent. Nur die Fans wollten sich damit nicht abfinden, was teilweise tiefe Emotionen aufgetan hat, ähnlich wie es gerade bei Silly zu beobachten ist. Wobei man es da ja sowieso nicht ändern kann.

Auch beim Konzert in Inverness war die Anhängerschaft von Donnie wieder deutlich bemerkbar. Eine Gruppe von 6, 7 Schotten hinter mir quatschte und lachte immer besonders laut, wenn Bruce sang, während sie bei den gälischen Liedern von Rory wieder „normal“ wurden und auch viel mitsangen.
Aber als die beiden, Bruce und Donnie, gemeinsam auf der Bühne standen, war es auf einmal still hinter mir. Oh, oh, dachte ich, hoffentlich geht das jetzt gut. Doch genau hier bewährte es sich, dass man die Emotionalität bei diesem Konzert nicht zum Siedepunkt aufgeheizt, sondern immer wieder entspannt hatte.

Bruce, der in dieser Situation so souverän wie voher auch als Gastgeber moderierte, und Donnie sangen zusammen „The Cutter“ – auch dies eine geniale Entscheidung. Für mich ein weiteres Lied, welches ich erstmals live gesungen hörte, aber vor allem sowohl für den einen wie für den anderen passend; sogar Kanada kommt noch drin vor. Unglaublicher Jubel! Die lauten Männer hinter mir wollten mitsingen, aber ihre Stimmen waren nun etwas wacklig – jaja, selbst harte Männer haben weiche Seelen…

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Als dann auch noch Peter Wishart, früher am Keyboard, heute im Parlament, grinsend hinzukam und alle zusammen das flotte „Edge of the World“ brachten, war das Eis vollends gebrochen und Bruce konnte sich unbesorgt großzügig zeigen: heute sei Party und wenn die Menge Donnie noch einmal hören wollte, dann solle es so sein. Und ob das Publikum wollte! An dieser Stelle gab es eindeutig Konsens. So sang Donnie Munroe, der das Gälische ja als Muttersprache beherrscht, noch „An Ubhal as Airde“.

Keine Frage, dieses Konzert wurde durch den gemeinsamen Auftritt mit den früheren Bandmitgliedern zu etwas ganz Besonderem und weil es nach den vielen langen Jahren das erste Mal geschah, auch zu etwas nie Wiederholbarem. Dem Gespür dafür, wie viel dies den schottischen Fans, jedenfalls den highländischen, bedeutete, konnte jedenfalls ICH mich NICHT entziehen. Gänsehautfeeling pur und ein Moment mit langer Nachwirkzeit, obwohl wenn ich kein so großer Donnie-Fan bin.

Dafür bin ich ein Fan von Duncan Chisholm, dem genialen Geiger, und so wurden die Auftritte, die er unterstützte, meine persönlichen Highlights. Diese und Bruce Guthro mit „Book of Golden Story“! Ja, er war hier ganz wundervoll, mit seinen Gefühlen, seiner Stimme auf den Punkt beim Inhalt. War ich auf dem Hohentwiel noch enttäuscht, weil Brian seine Einlage nicht bringen durfte, war es diesmal einleuchtend: Der Fokus lag somit viel mehr auf den Bildern, die die Bandgeschichte erzählen. Unterstützt wurde die Wirkung durch die Interpretation von Bruce, die spätestens nach 3 min eine erzählerische wird – und das mit einer Leidenschaft, die sich wunderbar steigert und bis zum letzten Ton mitreißt.

Ein großes Dankeschön an Brian Caldwell, der das Video aufgenommen und hochgeladen hat.

Überhaupt Bruce… er ist jetzt unglaublich stark, das ließ er schon in Singen erkennen. Beim Abschluss des Jubiläumskonzerts gab er noch eine persönliche Zugabe (ich glaube, ihm ist an diesem Abend auch ein Stein vom Herzen gefallen) und sang eine Strophe aus „The Parting Glass“.

Sollten sich die Hoffnungen bewahrheiten und die Mitschnitte dieses Jahr noch veröffentlicht werden, gibt es ein prima Weihnachtsgeschenk. Und vielleicht schon die ersten neuen Konzerttermine.

P.S. „Danke“ auch an alle anderen, die Videos vom Konzert auf „Youtube“ eingestellt haben. Beim Anhören bitte berücksichtigen: Die Qualität hinsichtlich der Musik und des Gesangs ist auf den Videos zwangsläufig sehr viel schlechter als in Wirklichkeit. Für den Moment muss es uns reichen.