Man mag sie nicht mehr hören, diese endlosen Gegenüberstellungen von Rügen und Sylt.
Kaum gibt es einen sinnlosen Äpfel- und Birnenvergleich, bei dem Rügen einen Punkt vorne liegt, veröffentlichen ARD/WDR die Dokumentation „Rügen – Armenhaus mit Luxusstrand“.

Ähm…. nun ja… den Film will ich hier mal lieber nicht zum Thema machen, das würde bitter.
Wenigstens hat der Fischer Thomas Koldevitz aus Gager die Ehre mit seiner ambitionierten, sachlichen Art gerettet. Und Ihr, die ihr hier lest und vielleicht nach Rügen kommt, fahrt bei ihm Fisch vom Boot kaufen!

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Abendrot im Hafen von Gager

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Die Traditionsecke im Hafen von Gager

 

Ich habe es immer für einen Kardinalfehler der Rüganischen Tourismuswerbung gehalten, den Gedanken an einen Tourismuswettlauf mit der Nordseeinsel überhaupt zugelassen und daran Kraft verschwendet zu haben.
Dabei gibt es bis auf die Strände und die Reste von Fischerei durchaus mehr Unterscheidendes als Vergleichbares.
Zuallerst Rügens unschätzbaren Reichtum an Historie.

Schloss Lietzow-1524

Schloss Lietzow, auch Schlösschen Lichtenstein genannt

Schloss Spyker

Schloss Spyker

Schloss Ralswiek mit Schlossdame Mama

Schloss Ralswiek mit Schlossdame Mama

 

Für mich ist Rügen deswegen viel eher unsere deutsche „Isle of Skye“, wo es neben der fantastischen Landschaft ebenfalls zahlreiche Kulturgüter gibt.Wo vor der Skye-Brücke Kyle of Lochalsh wacht, gibt es vor Rügen das altehrwürdige Stralsund.

Mein letzter Besuch im Mai, dem ich nach Jahren wieder einmal etwas mehr Zeit gewidmet habe, hat mir viel Freude bereitet.

So wie die schottische Insel hoch im rauhen Westen hat Deutschlands größte Insel einen ganz eigenen Charakter. Einen sehr unabhängigen und freigeistigen. Schließlich: Während der hl. Columba bereits im 6. Jh. das Christentum nach Schottland brachte, konnten das westslawische Volk der Ranen seine Götter noch bis Ende des 12. Jh. bewahren, und dann kamen auch noch nicht die Preußen, sondern lange, lange die Dänen und die Schweden.

Kein Wunder also, dass sich die Rüganer wie die Bewohner von Skye wenig um das scheren, was auf dem Festland geschieht – ein Umstand, dem ich eine Kindheit verdanke, die kaum politisch beeinflusst war.

Mein Geburtshaus in Schmacht. Sollte es wieder auf den Immobilienmarkt kommen, werde ich es kaufen.

Mein Geburtshaus in Schmacht. Es scheint zur Zeit nicht bewohnt zu sein und macht einen etwas traurigen Eindruck. Die Pumpe war früher unsere einzige Wasserquelle. Im Winter dick eingepackt!

Der Weg nach Schmacht ist immer noch Piste :-) Die Bank gab es früher nicht, aber auch nicht rechts den Zaun. Ich habe rausgefunden, dass das Grundstück unserem neuen Nachbarn in Viervitz gehört, der Jagdunterricht gibt. Er hetzt da doch hoffentlich nicht die Hasen!!!

Der Weg nach Schmacht ist immer noch Piste :-)
Die Bank gab es früher nicht, aber auch nicht rechts den Zaun. Ich habe rausgefunden, dass das Grundstück unserem neuen Nachbarn in Viervitz gehört, der Jagdunterricht gibt. Was treiben sie dort???

Meine Spielwiese in der Kindheit. Immer noch schön.

Baumreihe am Siedlungsrand von Schmacht. Wie ich größer geworden. Aber immer noch schön.

 

Wie Skye ist Rügen stark gegliedert – tief ins Land hineinreichende Meeresbuchten verlangen zuweilen weite Umwege, um von A nach B zu kommen. Nein, Berge wie die Cuillins oder den Quiraing hat Rügen nicht, aber immerhin die Granitz und den Rugard. Wer glaubt, Fahrradfahren wäre so wie in Holland, wird sich angesichts der erstaunlich vielen Hügellandschaften schön wundern. Wenn wir Kinder früher den Kamm oberhalb von Stresow erklommen hatten, von dem aus es endlich zum Strand abwärts ging, waren wir schon sehr, sehr froh.

Allee nach Groß Stresow

Allee nach Groß Stresow

Geschafft... da unten liegt der Strand von Stresow.

Geschafft… da unten liegt der Strand von Stresow.

Auch wer zu Fuß oder per Rad hoch zum Jagdschloss will, muss tüchtig die Hügel erklimmen.

Gute Kondition braucht, wer zu Fuß oder per Rad hoch zum Jagdschloss will.

 

Leider teilt Rügen mit der schottischen Schwester… und nicht nur mit ihr – ein Schicksal der Neuzeit: Die Mono-Industrie Tourismus, den Niedergang der Klein-Fischerei, auch die Überfremdung durch Pensionäre, die – meist nur im Sommer auf der Insel – wohl die attraktive Landschaft suchen, sich hingegen wenig bis gar nicht in die gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung einbringen.

Aber wenngleich die Tendenz unverkennbar ist und – kommt man nach Binz – kaum noch etwas mit Erholung zu tun hat, so war ich in diesem Jahr, nachdem ich mich nach drei Tagen aus dem früher elterlichen, jetzt brüderlichen Haus hinaus unter die Leute begab, doch zunehmend versöhnt, weil so viel Schönes entsteht und manches Feinsinnige.

Nun guck‘ Dir die Rüganer an: Oberhalb von Groß Stresow haben sie die Preußensäule wieder errichtet, als Erinnerung an die erfolgreiche Anlandung Friedrich Wilhelm I. im Jahr 1715. Aber unten am Strand eben auch das „Verräterhaus“, dem sie den Monarchen, der früher auf der Säule thronte, daneben stellen. Es soll wohl nicht vergessen werden, dass die Anlandung und Vertreibung der Schweden nur durch Verrat eines Einzelnen möglich geworden war und vielleicht nicht von der Mehrheit gewünscht.

Preußensäule in Groß Stresow.

Die „leere“ Preußensäule in Groß Stresow.

Friedrich Wilhelm I. muss noch neben dem "Verräterhaus" ausharren. Nur durch Verrat war er an Rügen gekommen, dafür musste er es bald wieder an die Schweden abgeben.

Friedrich Wilhelm I. muss noch neben dem „Verräterhaus“ ausharren.
Nur durch Verrat war er an Rügen gekommen, dafür musste er es bald wieder an die Schweden abgeben.

So, nun noch ein paar weitere Fotos aus den verschiedenen Teilen von Rügen.
Drei Tage war ich mit Schlossdame Mama unterwegs. Wie ich hatte sie zum Beispiel noch nie Arkona gesehen. Alle Nordrüganer mögen es uns verzeihen, aber schließlich schrieb bereits der Bergener Landeskundler Johann Jacob Grümbke 1805: „… zog ich in Gedanken eine gerade Linie von Putbus über Cirkow nach Prora. Was jenseits derselben ostwärts liegt, ist das wahre Paradies von Rügen.“

Nach unseren gemeinsamen Ausflügen war ich vier Tage in Gager auf Mönchgut, wo es mir so sehr gefallen hat und wo ich so viel Abwechslung, gutes Essen und Wandermöglichkeiten mit weiten Aussichten fand, dass ich gar nicht fort wollte und die Abfahrt auf die Halbinsel Fischland Darß von Tag zu Tag verschob.

Die Kap-Arkona Bahn, die ab dem Besucherparkplatz zu den 2 km entfernten Leuchttürmen und zum Fischerdorf Vitt fährt.

Die Kap-Arkona Bahn, die ab dem Besucherparkplatz zu den 2 km entfernten Leuchttürmen und zum Fischerdorf Vitt fährt.

Alter Leuchtturm bei Kap Arkona

Alter Leuchtturm bei Kap Arkona

Im Festspielort Ralswiek waren die Aufbauarbeiten in vollem Gange. Ab Juni kämpft Störtebeker wieder.

Im Festspielort Ralswiek waren die Aufbauarbeiten in vollem Gange. Ab Juni kämpft Störtebeker wieder.

Alte Pyramideneiche im Schlosspark von Ralswiek

Alte Pyramideneiche im Schlosspark von Ralswiek

Seebrücke Sellin

Seebrücke Sellin

Fischerboot in Seedorf

Fischerboot in Seedorf

Am Bodden in Neuensien

Am Bodden in Neuensien

Mein täglicher Abendspaziergang von Thiessow nach Lobbe. Mit den Füßen im eiskalten Wasser.

Mein täglicher Abendspaziergang von Thiessow nach Lobbe. Mit den Füßen im eiskalten, aber herrlich frischen Wasser.

Diese Bootsbesatzung war gewiss froh, vor dem Unwetter den schützenden Hafen von Seedorf erreicht zu haben.

Diese Bootsbesatzung war gewiss froh, vor dem Unwetter den schützenden Hafen von Seedorf erreicht zu haben.

In den Zickerschen Bergen hinter Gager.

In den Zickerschen Bergen hinter Gager. Gerade waren die Schafe auf die Wiesen gebracht worden.

Alte Bäume in den Zickerschen Bergen

Alte Bäume in den Zickerschen Bergen

Über den Berg nach Groß Zicker

Über den Berg nach Groß Zicker. Im Hintergrund die schmale Landzunge nach Klein Zicker.

In Groß Zicker könnte man glauben, die Zeit sei stehen geblieben.

In Groß Zicker könnte man glauben, die Zeit sei stehen geblieben.

Ein neues Reetdach entsteht.

Ein neues Reetdach entsteht.

Abstieg zum Nonnenloch bei Groß Zicker. Dort gab es weniger Nonnen, mehr Malerinnen.

Abstieg zum Nonnenloch bei Groß Zicker. Dort gab es weniger Nonnen, mehr Malerinnen.

Das Nonnenloch

Das Nonnenloch

Blick von den Zickerschen Bergen auf Gager

Blick von den Zickerschen Bergen auf Gager

Zickersche Berge

Zickersche Berge

Zickersche Berge. Hier hat jeder Abend ein neues Gesicht.

Zickersche Berge.
Hier hat jeder Abend ein neues Gesicht.

Sonnenuntergang in Gager

Sonnenuntergang in Gager

Abschied

Abschied von der urigen Campsite in Gager, wo mich der Kuckuck morgens freundlich weckte und wo es Semmeln gab, die ich in selbiger Güte  nur von unserem Kirchseeoner Bäcker Gregor Rau kenne.