Wisst ihr noch, was ein Poesie ist? Doch, es ist richtig… ich meine DAS Poesie, nicht DIE Poesie.

Heute habe ich mein Poesie aus den untersten Schubladen hervorgeholt und richtig, richtig Freude daran gefunden.
Gemeint ist mein Poesie-Album, in Kurzform Poesie genannt, das von 1969/70.

Ein Überbleibsel aus Teenagerzeit,  gemeinhin belächelt. Dass ich es nach vielen Jahren wieder einmal geöffnet habe, liegt daran, dass ich heute eigentlich hier sein wollte:

livestream binz

Quelle: Livestream auf www.ostseelive.tv

Konkreter gesagt: beim Klassentreffen der Schule Zirkow auf Rügen. Mit Ausflug ins benachbarte Binz, wo unser Schulweg weiterging.

Einige wenige der hier Lesenden wissen es: ich bin in dem kleinen Weiler Schmacht auf Rügen geboren; am Schmachter See auf der meerabgewandten Seite von Binz. Die wenigen ehemaligen Wohnhäuser sind heute Ferienwohnungen, eine Straße gibt es nach wie vor nicht.
Meine ersten Lebensjahre habe ich in dem großen, ehemaligen Gutshaus verbracht, welches meine Großeltern als Königsberg-Flüchtlinge im Zuge der Bodenreform zur Nutzung erhielten.

Schmacht bedeutet für mich unbeschwerte, freie Kindheit. Auch als meine Eltern längst nach Pantow gezogen waren, lief ich oft die 2 Kilometer durch den Wald nach Schmacht zu den Großeltern. Die bis Prora reichenden Wälder waren meine Spielplätze, ungeachtet der Wildschweine und nahen Truppenübungsplätze. Einen Kindergarten lernte ich nicht kennen.
Ich suche immer wieder historisches Material über Schmacht und finde nicht viel –  doch auf dieser Website hat eine Ferienhaus-Vermieterin, deren Familie bereits mehrere Jahrzehnte dort oben eine zweite Heimat gefunden hat, einiges zusammengetragen und ich freute mich, die Namen von ehemaligen Nachbarn zu lesen und mich anhand der Schilderungen an die vertraute Lebensweise zu erinnern, die zutiefst einfach und dennoch schön war – zumindest für uns Kinder.

Jedenfalls war ich, als ich mit sieben Jahren in Zirkow eingeschult wurde, ein ungestümes Kind, welches nicht gelernt hatte, stillzusitzen und nicht loszulachen, wenn ihm nach Lachen war. Vorfreude auf Lernen – Fehlanzeige. Damit hängt es wohl zusammen, dass ich noch heute vergeblich versuche, Erinnerungen an die frühen Schuljahre in mir zu finden.
Erst als ich begriff, dass ich mir durch das Lesen neue Welten erschließen konnte, änderte sich meine Einstellung zum Lernen. Aber ein bisschen eigenartig bin ich wohl geblieben. Lernen musste schnell gehen, denn ich wollte wieder raus. Und wenn ich etwas nicht tun wollte, dann fruchteten gute Worte so wenig wie energische. Alles in allem aber war es eine wunderbar unbelastete Zeit, und wenn wir politisch erzogen wurden, dann muss diese Erziehung wohl milde gewesen sein, denn ich habe sie mir nicht als solches eingeprägt.

Gerne hätte ich heute nachgehorcht, was bei meinen Mitschülern so im Kopf und im Herzen hängen geblieben ist, aber leider kann ich – 1.000 km entfernt und momentan räumlich angebunden – das Klassentreffen nur mental von hier aus mitfeiern.

Wie man dies macht? Man krame alte Fotoalben aus mit unscharfen Schwarz-Weiß-Fotos und… eben das Poesiealbum.

Womit wir an der Stelle sind, wo wir den Angehörigen der X- und Y-Generation erklären müssen, was das ist: ein Poesiealbum. Man denke sich ein fein eingebundenes Buch mit leeren, weißen Seiten, die zu befüllen man ebendieses Buch an Verwandte, Mitschüler, Freunde, Lehrer herumgab. So ähnlich wie ein Gästebuch; jeder hatte zwei Seiten, durfte links etwas zeichnen oder einkleben und hatte die rechte Seite für einen Spruch. Ich weiß nicht mehr, ob die Jungen auch Poesiealben hatten, zumindest aber schrieben sie etwas in unsere hinein.

Es versteht sich von selbst, dass darein kein Blödsinn einzutragen war, sondern wertvolle Gedanken, die uns das Leben lang begleiten sollten. Wenn ich die Seiten heute öffne, sehe ich vor allem die Jungs und Mädels vor mir – von manchen ist ja auch ein Foto dabei – und lese ein bisschen bewegt, was sie mir mitgegeben haben.

Ich habe – wie schon gesagt – das Buch lange nicht mehr hervorgeholt. Nur so ist es zu entschuldigen, dass ich Sprüchen wie diesen

poesie6

poesie3

leider schon längere Zeit nicht mehr recht gefolgt bin. Und nun ist es dafür wohl ein bisschen spät :-)

Dafür sind andere scheinbar ohne Umwege in mein Unterbewusstsein gelangt, denn sie sind mir heute noch nah:

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poesie5

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Ich habe die Unterschriften natürlich abgeschnitten, aber vielleicht erkennt ja jemand seine Handschrift wieder.
Allen heute einen Abend mit viel Spaß und dass die Erinnerungen purzeln mögen.
Wenn mich jemand an diesen teilhaben lassen möchte, würde ich mich über eine Mail freuen.

Ich grüße auch die ehemaligen Lehrerinnen und danke ihnen für ihre Geduld, die sie mit mir hatten.

Eure Sigrid Iding