Ich bin euch noch die Weitererzählung über meinen Pfingstausflug nach Edinburgh schuldig. Also frisch voran.

Nach einem ersten Stadtbummel mit viel positivem Herzklopfen wegen des glücklichen Hiersein holte ich mein Köfferchen aus der Aufbewahrung im Baxter Hostel ab und zog es tapfer die Princes Street hinter mir her. Die gebuchte Ferienwohnung lag hinter dem Calton Hill und da ich noch eine Stunde Zeit hatte, hielt ich es für eine gute Idee, dem schönen Hügel gleich einen ersten Besuch abzustatten. Das auf dem Sandweg einsetzende Knirschen der winzigen Kofferräder sagte mir, dass dies ein Irrtum war. Die Wärme tat ihr Übriges und oben angekommen, traf ich auch noch auf eine Schar der mutmaßlich lautesten Asiaten, die es gibt. Irgendwo fand ich aber doch ein ruhiges Plätzchen und freute mich das erste Mal über den Anblick des ginstergelben Holyrood-Parks.

Noch mehr freute ich mich, die Hügel auch vom Fenster meiner Ferienwohnung aus sehen zu können.

Frisch machen, etwas ausruhen und dann wieder ab in die City – diesmal mit dem Bus, von dessen oberem Stockwerk man eine neue Sicht auf die Stadt bekommt:

Schade nur, wenn sich gerade die prächtigsten Lichtstimmungen entwickeln und du hast lediglich die Handy-Kamera dabei:

Man kann halt nicht alles haben, und dieser Abend gehörte der schottischen Band Skipinnish, welche in die wunderschönen Usher Hall eingeladen hatte.

Die Musiker um den von der Hebriden-Insel Tiree stammenden Gründer Angus MacPhail, der übrigens auch Miteigentümer der Skipinnish Ceilidh Häuser in Oban und Fort William ist, sind in Deutschland eher nur den Celtic-Folk-Fans bekannt.

Ihre Musik erinnert ein wenig an Runrig – wohl nicht von ungefähr, denn in jedem ihrer Konzerte hört man die eine oder andere Runrig-Cover-Version. In der Usher Hall war es „Alba“. Skipinnishs Musik ist indes traditioneller. Aber auch bei ihnen handeln die meisten Songs von der Liebe zur schottischen Heimat, womit sich ganz offenbar auch der finnische Angus Tikka (Bass) gut identifizieren kann.

Als der mit einer sehr außergewöhnlichen Stimme beschenkte Leadsänger Robert Robertson 2016 die Band gemeinsam mit Ross Wilson verließ, um die Band Tide Lines zu gründen, dachte man kurz „oh oh…, das ist aber schade“. Jedoch nur sehr kurzzeitig, denn mit dem von Lewis kommenden und ebenfalls gälischsprachigen Norrie MacIver hatte die Band schon beim HebCelt Festival 2016 einen sehr harmonischen und frischen Eindruck hinterlassen.

Inzwischen möchte man fast sagen: Weniger scheint Norrie für Robert in die Band gekommen zu sein, sondern Robert hat Platz gemacht, damit Norrie mit seiner klaren, warmen, große Leichtigkeit verströmenden Stimme eben diesen einnehmen kann. Jedes Mal, wenn ich ihn sehe, scheint er mehr zu sich gefunden zu haben und mit den übrigen hervorragenden Skipinnish-Musikern zu verschmelzen. Die Entwicklung dieser Band gibt mir derzeit die größte Freude.

Der Abend in der Usher Hall wurde höchst feierlich von der Inveraray & District Pipe Band eröffnet – das hätte schöner nicht sein können. Und das ist nicht allein meine subjektive Meinung, denn die Band hat 2017 die Weltmeisterschaft gewonnen. Und das, liebe Leute, könnt ihr sofort hören. Sehen übrigens auch, denn vom Anblick der wirbelnden Trommelstöcke wurde mir ganz schwindelig.

Diesem Programm-Highlight zu Beginn schloss sich gleich ein nächstes an: Die Folk-Sängerin Emily Smith, welche schon mal als schottische Joni Mitchell bezeichnet wurde. Sie wurde begleitet von Jamie McClennan, der auch ihr Ehemann ist. Leider wurde ihr Vortrag jäh unterbrochen, als in der ersten Reihe ein Mann einen Schwächeanfall erlitt und versorgt werden musste. Aber die Sängerin ging souverän mit der Situation um und der Konzertbesucher konnte später auch wieder zurückkehren. Ob er dann auch an den Tänzen beteiligt war, die beim Skipinnish im Publikum begannen, vermag ich nicht zu sagen – es wurde zu unübersichtlich :-)

Denn nach den ersten Titeln von Skipinnish gab es für die Schotten kein Halten mehr. Ungeachtet des feinen Plüschs in der Konzerthalle erhoben sich zunächst einige, dann immer mehr Besucher, tanzten durch die engen Reihen und im Bühnenvorraum. Man stelle sich vor: Im Gasteig in München stehen die Leute auf und tanzen im Reigen schwungvoll durch den Saal – ich weiß nicht, wer schneller da wäre: die Security-Menschen oder diejenigen mit den weißen Kitteln!

Angus MacPhail (rechts) und Archie McAllister – sorry, hier war die Samsung-Kamera am Limit

Skipinnish mit Rachel Walker und der Cruinn Band

Zugegeben: Ich hatte ob des ausgelassenen Überschwangs im Saal durchaus einen Moment der Schnappatmung, gewöhnte mich aber sehr schnell an die für Deutsche ungewohnte Situation. Was soll man denn auch tun, wenn die Herzenswärme, insbesondere von Norrie, das Publikum umfängt wie ein duftender Sommerwind. Ihr müsst da mal hinhören, damit ihr versteht, wovon ich spreche.

Außerdem war der Abend mitnichten ein durchweg fröhlicher Tanzabend. Die Band nimmt sich nicht nur der Sonnenseiten ihres Heimatlands an, sondern genauso der tragischen Geschichten, wie die des Dampfschiffs Iolaire, welches zum Jahreswechsel 1918/19 die 260 überlebenden Soldaten des 1. Weltkrieges wieder auf ihre Heimatinsel Lewis zurückbringen sollte und bei stürmischer See sowie einem wohl fehlerhaften Manöver mit einem Felsen im Stornowayer Heimathafen kollidierte, in dessen Folge 205 der Männer so nah ihrer Familien ertranken.

Norrie Maciver und Rachel Walkers

In diesem Jahr jährt sich das schreckliche Unglück, von welchem nahezu jede Familie der Insel betroffen war, zum 100. Male. Bei den stark traditionsverbundenen Schotten ist es nach wie vor sehr gegenwärtig. Skipinnish haben bereits im vergangen Jahr das Lied „Iolaire“ herausgebracht. Norrie MacIver singt die Strophen zunächst allein, dann ab der letzten Strophe gemeinsam mit der wunderbaren Rachel Walker, die es auf besondere Weise geschafft hat, sich als geborene Engländerin in die gälische Seele einzufühlen.

Hier ist eine sehr schöne Aufnahme aus Even Court Inverness auf Youtube:

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In der Usher Hall stockte mir bei diesem Lied schier der Atem. Ab der fünften Minute „schrie“ Norrie sich den Schmerz noch viel inbrünstiger aus dem Leib als in dieser Inverness-Aufführung. Eingedenk der Erinnerung, dass er seine Mama Anfang des Jahres verloren hat, und eingedenk meines eigenen Verlustes kam da sicherlich sehr viel zusammen. Auf der Bühne wie auch unten. Wir alle betrauern unsere Verluste.

So wurde dieser Abend ein unglaublich eindrücklicher, zugleich lebensfroher wie allen Schmerz dieser Welt sehender Abend.