Der Schriftsteller Erich Loest ist tot. Mit seinem freiwilligen Abschied hat uns der große Sachse, der Unbequeme, Unkäufliche, ein letztes Mal angestuppst, auf dass wir wachsam bleiben, hinschauen, was in unserer Gesellschaft geschieht und uns einmischen.

Er selbst kann es nun nicht mehr, konnte es krankheitsbedingt schon geraume Zeit nicht mehr in dem Maße, wie er es als nötig ansah.

In einem Nachrufartikel lese ich, in Loests Todesstunde hätten die Generaldirektoren der DDR gerade bei ihrem Donnerstagsstammtisch in Berlin zusammengesessen.

Ich erschrak. SIE PLANEN tatsächlich noch immer.

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Aus Erich Loest „Wider die Dunkelmänner unserer Zeit“ („Zeit-Online“ 3. Juni 2009):

„Ganz und gar verzweifelt wirkt Volker Braun (red. Anmerkung: dt. Schriftsteller): ‚Da ist kein Land für mich.‘ Er sieht keine Visionen mehr; das töte die Menschen oder treibe sie zur Gewalt. ‚Wir haben die Morgenröte entrollt, um in der Dämmerung zu wohnen.‘ Armer Volker. Keine Visionen mehr, Landsmann aus Dresden? Ich reise über die ungültige Grenze bei Helmstedt und Hof, schaue angestrengt nach allerletzten Spuren, und meist finde ich nicht einmal die. Nennst du das Dämmerung? Europa voller Hoffnung: Nie mehr werden in Flandern Kanonen donnern oder Bomben auf England fallen, nie mehr Panzer an der Stalinallee, in Bitterfeld und Prag die Freiheit niederwalzen. Kein Bautzen II mehr, kein Buchenwald in zwiefacher Funktion. Auf dem Balkan wächst sehr langsam die Demokratie. Neue Visionen möchte ich dir zeigen, Volker, in Polen, in Brünn und im Baltikum. Ich lebe nicht in der Dämmerung, mein Freund, und bin deshalb zehnmal fröhlicher als du. Es könnte auch sein, in deiner Lebenserfahrung und Herzensbildung fehlen bloß ein paar Jahre Knast. Denn, so lehrt es uns Heinrich Heine, die Freiheitsliebe ist eine Kerkerpflanze.“

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Danke, Erich Loest, dass Sie nicht ruhten, uns daran zu erinnern.
Und ich bewundere Ihren Mut, nach all dem vormals Erfahrenen wieder nach Leipzig zurückzugehen. Mir gelingt dies bis heute nicht.