Die Namibwüste zieht sich von Angola im Norden über die gesamte Westküste Namibias bis tief in den Süden am Oranje. Sie ist die älteste Wüste der Welt und die einzige Wüstenküste dieser Größenordnung. Seit Juni 2013 genießt sie den Schutz als UNESCO-Welterbe. Wer sie persönlich gesehen und gespürt hat, wird sie nie wieder vergessen – sie ist einzigartig schön.

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Wer sie persönlich gesehen hat, weiß indes auch, dass der besondere Schutz dringend gebraucht wird. Denn so leer, wie ihr Name es verheißt (Namib = „leerer Platz“), ist sie nicht mehr. Vielmehr ist es für Staat (Namibia gehört zu den ersten Ländern weltweit, die den Naturschutz in der Verfassung verankert haben) sowie für private Naturschützer eine Herkulesaufgabe, die Wüste vor nachhaltigen Schäden zu bewahren.

Ein paar Tage später wird uns Chris Nel von Living Dessert Tours Luftaufnahmen zeigen, auf denen man unzählige Reifenspuren sieht, die sich wild durch den Sand ziehen. Es wird das erste sein, das er uns beibringt: „Seht euch die Wüste an, aber bleibt immer in der schon vorhandenen Spur, egal, ob mit dem Fahrzeug oder zu Fuß.“

Die Namib ist wie das isländische Hochland extrem empfindlich – niedergewalzte Flächen brauchen Jahre, bis sie sich wieder erholen.

Wir wollen drei Tage beim berühmten Sossusvlei verbringen, einer beigefarbenen Salz-Lehm-Pfanne, von roten, bis zu 300 Meter hohen Dünen umringt. Vorher aber wollen wir in Swakopmund die Vorräte auffüllen, meinen Toyota wegen der blinkenden Ölfilteranzeige anschauen lassen und in Walvis Bay Robben beobachten. Soweit, so gut. Ich freute mich auf diese vier Tage, denn von der Namib hatte ich zu Hause schon großartige Bilder gesehen und eine Nacht am Meer… ja, das würde mir als Wasserratte auch gefallen. Würzige Meeresluft schnuppern, das Hirn durchpusten lassen und den Wellen beim ewigen Schaukeln zusehen.

So dachte ich! Dann erlebte ich – der recht hübsche Ort kann nichts dafür – in Walvis Bay Stress pur, und im Sossusvlei war nicht auszumachen, wer von uns dreien am meisten enttäuscht war. Jedoch lag auch Letzteres mitnichten an der Location, doch jetzt eins nach dem anderen.

Die mit rund 200 km recht kurze Fahrt von der Spitzkoppe an die Küste führte durch landschaftlich reizvolles Gebiet. Je näher man an die Atlantikküste kommt, um so leerer wird es und dort, wo der Sand beginnt, ist es unwirklich hell. Die Reflexionen sind extrem, bevor das Meer überhaupt erreicht ist.

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Nach den Einkäufen in Swakopmund die vom Autovermieter angegebene Kooperationswerkstatt in der Einsteinstraße zu finden, gestaltete sich schwierig – trotz der klaren Straßenbezeichnung und trotz der wirklich ausgezeichneten Garmin-Karten von Tracks4Africa. Weil ich für mein Navigon keine Namibiakarte erhalten konnte, hatte ich extra noch ein Garmin Nüvi 2797 LMT angeschafft – mit Riesendisplay für den halbblinden Autofahrer :-)
Funktionsweise und Zuverlässigkeit haben mir gut gefallen, wobei es auf dieser Reise nur selten zum Einsatz kam, weil ich ja meist hinterher fuhr.
Nach einigen Fehlversuchen fanden wir die Werkstatt dann auch und als wir sagten, dass wir von Calahari Care Hire kämen und der Ölfilter Alarm anzeigt, wurde der Filter ohne Wartezeit sofort gewechselt. Das gerade in Arbeit befindliche Auto raus aus der Werkstatt und meines rein. Und damit nicht allein: der Besitzer rechnet direkt mit dem Autovermieter ab, ich musste keinen Cent bezahlen. Das war wirklich excellenter Service, wie man ihn in Afrika sicher nicht überall findet – gut zu wissen, dass es ihn gibt. Das hier unten war der nette Monteur, der unter den strengen Augen des Chefs sehr fleißig war (Foto mit meinem Smartphone geschossen).

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Unser Hotel im benachbarten Walvis Bay, das „Oyster Box Guesthouse“, war danach schnell gefunden und es hätte eigentlich ein gemütlicher Abend am Meer werden können, zumal in Walvis Bay gerade eine riesige Flamingo-Kolonie zu Hause war.

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Unser Plan sah allerdings vor, noch zu den Robbenbänken zu fahren. Der Weg dorthin führt viele Kilometer über eine Landzunge, die am Anfang noch befestigt ist, zum Schluss aber in Strandsand übergeht. „Das wird jetzt mal ein fahrtechnischer Anspruch“, hatte Stefan einen Tag vorher schon gedroht und das wurde mir unmittelbar nach dem Reinfahren in den Sand bewusst, als das Auto schon nach wenigen Metern stehen blieb. Ich konnte es rückwärts gerade noch einmal raus bringen und erhielt von Stefan meine erste Lehrstunde. „Immer schön die Drehzahl hoch halten!“ Beim zweiten Versuch kam ich, zwar schwitzend, aber doch ganz gut bis zum ersten Foto-Stopp. Kurz nach der Weiterfahrt – wohl etwas übermütig geworden – wurde mir dann ein Schaltvorgang zum Verhängnis. Ich wusste und hörte es in derselben Sekunde, als ich die Kupplung trat: Dies war jetzt überhaupt nicht gut!!! Drehzahl im Keller, Auto stand.

Stand an einer leichten Anhöhe ein paar hundert Meter vor dem Leuchtturm am Pelican Point, die Sonne bewegte sich schon stark gen Horizont. Shit… Auch Stefan bekam das schwere Auto hier nicht mehr weiter, also hieß es „Schaufeln, was das Zeug hält!“ Ich schaufelte, Stefan ließ den Reifendruck runter. Wie tief kann man eigentlich buddeln, bis der Sand feucht wird? Als die Räder glücklicherweise endlich frei standen, ohne im Grundwasser zu schwimmen, sagte ich zu Stefan: „Fahr du hoch, ich komm zu Fuß hinterher“. Gesagt, getan!
Ruhe zum Robben-Fotografieren hatte ich dann allerdings keine mehr. Überhaupt hatte ich keine Freude am Hiersein, die Sonne war fast weg und von links zog dichter Nebel auf. Was mach‘ ich eigentlich an diesem Platz? Habe ich nicht auf Helgoland genug Robben gesehen? Gibt es nicht überall in Namibia genügend Einsamkeit? Meine Anspannung muss so groß gewesen sein, dass ich heute kaum Erinnerung an diesen Ort habe. Dabei hatte ich keine Angst um mich selbst – am Wasser schlage ich mich immer irgendwie durch. Aber wie ein Auto beschaffen ist, wenn es mit der teuflischen Mischung aus Salzwasser und Sand „tiefgehender“ in Berührung kommt, kann ich mir sehr gut vorstellen, seit ich als Kind mal ein Fahrrad beim Strandfahren geschrottet habe.

Endlich hatten die beiden anderen genug fotografiert. Stefan war so nett, mein Auto zurückzufahren, ich war viel zu nervös. Er folgte der Spur, die wir gekommen waren. Unterwegs dann noch eine Schreck-Sekunde, als plötzlich ein Schwall Wasser auf der Frontscheibe landete. Waren wir der verkehrten Spur gefolgt? Zum Glück aber war alles richtig und fanden wir uns schließlich alle wieder unversehrt in der Oyster Box ein. Meine Nerven freilich waren so überreizt, dass ich an diesem Tag keinen Hunger verspürte, nur noch ein Bier trank und schlafen ging.
Ich glaube, ich habe im Traum noch lange weitergeschaufelt :-)

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So kam es, dass ich am nächsten Morgen gar nicht traurig war, das Meer wieder zu verlassen, was ziemlich selten bei mir vorkommt.

Kurzbeschreibung unseres Gästehauses „Oyster Box“: Sehr angenehmes Quartier mit vielen schönen Details und nettem Personal. Direkt an der Strandpromenade. Abgesperrter Parkplatz im Hinterhof. Frühstücksbüffet mit viel und exotischem Obst. Platz gehört unbedingt auf die Merkliste!

Bis Sesriem und dem Sossusvlei im Namib Naukluft Park hatten wir gute 400 km zurückzulegen. Zum Glück gab es unterwegs einige hübsche Foto-Stopps und vor allem: SOLITAIRE. Der winzige Versorgungsort am Kreuzungspunkt zweier wichtiger Pads durch Namibia besteht mit Laden und Kirche bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts, doch richtig berühmt ist er durch den Anfang 2014 leider früh verstorbenen „Moose“McGregor geworden, der den besten Apfelkuchen und die besten Brote Namibias buk.

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Die Bäckerei besteht (natürlich) weiter, bleibt zu hoffen, dass die alten Rezepte in neue Hände übergegangen sind. Wir jedenfalls haben dort mehrmals und jedes Mal sehr üppig eingekauft.

Vom Apfelkuchen-Stopp bis zur Campsite Sesriem, wo man das Permit für den Nationalpark zahlen muss, ist es nur noch ein kurzer Weg. Wir hatten für die drei Tage nicht die Campsite, sondern die Sossus Dune Lodge im Innern des Nationalparks gebucht. Weniger wegen des Luxus‘, sondern weil wir nicht an die Gate-Öffnungszeiten gebunden sein wollten. Dieses Ziel war terminlich extra so gelegt worden, dass wir zu Neumond im Sossusvlei wären und dort den Sternenhimmel über den Dünen und den Lehmpfannen fotografieren würden. Dafür hatten wir die sündteure Lodge sowie eine nochmalige Fahrt zurück nach Swakopmund in Kauf genommen. Und dann kam es ganz anders!

Zunächst schien noch alles toll. „Wow“-Effekt bei Ankunft und Einzug in meine riesige Honeymoon-Suite. Das ist wirklich feinster afrikanischer Luxus. Hier wird es drei Tage gut auszuhalten sein, dachte ich. Nichts würde mir hier die Laune verderben! Haha… ich hatte „that’s Africa“ wohl ein paar Mal gehört, aber noch nicht verinnerlicht!

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Oh ja, man kann es sich dort schon gutgehen lassen: Wenn man normaler Urlauber ist und Ruhe, einen winzigen Pool und hinreichend gutes Essen genießen möchte. Wir mit unseren „etwas anderen“ Vorstellungen allerdings…

Die einleitende Ernüchterung kam am Abend, als wir, die wir das Leben aus dem Auto gewohnt waren und bei Ankunft erst einmal nur das Nötigste mitgenommen hatten, die Getränkerechnung zahlen sollten. Oh je, Brieftasche ist im Auto…, hatten ja auch nicht damit gerechnet, heute abend was zahlen zu müssen. Also schnell mal rüber.
„That’s not allowed!“. Ja wie nun? Ich denke, wir sollen zahlen?! Und überhaupt, wieso sollen wir nicht zum Auto dürfen?
„You can’t walk to the car. We drive you there.“ Wir hielten es für einen Scherz: der Parkplatz befindet sich 200 m vom Restaurant entfernt und wir sind doch keine 90 Jahre alt und gehunfähig. Nach einigem Rumdrucksen erklärte man uns, dass die Sicherheitsbestimmungen es jetzt so erforderten, weil in der Vergangenheit ein Gast von einer Schlange gebissen worden sei und das Unternehmen verklagt habe.
Hm… ziemlich skuril, fanden wir. Die letzten Tage liefen wir noch stundenlang durch schlangenexponiertes Gelände an der Spitzkoppe, und es war auch unser eigenes Risiko, ob wir Autos am Strand versenken – heute dürfen wir wegen einer eventuellen Schlange nicht zu Fuß zum Auto – in Afrika!!! Später in der Kalahari, wo die Löwen umherstreifen, konnte man es ja noch eher verstehen.
Es war wohl auch eine Sache des Art, wie man uns dies übermittelte: sehr von oben herab nach dem Motto „den dummen Kinderchen müssen wir es eigentlich gar nicht erklären“ – jedenfalls platzte ich schon am ersten Abend mit der Feststellung heraus: Die sehen mich hier nicht wieder.

Aber es kam ja noch besser, denn obgleich man uns zwar jederzeit mit dem Jeep zum Parkplatz fahren würde, so doch keinesfalls, damit wir abends in unsere Autos steigen und zu den Dünen fahren könnten. „That’s not allowed!“

Ja, wieso denn das nun wieder nicht?, wir sind doch im inneren Kreis, kein Zaun mehr zwischen uns und dem Sossusvlei. Das ist doch gerade der Vorzug, den man hier in der Lodge hat!

Sorry, man muss die Zeitform korrigieren: Das WAR der Vorzug. 2012 hatten Stefan und Nadine ihn noch genießen können. Jetzt müssen die Gäste der Lodge genauso wie die Gäste der Campsite nach Sonnenuntergang ihre Aktivitäten im Gelände einstellen und rückkehren. Sie dürfen morgens lediglich eine halbe Stunde früher losfahren als die Camper. Alles Diskutieren half nichts; vielmehr gaben uns die Angestellten mit ihrem Umgangston mehr und mehr das unangenehme Gefühl, dass hier jemand überaus froh war, den „reichen“ europäischen Touristen zu zeigen, wo „der Hammer hängt“.

Wir haben uns deshalb in der Sossus Dune Lodge trotz des schönen Ambientes nicht wohl gefühlt. Stefan war stinksauer wegen der verpassten Sternefotografie, mir war die unfreiwillige Ghettoisierung ebenso zuwider wie der Umgangston des leitenden Personals und auch die tägliche Getränkebezahlerei hatte irgendwie etwas sehr Kleinliches für eine Unterkunft dieser Preisklasse. Zur Küche gibt es nichts bedeutendes zu sagen, sie war durchschnittlich. Der Service teilweise schnell überfordert.

Der Aufenthalt im Nationalpark freilich ist einfach fantastisch und absolut einzigartig. Wir haben ihn uns auch nicht wirklich vermiesen lassen. Man kann das jedoch sehr viel preiswerter und gemütlicher haben, wenn man auf der Campsite in Sesriem übernachtet, was wir auf unserer Reise später auch noch für eine Nacht so handhabten.

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Im Nachgang möchte ich noch Folgendes hinzufügen:

Ich habe vor und während der Reise nicht gewusst, dass die Namib 2013 UNESCO-Welterbe geworden ist. Es ist also durchaus möglich, dass aus diesem Grund seitdem strengere Vorschriften für den Aufenthalt im Nationalpark gelten als zuvor. Also auch gegenüber 2012, als Stefan zuletzt da war. Dafür hätte ich vollstes Verständnis, denn es ist mal so, dass der Tourismus gerade in diesem Gebiet rasant anwächst und leider verhalten sich nicht alle Besucher so, wie es wünschenswert wäre.
Die Änderung in der Sossus Dune Lodge, was die Bewegungsfreiheit betrifft, kann damit zusammenhängen. Wenn es so ist, hätte es man es uns aber vernünftig erklären können. Das hätte zwar die Enttäuschung nicht verringert, doch wenigstens den Frust auf das Management dieser Herberge.

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