Das milde Hochdruckwetter des 16. Juni begleitete uns bis tief in die Nacht und auch in den nächsten Tag, der für die Isländer der Nationalfeiertag ist.

An Schlafengehen war also nicht zu denken und die beiden jungen Leute, die das Gebiet bereits besser kannten, schlugen vor, eine Wanderung zum Leirhnjukur zu unternehmen, um dort den Sonnenaufgang zu erleben. Dort würden wir jetzt, mitten in der Nacht, bestimmt viel Einsamkeit und damit eine ganz besondere Stimmung vorfinden. So kam es dann auch. Auf dem Parkplatz oben im Krafla-Gebiet stand ein einziges Auto, dessen Insassen längst zu Bett gegangen waren.

Der Wanderweg zum Vulkan befand sich zum großen Teil noch unter Schneefeldern, so dass man gut aufpassen musste, wo man hintrat; es gab etliche Löcher unter der Schneedecke.

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Was wir nicht wussten: Am nächsten Tag würde der Zugang zum Leirhnjukur – vorübergehend – gesperrt werden.

So traurig die sich anbahnende Entwicklung ist: Man kann die Diskussion und die Entscheidung verstehen, denn die Anzeichen von Vandalismus in diesem einzigartigen Gebiet sind nicht zu übersehen. Stege, so übel zerstört, dass man sich fragt, welcher Panzer da drübergefahren ist, und Fußspuren bis dicht an die Fumarolen. Und ich möchte auch nicht der Verantwortliche sein, wenn einer oder mehrere der oft älteren Bustouristen sich die Beine auf dem Zuweg bricht.

Egal, ob es sich um Schäden durch Touristen handelt oder ob hier Einheimische mit ihren SuperJeeps unterwegs waren: Sie haben den Besitzern und Behörden die Steilvorlage geliefert, die bis jetzt unvergleichlich freizügigen Zutrittsmöglichkeiten zu all den Naturwundern einzuschränken.

Aber wie gesagt, wir konnten zwar einen Teil der Schäden beobachten, waren aber dennoch überwältigt und hatten auch keine Ahnung, wie nah die Folgen sein würden. Wir genossen einfach die ganz außergewöhnliche Stimmung an diesem noch aktiven Vulkan.

Der Leirhnjukur gehört zum Vulkansystem der Krafla. Auch der Vitikrater, den ich in Teil 3 gezeigt habe, ist Teil dieses Systems. Der Leirhnjukur sitzt auf einer Vulkanspalte; bis 2,5 km unter ihm soll ein „Kamin“ hinaufreichen, durch den die Energie aus der Magmakammer unterhalb der Krafla-Caldera aufsteigt.

Überall dampft es aus Spalten, die Lava-Steine fühlen sich warm an und die aufgehende Sonne färbte alles in ein unwirkliches Licht. Mitunter liest man – wohl eingedenk der Beinahe-Katastrophe, welcher der Ort Reykjahlíð im 18. Jh. fast zum Opfer gefallen wäre – hier würde sich „die Hölle öffnen“. Mir schien es an diesem schönen Morgen eher, als wäre es der Geburtsort der Elfen.

Eines aber schien gewiss: Hier geschehen Dinge, die anders sind als das sonst Gewohnte und Ihr könnt mir glauben, dass ich sehr, sehr vorsichtig unterwegs war. Wer auch immer hier wohnt – besser, man stört ihn nicht!

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Irgendwann gegen halb vier morgens kehrte ich dieser mystischen Stimmung den Rücken und meinte zu Nadine und Stefan, ich würde nun zurückgehen und allein zum Schlafplatz fahren. Schließlich wäre ich ja auch schon 20 Stunden auf den Beinen.

Doch fünf Minuten später erlag ich schon wieder dem Farbwunder am vorgelagerten See mit den ihn umgebenden Fumarolen, so dass die beiden mich irgendwann einholten und meinten, ich hätte eine merkwürdige Art von „Schlafen“.

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Auf diesem Foto sind oben links deutlich die Fußspuren zu erkennen, die durch das empfindliche Terrain fast bis unten zum See führen.

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Im Hintergrund am Horizont die aufsteigenden Dämpfe vom Kraftwerk Kröfluvirkjun

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So stapften wir denn gemeinschaftlich, wie wir gekommen, über den Schnee zurück zum Parkplatz, nutzten den dortigen Komfort von Tisch und Bänken sowie fließendem Wasser, um „Abendessen“ um 6.00 Uhr morgens zu machen und bauten einige Zeit später und etliche Kilometer weiter (das Myvatn-Gebiet ist Nationalpark und somit für Wildcampen gesperrt) das „Nachtlager“ auf, Stefan inklusive des Schatten spendenden Tarps – eine Erfindung, auf die er schwört.

Nach 24 Stunden endlich wieder schlafen… Leider jedoch konnte ich mich dem Rhythmus der beiden während des gesamten Island-Aufenthaltes nicht anpassen. Tagsüber konnte ich immer nur drei Stunden schlafen.

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