Abdullah Ibrahim Senzo

… und warum es nützlich ist, auf Reisen Ersatz-Headphones  einzustecken.

Wenn man in Urlaub fährt, soll man einfach das Dasein genießen und nichts vermissen, was man nicht dabei hat?
Hm, dann bin ich wohl wirklich kein richtiger Urlauber. Ein Buch muss mindestens mit auf die einsame Insel und seit den Zeiten, in denen man Musik hochwertig aus kleinsten Geräten abrufen kann, auch meine Lieblingsmusik. Schließlich ermöglichen freie Zeit und die Distanz zum Alltag oft eine völlig andere Aufnahme- und Genussfähigkeit.

Deshalb habe ich in den Wochen vor der Reise viel Zeit damit verbracht, die Musik auf dem MP3-Player zu sichten (so unendlich viel Kapazität bietet das Ding leider noch nicht), um Platz für neue „Lieblinge“ zu schaffen.
Dazu gehörten die Live-Konzerte von Adele, das neue Solo-Projekt „Band From Rockall“ von Calum & Rory Macdonald und vor allem meine große Neuentdeckung: Adolph Johannes Brand, alias Dollar Brand alias Abdullah Ibrahim mit seinen Alben „Memories“ und „Senzo“.

Was für ein Musiker, dieser südafrikanische Jazz-Pianist und Komponist, dessen Musikstück „Mannenberg“ als Anti-Apartheid-Hymne berühmt wurde. Es gehört für mich zu den wunderbaren Dingen des Lebens, dass ich immer wieder Musiker kennenlerne, die mich mit ihrer Kunst total umhauen. Nun bin ich kein Musikkritiker und kann allenfalls meine Gefühle beschreiben. Dieser Mann macht mich fast wahnsinnig mit seiner Tastenkunst und Variationskraft, ein Freund hatte mal gesagt: „Es zerreist mir das Hirn“. Über weite Phasen ist es unfassbar, dass hier nur ein einziger Pianist spielen soll. Auf der einen Seite „hämmert“ er die eine – feste – Melodie, die einen zuweilen mantrahaft in den Bann zieht und  am Boden hält, während die andere Hand unendliche Variationen schafft, die einen schier fortziehen wollen.

Wo würde es einen geeigneteren Ort geben, sich dieser Explosionskraft hinzugeben, als das von den Urkräften geschaffene und ihnen permanent ausgesetzte Santorin. Nicht umsonst haben sich auf dem Vulkanfelsen so viele Künstler niedergelassen. Dass ich dort an der Caldera sitzen und diese Musik hören wollte, war für mich klar. Ein bisschen Kult muss sein.

Natürlich musste auch ein optimales Programm her, um die CD’s in bestmöglicher Qualität zu rippen. Etliche Stunden hatte ich mir für diese Dinge abgerungen, denn wann immer es um Hifi geht, wird es schnell sehr technisch und davon verstehe ich ja herzlich wenig. Aber schließlich war ich mit den Ergebnissen zufrieden.
Bis, ja bis zum dritten Reisetag … dann verabschiedeten sich die guten Sennheiser-Kopfhörer, die schon ein bisschen alt waren und einiges mitgemacht hatten. Erst dachte ich, es läge am Player, aber das war schnell aufgeklärt … offenbar ein Kabelbruch. Stellt euch meinen Frust vor: wochenlange Vorfreude und Vorbereitung und nun höre ich nur noch auf einem Ohr … mono … wie früher Deutschlandfunk auf Mittelwelle im DDR-Radio!!!

Adeles glucksendes Kichern zwischen den Songs beim Live-Konzert in Paris klang nur noch albern.
Da wo Bruce Guthros Stimme in „Stan’s Tune“ endlich mal herrlich kraftvoll aufsteigt aus dem bei ihm leider oft vorherrschenden melancholischen Pathos, möchte man fast weinen über den akustischen Verlust … bei seinem Duett mit Fiona MacGillivray „Through It All“ (alles aus Celting Crossing) tut man es dann auch endgültig.
Die Alben von Dollar Brand habe ich mir unter diesen Umständen gar nicht mehr gegeben, sondern bin aufgebrochen, um Ersatz zu besorgen. Mach das mal auf Naxos! In dem kleinen Städtchen kann man hervorragend essen, auch gibt es den besten Bäcker von ganz Griechenland … aber Audiotechnik?

Die meisten Geschäfte winkten gleich ab, wussten auch keine Adresse dafür, endlich verkaufte mir voller Stolz der Inhaber eines Shops für alles Mögliche, darunter auch für Fototechnik, ein paar In-Ear-Kopfhörer mit der richtigen Klinke. Beim Preis von 4 Euro hätte ich eigentlich misstrauisch sein sollen! Wenn es nicht gemein gegenüber sensiblen Kinderohren wäre, müsste man sagen, es war Spielzeug für Kids. Dieser Stereoklang war fader als der mir verbliebene Monoklang – also verschenkte ich die Headphones weiter. In dem von mir sehr geschätzten gut sortierten Buchgeschäft „Zoom“, in dem man tolle internationale Literatur erhält, war ich dann schon schlauer, als man mir Kopfhörer für 1,50  € anbot. „Nein danke“, so was hatten wir gerade.

Zwei Mal rannte ich idiotischer Weise in der Hitze auf die andere Seite des Kastros, wo es einen CD-Shop gibt. Zuverlässig stieß ich mir jedes Mal die Nase an der gut geputzten Glastüre an. Closed. Öffnungszeiten? Kennt doch jeder, schreiben wir also nicht an! Na klar, hätte ich auch wissen können: Von 15.00 bis abends arbeiten sie nicht. Pünktlich um 19.30 Uhr, als ich mich diesmal vorsichtiger der Glastüre näherte, fand ich sie offen … und siehe da … eine Aufhängung mit diversen Kopfhörern. Als ich darunter sogar meine Sennheiser entdeckte, vermochte ich den Mann, der so gutes Zeug vorrätig hält, nur noch anzustrahlen. Geld auf den Tisch, Packung aufschneiden lassen,die mittelgroße Schutzkappe gegen small tauschen und rein in die Ohren. Vor Freude brachte ich dem freundlichen Mann noch einige gesammelte Nisiotika-Schätze dar. Die Welt ist wieder in Ordnung.

Und Leute, die Ihr irgendwann nach Naxos kommt: geht unbedingt in dieses Musikgeschäft – Ihr findet dort hervorragende kykladische Musik.