Vor dem Afrika-Reisebericht waren die Kameras und ich nun schnell noch mal auf Reise in Deutschlands Norden. Ich wollte ja bereits im letzten Oktober in die alte Heimat nach Rügen, musste dies aber wegen eines Krankheitsfalls in der Familie absagen. Also nutzte ich das verlängerte Mai-Wochenende und erlebte eine Insel im „Goldrausch“.

Nein, nicht weil die Saison beginnt – Rügen ist ja längst außerhalb des Sommers eine ebenso gern besuchte Insel -, sondern weil die Rapsblüte ihre Pracht entfaltet hat. Ein wenig früh in diesem Jahr und so kommt sie einher mit dem zarten Laub auf den Bäumen, das ich so mag, weil es die Baumstrukturen noch nicht so verdeckt wie im Sommer.
So bog ich nach Überqueren der Rügenbrücke in Samtens gleich auf die kleine L30 nach Garz ab, um über Putbus nach Hause zu fahren. Damit entging ich zugleich der Autokarawane auf der Hauptroute über die 96, die wegen riesiger Straßenbaulöcher das Auge ohnehin nicht erfreuen mag.

Alte Baumallee auf der Straße nach Garz

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Traumhaft klare Farben wie sonst nur in Schottland:

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Fotografieren durfte dieses Mal übrigens der Youngster im Equipment, die Sony A7. Feuertaufe sozusagen.

Nein, Afrika hat die neue Vollformat-Kamera nicht gesehen; sie musste zu Hause bleiben. „Schön dumm“, hatte Stefan gemeint, doch rückblickend war es die richtige Entscheidung.
Der Hauptgrund war zunächst, dass ich im Mai eine Hochzeit fotografiere und den Stress nicht riskieren wollte, in einem etwaigen Schadensfall Hals über Kopf Ersatz ranschaffen zu müssen.

Zum zweiten war ich mit der „Lütten“ einfach noch nicht genügend warm geworden. Ja, sie macht mir Spaß, insbesondere, weil sie wunderbar leicht in der Hand liegt, aber bei der Nikon weiß ich immer recht gewiss, was rauskommt, wenn ich bei entsprechender Einstellung auf den Auslöser drücke – die Sony A7 bietet zum Spaßfaktor immer auch ein bisschen ein Überraschungselement. Das wollte ich mir für Namibia, wo es ohnehin genug Abenteuer geben würde, nicht zumuten.
Der dritte Grund war die deutlich höhere „Zartheit“ der Sony-Kamera. Sie ist bei Hitze und afrikanischem Sandsturm einfach nicht mit dem Nikon-System zu vergleichen. Der riesige Sensor sitzt ja unmittelbar hinter dem Bajonett und ich bin wirklich nicht überzeugt, dass der Anschluss Bajonett-Objektiv gleichermaßen felsenfest abgedichtet ist.

Was ich vor der Rügentour übrigens noch nicht wusste: Ich hätte auch ein Stromversorgungsproblem bekommen! Unfassbar… du machst ein paar Bilder, fährst ein Stück weiter, willst vor den nächsten Aufnahmen schnell noch mal die Einstellungen ändern, da guckst du nur auf ein schwarzes Display und ungläubig auf die Mitteilung „Akku erschöpft“. Äh… hm… ich hab‘ doch noch fast nix fotografiert! Ist der Akku kaputt?
Nein, nicht kaputt, aber doch deutlich weniger leistungsstark als bei der D300s gewohnt, bei welcher ein Akku einen ganzen Tag reicht, solange ich nicht im Dauer-Autofokus-Modus bin.
Und nun kommt das erste, was ich bei der Sony A7 lernen musste: Das Mehr an elektronischen Funktionen und der große Sensor benötigen eine Menge Strom, auch wenn man nicht fotografiert. Irgendwie ist die Kamera im eingeschalteten Zustand ständig mit Berechnungen beschäftigt – so habe ich mir nun angewöhnt, sie zwischendurch auszuschalten. Bleibt dennoch das Fazit: Wenn drei Akkus nicht für einen Tag reichen, muss ich mir was ausdenken, um bei Auto-Foto-Touren rasch genug nachladen zu können.

Ansonsten hat es mir schon Spaß gemacht, die vier Tage ausschließlich mit der Sony A7 zu fotografieren. Natürlich hatte ich die Nikon hinten im Auto – zur Sicherheit. Aber bis auf eine Situation, in der ich mehr Brennweite brauchte, blieb sie unbenutzt. Nach und nach gewöhnte ich mich an die winzigen Knöpfchen und die andere Menüführung. Manche bemängeln die Anordnung des Auslöseknopfes – damit habe ich überhaupt kein Problem. Extrem nervig bleibt dagegen auch nach mehreren Tagen die Modalität zur Veränderung des Fokuspunktes. Da war wohl jemand am Werke, der regelmäßig nur mit breitflächigem Fokus arbeitet.

Die Bildqualität… haha… na jedenfalls, wenn der Autofokus die Situation voll erwischt hat, ist zweifelsohne fein, auch mit dem 240€-preisgünstigen und oft geschmähten Kit-Objektiv. Manchmal bin ich fast irritiert, wie „fertig“ die Bilder aus der Kamera kommen; kann sein, dass mir das irgendwann zu viel wird. Bei der Nikon habe ich immer einen neutralen Aufnahmemodus eingestellt und bin es gewohnt, eher „Rohmaterial“ zu erhalten, mit dem ich mich in die eine oder andere Richtung austoben kann. Aber bei Shootings ist die hochwertige JPG-Produktion der Sony A7 sicherlich ein enormer Vorteil.
Auch die Dynamikkompensation, die ich bisher nur bei der D800 so leistungsstark gesehen habe (Canon wird sie bei der 5D Mark III gewiss ebenfalls bieten) sowie die extreme ISO-Leistung habe ich bereits schätzen gelernt. Durch schnelle Bildfolgen zeichnet sich die Sony-Kamera hingegen weniger aus.

So, aber nun genug der Technik-Worte und Raum für die bildlichen Eindrücke von der schönen Insel Rügen. Ein wenig wandle ich dabei auf den Spuren meiner Kindheit. Die touristischen Hauptattraktionen wird der geschätzte Leser eher vermissen – ich gehe davon aus, sie/er hat die einschlägigen Fotografien der Bäderorte bereits woanders häufig genug gesehen. Mein Herz gehört sehr viel mehr den stillen Fleckchen der Insel.

Über die Garzer Alleenstraße erreicht man sehr schnell die alte Fürstenstadt Putbus mit ihren wunderbaren Parkanlagen.

Schlosskirche Putbus

Das prächtige Schloss des Fürsten zu Putbus wurde leider 1962 gesprengt, nachdem man die Nachkriegsplünderungen nicht verhindert hatte und das Anwesen baulich instabil geworden war.
Übrig blieben diese Teile der Schlossterrasse am Schwanenteich.

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Seeterasse am Schwanenteich in Putbus

Im Schlosspark verbreitet blühender Bärlauch einen würzigen Duft.

„Baumhaus“

Die Orangerie des Schlossparks beherbergt heute Kunstaustellungen.

Rückseite der Orangerie

Alte Schlossparkallee


Auch im hohen Norden gibt es ihn: den geschmückten
Maibaum.

Theater Putbus – hier erhielt ich meine kulturelle „Grundausbildung“. Ob Schauspiel, Oper oder Ballett – regelmäßig spielten hier hervorragende Ensembles.

Von der kleinen Haltestelle des „Rasenden Rolands“ in Posewald hatte ich früher noch einen Fußmarsch von 2 km bis nach Hause. Auf der groben Pflasterstraße musste man vor allem im Dunkeln höllisch aufpassen, sich nicht den Fuß zu verstauchen.

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Heute gibt es wie über viele andere Strecken auf Rügen einen komfortablen Fußgänger-/Radweg. Und die Straße daneben ist so fein asphaltiert, wie ich es mir für manche in Bayern wünschen würde.

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Das heutige Hotel Badehaus Goor bei Lauterbach ließ Fürst Malte zu Putbus 1817 für sich und den Hochadel errichten. Zu DDR-Zeiten diente es als Betriebsferienheim.

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Café-Terrasse Badehaus Goor

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Das Hotel Badehaus Goor liegt fantastisch inmitten eines prachtvollen Buchen- und Eichenwaldes an der kleinen Bucht von Lauterbach bei Putbus.

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Wer es noch exklusiver mag… ich, ich, ich!!!!… dem bietet gegenüber die kleine Marina „Im-Jaich“ Wohnen in Pfahlhäusern. Wirklich sehr fein!

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Ausgesprochen ruhigen Urlaub kann man in Groß Stresow verbringen.

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Groß Stresow – die wenigen Häuser des Ortes wurden liebevoll im alten Reethaus-Stil restauriert oder neu gebaut.

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Den Strand von Stresow haben wir als Kind geliebt und verabscheut zugleich. Er war – in fahrradtauglicher täglicher Reichweite – unsere Badestelle, aber wegen des vielen Seetangs am schmalen Ufer viel weniger angenehm als der Binzer und wir waren oft neidisch auf die Klassenkameraden aus Binz und diejenigen, die im Internat in Binz wohnten.
Seit vielen Jahren hat sich meine Strand-Vorliebe radikal umgekehrt. Der kleine Ort gehört für mich zum Besten, was Rügen zu bieten hat und wenn ich auf der Insel bin, verbringe ich regelmäßig viel Zeit dort.

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Am Strand von Stresow hat sich ein neues Hobby angesiedelt: Das Watfischen. Lustig anzuschaun, wie mehrere Dutzend Männer wie aufgereihte Statuen bis zur Taille im Wasser stehen.

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Das Dorf Zirkow, zu dem mein Geburtsort Schmacht gehört und wo ich in die Grundschule ging, hat neue Facetten hinzugewonnen. Die angenehmste ist für mich das Rügenhaus, Gemeindesitz und der Ort, wo die feinsten Trüffel der Welt hergestellt werden. Klar… die niederländischen Pächter wissen natürlich, wie man kulinarische Träume aus feinsten belgischen Zutaten spinnt. Die Sahne-Mohn-Torte war so gut wie in der Wachau und die Johannisbeer-Trüffel überlebten die Rückreise nach Bayern nicht ansatzweise. Pfüat di gott, waren die sündlecker.

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Mit dem Karls-Hof hat Zirkow nun auch noch ein Little-Disneyland. Ein bisschen Dorfleben Light für die Kids, eine Menge Shopping, aber durchaus auch liebenswerte Handwerksdemonstrationenen und handfeste Verpflegung. Ach ja… und einen Weltrekord im Kaffeekannensammeln. Braucht der Mensch wohl nicht, aber durchaus ein origineller Anblick.

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Schon mal zugeguckt, wie man ein Dutzend Sorten Bonbons herstellt? Nein?, dann nix wia hie zum Karls-Erlebnis-Dorf in Zirkow.

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Oder wie wäre es mit feinem Eierlikör aus frischen Landeiern von der Insel Rügen?

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Oh, nun tut euch der Bauch weh? Macht nichts, dagegen haben wir ein Mittel, welches gegen jedes Unwohlsein hilft!

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So, nach den vielen Genüssen machen wir uns mal besser wieder auf die Straße. Aber immer schön auf die kleinen Alleen! Dort gibt es vorne, rechts und links die meisten Geheimnisse und Schätze zu entdecken.

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Ferienhaus in Altensien

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Restaurierte Mühle in Altensien

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Kleine Zufahrtsstraße nach Moritzdorf, welches auch mit der Fähre ab Baabe zu erreichen ist. Während auf der gegenüberliegenden Seite des Selliner Sees der Verkehr tobt, ist es hier himmlisch ruhig.

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Na gut, ein Rapsfeld machen wir noch. Mit Blick weit über Mönchguter Land auf das Jagdschloss Granitz.

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Doch was wäre die Insel Rügen ohne Wellen und breiten Strand?! Trotzdem, die Strandkörbe von Binz kommen mir nicht ins Bild! Also fahre ich extra hoch nach Thiessow – an die Nordspitze der Halbinsel Mönchgut. Dorthin, wo ich einst im Sommerlager schwimmen lernte. Ihr glaubt mir wohl, wenn ich behaupte: Wer hier schwimmen lernt, geht nirgendwo mehr unter.

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Leider ist es nun aber schon wieder Zeit für den Rückweg nach Bayern. Vorher will mein Golf allerdings noch etwas Neues sehen und so fahren wir auf dem Weg nach Stralsund einen kleinen Bogen über die Halbinsel Zudar. Die Zufahrt wird mit jedem Kilometer einsamer, bis ich schließlich in Grabow lande, wo niemand mehr in den Häusern wohnt, die dort stehen.

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Was ist das für eine merkwürdige, verlassene Siedlung am Meer? Erst eine Google-Recherche löst das Rätsel: Dies war einst Ferienort des Volkseigenen Möbelkombinates Hellerau. Heute wohl nur noch Ort für künstlerische Ambitionen…

… die man im Übrigen auch in den Orten ringsum bewundern kann. Hier mein Wappentier auf einem Trafohäuschen im benachbarten Maltzien.

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Doch zu glauben, hier gäbe es kaum noch Leben, wäre grundverkehrt. Überall und immerfort stieben die verschiedensten Vogelarten auf und ziehen ihre Kreise. Offenbar ist das ruhige Zudar ein Lieblings-Rückzugsort für Vögel.

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Von Zudar bis zum Strelasund ist es nur ein kurzer Weg. Ich stoppe noch einmal, um Aufnahmen von der schönen Stralsunder Skyline zu machen.

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Die Zeit ist schon ein bisschen fortgeschritten und ich sollte wohl losfahren, aber plötzlich wird mir bewusst, dass ich noch niemals auf dem Kleinen Dänholm war, dem strategisch günstig zwischen Stralsund und der Insel Rügen gelegenen Eiland, welches aus diesem Grunde viele Jahrhunderte und so auch während der DDR-Zeit militärisch genutzt und zugesperrt war. Also biege ich ab und bekomme gleich eine schöne Ansicht der neuen Rügenbrücke sowie davor (dunkelblau) der alten Ziegelgrabenbrücke, über die man bis 2007 die Insel Rügen erreichte und wo es jetzt sehr ruhig zugeht.

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Als ich mich umdrehe, schaue ich in den kleinen Yachthafen auf dem Dänholm, wo man gut Fisch kaufen kann, wie ich später entdecke.

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Und wieder stoße ich auf Spuren von Landschaftskünstlern :-)

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Der größte Künstler ist und bleibt indes die Natur selbst.

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Dicke dunkle Wolken und ein steiniger Weg:
Vom Dänholm bietet sich eine hervorragende Sicht auf DAS Stralsunder Tradionsunternehmen: Die Volkswerft. Wer einst zu den mehreren tausende Beschäftigten der Werft gehörte, hatte „ausgesorgt“. Anfang 2014 gab es nur noch 250 Beschäftigte und die haben enorme Sorgen um ihren Arbeitsplatz. Nach dem jetzt vereinbarten Verkauf an einen russischen Investor wird dieser nur rund 50 Ingenieure sowie den Betriebsrat übernehmen. Ein Betriebsrat ohne diejenigen, die ihn gewählt haben? Komische Zeiten.

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Zu guter letzt zeigt die Sony A7 noch einmal, worin ihre allergrößte Stärke liegt: sie ist so leicht, dass man auch schnell mal ein Foto aus dem fahrenden Auto schießen kann. Hier war es verlockend: Oldtimer-Feuerwehrautos fahren über die neue Rügenbrücke. Das vordere ist übrigens ein Barkas B1000. Der Bulli der DDR :-)

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Update vom 4. März 2017:

Update 1: Leider hat der Pächter des Rügenhauses, der die göttlichen Trüffel zauberte, sein Unternehmen wirtschaftlich nicht halten können und es schließen müssen. Im Februar 2017 war das Rügenhaus geschlossen und wie der Gemeinde-Bürgermeister sagte: „Sie können es kaufen.“

Update 2: Das wunderschöne alte Wegkreuz (Beitragsbild) an der Abweigung nach Zirkow, wenn man von Putbus kommt, habe ich schon beim nächsten Rügenbesuch schmerzlich vermisst. Schade, schade, wenn nur noch Platz für Funktionales ist.

Beim Anblick des kunstgeschmiedeten Kreuzes kamen mir stets Szenen der wundervollen Reiseschilderung „Elisabeth auf Rügen“ von Bettina von Arnim in den Sinn. Allein schon die Bezeichnung „Mönchgut“ – da ging einem doch die Seele auf!

Beim Anblick des neuen Schildes regt sich keinerlei Fantasie mehr, da geht der Blinker und dann der Fuß aufs Gaspedal.