Glasgow-Slogan People make Glasgow

Teil 1 meines Reiseberichts „People make Glasgow – ein Slogan, der Menschen beflügelt“

Marx, Engels, Ulbricht und wie die Revolutionäre bzw. jene, die es gerne gewesen wären, alle so hießen, sie hätten am letzten Wochenende ihre Freude an mir gehabt: Zum 1. Mai in der alten „Arbeiterstadt“ Glasgow und auch noch beim Konzert der irischen Folk-Legende Christy Moore mit 1.700 anderen Besuchern inbrünstig mitsingend:

Viva la Quinta Brigada

“No Pasaran”, the pledge that made them fight

“Adelante” is the cry around the hillside

Let us all remember them tonight.

Bin ich plötzlich zu meinen anerzogenen Wurzeln zurückgekehrt? Nun ja, die jungen irischen Freiwilligen von einst wären schon eine Versuchung wert gewesen, immerhin brannten sie für ihre Sache, setzten im Kampf gegen die Franco-Diktatur ausnahmslos alles ein, was sie hatten und versteckten sich nicht hinter irgendeinem Moskowitischen Ofen. Vor dieser Haltung habe ich grundsätzlich Respekt und erweise ihnen deshalb gerne Ehre.

Abgesehen davon war es aber der charismatische Künstler, der am Sonntag 72 Jahre alt wird und nichts vom Feuer in seinem Herzen verloren hat, dem meine Sympathie galt und für den ich die durchaus umständliche Anreise in Kauf genommen habe.

Blick aus dem Flugzeug auf Glasgow

Über Glasgow

Der alte Barde kommt nicht mehr so oft auf den Kontinent – er, der so unendlich viele Geschichten singend zu erzählen vermag, vor allem Geschichten der so genannten einfachen Leute mit ihren ganz großen Gefühlen.

Immer noch gerne kommt er nach Schottland, wo er in der letzten Woche drei große Konzerte gegeben hat, von denen ich das letzte im berühmten „Barrowland Ballroom“ miterleben durfte.

Barrowland Ballroom Glasgow

Schon die Halle selbst ist absoluter Kult für alle eingefleischten Folk-Fans. Runrig gaben hier viele Jahre traditionell ihr Saison-Abschlusskonzert und viele Riggies froren sich draußen anstehend regelmäßig den Mors ab, bevor es drinnen heiß herging. „Schmutzig, aber herrlich“, schwärmte mir jeder vor.

Auch für Christy Moore ist der Ballroom etwas Besonderes:

„…(1987)… I got my first gig in Barrowland and it has been one of my favourite venues in the world ever since. Not for the fainthearted (no seats nor lifts,no arty fartys) it is a basic room but it is imbued with the Spirit of 10.000 gigs“

…  schrieb er letzte Woche auf seiner Homepage. Sogar einen eigenen Song hat er der Bühne gewidmet. „Come all you dreamers…“

Ich war nach dem München-Konzert der High Kings Ende letzten November im Münchner Ampere auf das Konzert aufmerksam geworden. Die Männer bringen eine wunderschöne Cover-Version von „Ride on“, haben den Song auch in das neue Album „Grace & Glory“ aufgenommen.

Ich hörte mir die Versionen im Vergleich an, vergab meine Punkte vollständig an die warme Moore-Stimme sowie die sensible Intrumentalisierung in seiner Version  und bekam dabei mit, dass er 2017 ins Barrowland zurückkehren würde. Am langen Wochenende über den 1. Mai – na, da geht doch was! Flug buchen, Karte kaufen, Hotel suchen – alles eine Sache von gaaaaaanz kurzer Zeit.

Vier Monate Vorfreude, dann hob der Flieger trotz des gigantischen Verkehrschaos am Freitagmorgen, verursacht durch mehrere Störungen beim MVV, weshalb ich kurzfristig aufs Auto wechseln und am Flughafen teuer parkieren musste, fast pünktlich Richtung London Heathrow ab. Fast pünktlich… denn auch die Piloten kamen zu spät :-)

Über meinen ersten Tag in der größten schottischen Stadt, in die ich früher niemals wollte, die aber gerade eine höchst erstaunliche Entwicklung hinlegt, berichte ich in einem gesonderten zweiten Post. Hier will ich beim Konzertabend bleiben.

Bei der Ankunft vor dem Ballroom das obligatorische Schlangestehen. Drinnen die erste Enttäuschung: „Ist das eine Kamera mit Wechselobjektiv?“ Ja mei, des kann ich nu schlecht leugnen – sieht man ja. Prompt höre ich meinen absoluten Lieblingssatz all over the world: „That’s not allowed“.  Da will ich schon das erste Mal nach Hause. Aber immerhin ist die Frau freundlich – habe ich auch schon anders erlebt. Sie stellt mir eine Riesenquittung aus, die wir beide unterschreiben müssen. Ordnung ist das halbe Leben – hoffentlich nützt es was und ich sehe die Kamera wieder, denke ich mir, während ich mich an die nächste Schlange anstelle. Auf dem Schein steht „Sony-Kamera“. Während ich so warte, kommt mir die Idee, dass vielleicht ein anderer zum Beispiel eine A7r II mitgebracht haben könnte, die ich dann unter Umständen „irrtümlich“ mitnehmen könnte :-)

Um mich herum sehr viel mehr Dezibel als ich unbeschadet ertragen kann. Irgendwie hat sich das Laute dort erhalten aus Zeiten, wo man sich noch von Berg zu Berg verständigen musste. Irgendwer, der uns entgegen kommt, sagt, es würde 50 min dauern. Was dauert 50 min? Es ist kurz vor 20.00 Uhr, das Konzert muss gleich beginnen und ich steh‘ hier im Flur in einem unbändigen Lärm, den ich noch fast eine Stunde ertragen soll? Nun möchte ich wirklich raus… aber die Schlange hat sich inzwischen so weit fortbewegt, dass sich der Flur zu einem Raum öffnet und ich erkenne, was ich längst mal hätte fragen sollen: die Leute standen alle an der Bar-Schlange an. Ja, wir Deutschen… sehen eine Schlange und stellen uns brav an’s Ende. Eigene Schuld. Ich kehre schnell um, habe von den 50 min immerhin die Hälfte eingespart, wenn auch nichts zu trinken, und kann mir im Ballroom genau noch ganz hinten an der Wand einen recht angenehmen Platz ergattern.

Der Saal ist zum Bersten voll, der Lärmpegel, wieder nur durch die Stimmen verursacht, auch hier enorm.

Und dann wird es nach einem kurzen gigantischen Jubel auf einmal ganz still und friedlich. Christy Moore, der ihn häufig begleitende Gitarrist Declan Sinnott, Fiddler Cathal Hayden, Jim Higgins (Bodhrán u.a.) und zwei Background-Sänger nehmen ihre Plätze ein und ohne großes Begrüßungspathos beginnt das Konzert. Sehr schnell fällt mir auf, dass das Publikum erstaunlich textsicher ist. Nicht nur in den Refrains, wie ich es oft bei Runrig erlebt habe, sondern auch in den einzelnen Strophen, und da kommen bei Moore ja oft viele zusammen.

Rechts und links von mir finden sich inzwischen mehrere derer ein, die vorher noch an der Bar anstanden – woanders ist ja auch kein Platz mehr. Oh je, denke ich, hoffentlich wird es nun nicht wieder laut – ich erinnere mich an Stornoway im letzten Sommer, wo die Leute auch bei ruhigeren Stücken ungeniert quatschten und ich mir dachte „Das können Künstler nur aushalten, wenn sie in der harten Pub-Atmosphäre groß geworden sind.“

Doch Fehlanzeige! Binnen kurzem habe ich keine Zweifel: Alle hier sind so voller Respekt vor dem Künstler, dass ihnen überhaupt nicht in den Sinn kommt, die Vorstellung irgendwie zu stören. Ruft doch einmal einer etwas Anspornendes in den Raum, bekommt er sofort ein „Psschhht“ von rechts und links und tatsächlich ist sofort wieder Ruhe. Ich finde die Menschen zum Knuddeln. Nun will ich nicht mehr raus. Außerdem habe ich Sonderstatus, nachdem ich mich auf glaswegianische Ansprache eines Großen links von mir, von der ich kein Wort verstehe, als Foreigner outen muss. Seitdem sind die vorher so lauten Kerle besonders höflich zu mir und erzählen sich gegenseitig, dass ich aus Hamburg komme. Na gut, München oder Hamburg… ist doch egal heute.

Diese Einheit von Künstler und Publikum ist in dieser Intensität etwas, was ich vorher noch nicht so erlebt habe.

Auch wenn sowohl Bruce Springsteen als auch – vielleicht noch um einiges mehr – Sting im März in Stuttgart, eine tolle Symbiose erzeugen konnten – diese hier wirkt auf mich um stärker, emotionaler. Ich weiß noch nicht viel von den Glasgowern, aber ein bisschen über Christy Moore. Er ist bekannt für sein sozialkritisches Engagement, dafür, dass er klar anspricht, wenn er Probleme sieht. Mindestens zwei seiner Songs sind noch immer „banned“ (ich dachte, so etwas gab es nur in den Ostblock-Ländern, aber gerade heute bekamen wir schon wieder in ähnliche Richtung Laufendes aus Deutschland zu hören) – ein Album musste er deswegen einstampfen, weil es ein verbotenes Lied enthielt.

Womöglich also liegt es an diesem Engagement für die weniger Privilegierten, dass ihm die Glasgower, die zum großen Teil auch nicht mit Samthandschuhen groß geworden sind, im Barrowland so andächtig zuhörten und mit ihm sangen, dass ich mehrmals Tränchen verdrücken musste. Na ja… und was soll’s, also sang ich genauso laut wie sie mit, als „Viva la Quinta Brigada“ angestimmt wurde. Es war köstlich, wie bei den Zeilen

Many Irishmen heard the call of Franco
Joined Hitler and Mussolini too
Propaganda from the pulpit and newspapers
Helped O’Duffy to enlist his crew

The word came from Maynooth, “support the Nazis”…

laute Buhrufe erschallten und bei der Nennung der irischen Heldennamen Beifall aufbrandete. So einfach kann das alles funktionieren, wenn Authentizität im Raum ist und kein mahnender Zeigefinger.

Meine Lieblingssongs an diesem Abend dennoch das einzigartige „Ride On“ sowie „Black Is The Colour“ und „Missing You“. Fantastisch auch, wenn Moore sich zwischendurch nach rechts oder links umdreht und mit seinen Musikerkollegen kurze Sesssions einbaut. Alles sehr lässig, ruhig, aber äußerst fein.

Nach zwei Zugaben, wo auch endlich das schon vorher laut eingeforderte „Lisdoonvarna“ erklang, verabschiedeten sich die Künstler, konnten freilich – wie Moore anschließend in seinem Chat schrieb, in der Künstlergarderobe noch mit anhören, dass die Fans nicht etwa raschen Fußes in das nächste Pub enteilten, sondern wie noch eine ganze Zeitlang  musikalischer Flashmob mit Gesang und wir-klatschen-Takt-an-die-Hallenwände abging.

Come all you dreamers hear the sound of the Barrows humming (Barrowland)

Weil ich nicht fotografien konnte, will ich hier wenigstens noch ein paar lebensvolle Eindrücke aus der City vom Nachmittag bringen, als die Clanadonias auf der Straße gespielt haben. Da ging es ähnlich zu.

PEOPLE MAKE GLASGOW

<Foto im Zuge der DSGVO gelöscht>

 

Glasgow Clanadonia Straßenmusikszene