„Sie waren mit dem Zelt unterwegs?“ Ich konnte geradezu das Gruseln in so manchem Gesicht sehen, wenn ich in der sechsstündigen Wartezeit auf dem Flughafen Reykjavik erklärte, warum ich so viel Gepäck dabei hatte. Aber das ist wirklich nichts Dramatisches und in Island so unkompliziert wie sicher – auch für uns Frauen.

Außerdem: wenn ich dabei nicht Wert auf Komfort legen würde, hätte ich ja nicht so viel Gepäck, sondern nur einen 60l-Rucksack mit außen angeschnalltem 1kg-Zelt!

Island ist wirklich ideal für’s Zelten, in fast jedem Ort gibt es dafür ausgewiesene Plätze, kostenpflichtige Campsites und kostenfreie Wiesen. Das frühere freizügige Recht, auf den sich zumeist in Privathand befindlichen Grundstücken zu übernachten, musste inzwischen eingeschränkt werden. Es nahm überhand, und leider gibt es zu viele Menschen, die zwar in der Natur übernachten möchten, aber glauben, es käme jemand hinter ihnen aufzuräumen. Dabei differenziere ich übrigens bewusst nicht zwischen Touristen und Einheimischen.

Bei meiner Reise im Jahr 2013 war die Situation noch verträglicher, so dass ich an solchen Traumplätzen die Mittsommernacht genießen konnte (mehr dazu im Reisebericht „Das blaue Husavik“):

Aber wie ist das nun mit der Übernachtungsvariante „Zelt“? Nur etwas für junge Leute oder allenfalls noch für solche wie Reinhold Messner?

Zugegeben: Ich gehöre mit den Motorradfahrern überall zu den Ältesten, die nachts in ein Zelt krabbeln. Und zugegeben: Man muss es mögen und aushalten, wenn sich alles auf das unbedingt Notwendige konzentriert. Das ist nichts für Bequeme, denn morgens schlägt man nicht schnell mal die Bettdecke weg, sondern muss die Dinge ordentlich verpacken und an ihren Platz stecken, wo man sie hoffentlich abends ohne Nervenzusammenbruch wiederfindet.

Aber für diejenigen, die darüber nachdenken und sich nicht trauen, schreibe ich hier mal meine Anfangserfahrungen auf und gebe ein paar Hinweise zum Campen in Island. Vielleicht hilft es ja der einen oder dem anderen. Die Bilder stammen von verschiedenen Touren und Ländern.

Ich bin mit dem Camping wirklich nicht aufgewachsen und habe zu Beginn oft alles auf den Boden geschmissen, um z. B. die Zelthäringe zu finden. Inzwischen kommt es seltener vor. Frau wird konzentrierter, weil sie weiß, sie hat sonst mehr Arbeit.

Meine Inspiration kam 2007, als Stefan, Nadine und ich mit einem Dethleff-Camper nach Schottland tourten.
Bis dahin hatte ich kein Problem damit, in sternegekrönten Hotels einen Begrüßungs-, einen Getränke-, einen Speisen- und einen Abräumkellner sehr gut zu beschäftigen. Bekam in meinem Lieblingshotel in Gösing einen hysterischen Anfall, weil die Frühstücksbedienung unaufmerksam beim Kaffee-Nachschub war. Ja, wenn es mit dem Kaffee morgens nicht klappt, liegen bei mir die Nerven blank :-)
Ich habe auch heute noch nichts gegen ein gepflegtes Hotel einzuwenden und bin darin kurioser Weise immer noch anspruchsvoll. Es ist halt immer eine Frage der Erwartung, glaube ich. Bin ich draußen, erwarte ich nichts außer Freiheit. Geh‘ ich in ein exzellentes Hotel, erwarte ich, dass die Leute ihren Job exzellent machen.

Jedenfalls hatte ich vor Schottland 2007 keine Ahnung, wie sehr ich es genießen würde, losgelöst von Dresscode und Diskussion über Weinhochkultur Tag und Nacht draußen in der Natur zu sein. Frei wie ein Vogel. Unterwegs dort anzuhalten und stehenzubleiben, wo es mir gefällt. Notfalls das Zelt ein Stück von der Straße weg oder an den Strand tragen und „gut isses“.

Campingstuhl aufstellen oder eine Sitzgelegenheit improvisieren und mit dem selbst gekochten Kaffee oder einem Single Malt in der Hand Wolken, Wellen, Tieren zuschau`n. Köstlich!!!

Als ich 2011 – diesmal allein – wieder nach Schottland wollte, waren mir die Mietkosten für vier Wochen Camperausleihe (wo das Geld ja hinterher einfach nur weg ist) zu hoch und ich wagte den Gedanken „Probier’s doch mal mit Zelt und deinem Auto. Wenn es gar nicht geht und du am ersten Morgen verrenkt und mit Hexenschuss aus dem Zelt kommst, musst du halt auf B&B wechseln.“ Für den Fall, dass ich die gesamte Ausrüstung bei meiner Rückkehr wieder verkaufen müsste (was ich befürchtete), schaffte ich ausschließlich hochwertige und damit wiederverkaufbare Markenartikel an, weshalb die Kosten dann höher waren als die Camper-Mietkosten :-), eine Entscheidung, über die ich freilich jetzt nach all den Jahren recht froh bin. Alles nach wie vor tadellos, niemals Wasser im Zelt, niemals einen Sturmschaden!

In Schottland angelangt, bekam ich bei 8°C und Regen dasselbe Gruseln, welches ich jetzt manchmal bei anderen sehe.
„Zelt?, geht heute nicht, muss auf morgen warten, wenn es hoffentlich trocken ist.“ Am dritten Abend im Hotel bekam ich Frust auf mich selbst und versprach mir, morgen aber bestimmt das Zelt aufzubauen und auch drin zu schlafen. Der nächste Tag in Fort Williams war gemein, die Quecksilbersäule überschritt die 8° keinesfalls, es regnete und abends kam noch Sturm hinzu. Viel übler als am Tag zuvor.
Aber gesagt ist gesagt. Also fuhr ich zur Campsite am Fuße des Ben Nevis, wo ich mich beim erstmaligen Zeltaufbau (vom Probeaufbau in der Wohnung mal abgesehen) so dämlich anstellte, dass gleich Helfer kamen, die meine rote Hillu für die Feuertaufe fit machten. Das war mir ziemlich peinlich. Indes vergaß ich das Peinlichkeitsgefühl drinnen ziemlich schnell, weil nun die Angst kam. „Was machst du hier eigentlich? Jeder kann den Reißverschluss aufziehen und dir was antun.“ Also bin ich im Regen wieder raus, habe Trillerpfeife, Schweizer Messer und Band aus dem Auto geholt. Mit dem Band die drei Reißverschlussteile zusammengeschnürt, damit der „robber“ es ein bisschen schwerer bekäme und ich inzwischen laut pfeifen und das Schweizer Messer zücken könnte. Oder umgekehrt? Das konnte ziemlich egal sein, denn bevor ich mich aus dem engen Mumienschlafsack befreit hätte, wäre eh‘ alles zu spät gewesen!

Und „schwerer“ bekam aber allein ICH es, nämlich beim nächtlichen Gang auf die Toilette, verursacht durch das Regenprasseln auf das Zeltdach und unweigerlich entstehende Bedürfnisse. Irgendwann gab ich das mit dem Band deshalb auf. Drei Tage später konnte ich im Zelt auch bei Regen durchschlafen. Und irgendwann wollte ich gar nicht mehr unter ein festes Dach, sondern draußen bleiben.
So ist es mir inzwischen in Schottland, in Island und (dies ergänze ich ein Jahr später) in Afrika gegangen. Dabei ist es nicht so, dass ich das Risiko nicht mehr wahrnehme. Vielmehr glaube ich, dass ich meine Ängste loslassen lernte, wie mit der Stimmgabel aus dem Traumzauberbaum berührt und aufgelöst. Für mich vielleicht der allerwichtigste Nebeneffekt dieser Reiseform!

Island 2013 mit Bodenzelt

Namibia 2014 mit Dachzelt

Stichwort Hygiene/Schminken: Soweit „Frau“ eine Campsite benutzt, verändert sich ja nicht viel. In aller Regel sind Duschen da und auch Spiegel. Man kann die Duschen oft auch als „Nicht-Gast“ gegen ein kleines Entgelt oder sogar kostenfrei nutzen.
Und sonst? Da hat erst einmal jede ihre ganz eigenen Bedürfnisse. Mir ist Schminken überhaupt nicht wichtig, aber Hygiene schon. Ich habe im Auto immer um die 10 Liter Wasser dabei. Dafür kaufe ich am Anfang ein Paket mit 2-l-Wasserflaschen, die ich später nachfüllen kann. Zwei Brauchwasserflaschen (mit Wasser unsicherer Qualität) kennzeichne ich mit einem Streifen Textilklebeband. Als sehr praktisch für unterwegs haben sich feuchte Tücher erwiesen. Aber Vorsicht: da ist viel Chemie drin, also nicht in der Landschaft liegen lassen. Gehören in einen Müllbeutel und können später sicher entsorgt werden.

Wo man nicht mit dem Auto unterwegs ist, sondern zu Fuß mit Rucksack in der freien Natur, muss man einfach Abstriche machen. Dabei muss man sich bei der Packliste auf das Lebenswichtige für Essen, Trinken, Schlafen konzentrieren. Ich unternehme lediglich Kurzwanderungen auf diese Weise und habe auch nichts anderes mehr vor.

Bleibt die Frage nach dem Hexenschuss! Schließlich bin ich ein Schreibtischtäter und war als solcher oft von Rückenschmerzen geplagt gewesen.  Aber siehe da: Die Bewegung auf dem Boden und das Hoch und Runter gefiel der Wirbelsäule offenbar, denn von der ersten Nacht bis heute hatte ich unterwegs niemals Beschwerden und inzwischen ist auch zu Hause das Rückenleiden weg. Mir blieben vom Unfall 2011 ein paar frakturbedingte Einschränkungen beim Hinknien, die ich mehr oder meist weniger elegant umgehen muss, aber ansonsten liebe ich die Freiheit, die mir das Zelt bietet, über alles und zumindest bis zum Gefrierpunkt habe ich darin kein einziges Komfortproblem. Jedenfalls nicht in den nordischen Ländern. In Griechenland würde es mir im Traum nicht einfallen, im Zelt zu wohnen – da ist es viel zu heiß und in den Mittagsstunden brauche ich dort Schutz durch richtige Mauern.

Aber im Norden geht es vorzüglich. Außerordentlich bewährt für das Schlafen hat sich seit 2011 die Downmat 9, eine 9 cm dicke, daunengefüllte Isomatte, mit einem R-Wert (kennzeichnet den Wärmedurchgangswiderstand) von 8,0. Dieser R-Wert isoliert bis -36 °C, da muss man sich also nicht sorgen. Manche Outdoor-Kollegen beklagen Undichtigkeiten, doch ich benutze die Isomatte nun schon über viele Jahre und habe solche Probleme bislang nicht (Stand 2017). Vielleicht liegt es bei den anderen an der integrierten Pumpe, deren Material mit der Zeit ermüden könnte, wenn die Matte täglich packsack-klein zusammengerollt wird. Ich mache die Matte nur dann vollständig luftleer, wenn ich sie für den Flug verpacken muss, ansonsten lasse ich aus Bequemlichkeit und zum Schutz der Daunen immer etwas Luft drin. Dann wird die Pumpe nicht so arg gepresst.

Was den Schlafsack betrifft, so gibt es viele sehr gute, aber keinen für alle Einsatzzwecke. Man muss sich also überlegen, wo man unterwegs sein will. Ich benutze seit 2011 den Apache von Western Mountaineering, der eine Frau bis -4 °C wärmen soll. Das scheint mir das unterste der Gefühle zu sein, jedenfalls für Menschen wie mich, die sich viel drehen, wodurch die Daunen gepresst werden und Isolierkraft verlieren.
Ich habe für Extrembedingungen, wenn es zum Beispiel richtig stürmt und zugleich kalt ist, immer eine Primalofthose dabei, die ich notfalls zusätzlich im Schlafsack anziehen könnte. Habe ich aber noch nie gebraucht, auch nicht in Gletschernähe. Bei Temperaturen zwischen 5 und 10 °C in der Nacht benötigt man eigentlich gar keine Kleidung im Schlafsack, allenfalls aus hygienischen Gründen. Und bei Temperaturen über 10°C mache ich den Schlafsack nicht mehr zu, sondern benutze ihn als Decke.

Meine übrige Ausrüstung für Sommer in Island:

  • Alles, was man sonst auch für Hygiene und Notfallapotheke benötigt. Handtuch.
  • Bekleidung nach dem Zwiebellagenprinzip (unten dünne Merinowäsche, darüber ggf. nochmal dickeres Merino oder gleich Primaloft- und/oder dünne Daunenjacke. Eine schnell trocknende Hose. Für Extremtage mit Sturm oder Regen noch 3-Lagen-Goretex-Jacke sowie –Hose. Trekkingsocken, Handschuhe, Mütze, Badeanzug. Wanderschuhe, Sandalen/Crogs.
    Bekleidung nimmt bei mir den geringsten Raum im Gepäck ein. Meist kann man die Erstausrüstung nach ein paar Tagen irgendwo auf der Campsite waschen.
  • Uhr, Lesebrille. Handy, Garmin, Mobiltelefon mit allem Ladekram, Verteilerdose (notwendig, wenn auf der Campsite die einzige Steckdose schon besetzt ist), Spannungswandler fürs Auto. E-Book-Reader, MP3-Player. Zum Lesen kam ich in Island nicht. Musik hörte ich auch nur oben auf Tjörnes in der Mittsommernacht. Ansonsten war mir die Natur Musik genug. Karten, Reiseführer.
  • Die Kommunikations-Infrastruktur in Island ist übrigens hervorragend. Sowohl für Telefon als auch für Internet.
  • Nähzeug, Ersatzschnur (auch als Wäscheleine zu gebrauchen), Wäscheklammern, Stirnlampe für Höhlen, Textilklebeband. Wanderstöcke hatte ich mit, aber nicht benötigt.
  • Kochausrüstung. Gas darf nicht ins Flugzeug, kann man aber an jeder N1-Tankstelle kaufen. Feuerzeug nicht vergessen (die Security erlaubt genau 1 Stück im Handgepäck, alles andere wird „gespendet“)! Trekkingnahrung ist praktisch, gewiss nahrungstechnisch ausgewogen, schmeckt mir aber nicht wirklich. Zumindest sollte man mit Frischem wie Lauchzwiebeln, Tomaten etc. aufbessern. Besser essen gehen oder vor Ort Fisch, Nudeln oder frisches Gemüse kaufen. Was ich immer mitnehme von zu Hause: großes Paket Kaffee. Ohne Kaffee … ach das hatten wir ja schon :-)
  • Fotoausrüstung. Was denn sonst! Der größte Batzen in meinem Gepäck. Kameras, Objektive, Stativ, Filter, Akkus, Speicherkarten. Kommt zum Teil ins Handgepäck, der Rest muss flugsicher verpackt werden, weshalb es schnell sperrig wird.

Thema Zelt

Die Ansprüche an ein Zelt sind höchst differenziert, deshalb kann man keine allgemeine Empfehlung geben. Zwei habe ich dennoch:

  • Das Zelt ist unterwegs euer Schutz, es muss euch vor Sturm, Dauerregen, Hagel und sonstigen Widrigkeiten bewahren – übergroße Sparsamkeit ist hier fehl am Platze!!!
    Ja, bei Autotouren kann man notfalls in den Wagen ausweichen, aber die Nachtruhe ist dann dahin. Es ist ein sehr viel besseres Gefühl, wenn ich weiß: Es kann noch so stark stürmen und regnen, es wird allenfalls laut, aber die Zeltwand bricht nicht über mir zusammen.
  • Liebt euer Zelt, geht mit ihm und vor allem mit dem Gestänge achtsam um und gönnt ihm nach einer schönen Tour Reinigung und Pflege.

Viel Freude bei euren Camping-Touren. Safe journey!