Lange Anna auf Helgoland

„Irgendwann wollen wir zu Weihnachten nach Helgoland, um die jungen Robben zu fotografieren“, meinte Stefan öfters in den letzten Jahren.
Ich nickte dann stets brav und dachte mir: Helgoland … Nordsee … Winterstürme … das klingt nach Grau und Ungemütlichkeit. Warten wir mal ab, ob überhaupt was daraus wird, ehe ich zu zittern beginne.
Dieses Jahr im Oktober wurde die Planung dann überraschend konkret und ich war neugierig genug, meine Teilnahme zuzusagen.

Erst zwei Wochen später stöberte ich das erste Mal in der Google-Bildersuche und bekam einen ordentlichen Schreck: Das ist ja bloß ein einziger Felsen inmitten von ganz viel Meer!

Nicht dass mir Insel-Dasein und Winterstürme fremd wären, schließlich bin ich ja auf einem Eiland geboren und 16 Jahre lang aufgewachsen. Doch auf Rügen haben wir an den meisten Orten einen sicheren Abstand zum Meer, so dass wir selbst extrem hohe Wellenberge nur aufregend schön finden konnten.

Auf dem 1 km² großen roten Helgoland-Felsen und vor allem auf der benachbarten winzigen Düne, die die Robben beherbergt, könnten wir doch schnell ziemlich nass werden, fürchtete ich. Oder gar nicht hinkommen … oder nicht weg. Oh je, viele Fragezeichen taten sich auf.

Robben auf Düne Helgoland
Aber wie es unsere Art ist, organisierten wir die Tour nach dem Motto: Es wird schon alles klar gehen und obwohl wir just  in DER Nacht starteten, als der viel diskutierte Maya-Kalender endete und die Welt eigentlich ein Ende haben sollte, ging auch tatsächlich alles klar.

Blitzeis für unterwegs war angesagt, deshalb fuhren wir früher als geplant ab. Das war gut so, denn in den frühen Morgenstunden waren zunächst die Scheibenwischer und kurz darauf auch die Außenspiegel vereist und da fuhr dann sogar Stefan mit gemäßigtem Tempo.

In Cuxhafen sicher angekommen, war die wichtigste Frage, ob die Fähre wie geplant ablegen würde. Für den 22. Dezember waren heftige Sturmböen angesagt. „Macht nix“, meinte die Frau am Schalter von Cassen Eils, „wir haben Ostwind, der stört uns nicht weiter.“
Beruhigt ließ ich deshalb die Reisetabletten in der Schachtel. So erlebten wir die Überfahrt auf Deutschlands einzige Hochsee-Insel zwar todmüde, aber relaxed, zumal die „Funny Girl“ nicht so voll war.

Zwei Stunden später erreichten wir mit Spannung den roten Felsen. Von der Position des Fähranlegers erschien die Insel eher unspektakulär. Ja, die hübschen, bunten Hummerbuden fielen angenehm ins Auge, aber ansonsten … eine Reihe mit Hotelbauten, die einen, wenn man von der Bäderarchitektur an der Strandpromenade Binz verwöhnt ist, nicht aus den Socken haut. Und dabei, so las ich später, steht der Komplex sogar unter Denkmalschutz. Er ist einer der wenigen geschlossen erhaltenen Architekturensembles der 50er Jahre. O.k., ich kann den Grund akzeptieren, frage mich aber dennoch, ob es richtig ist, diesem Kleinod von einer Insel eine architektonische Weiterentwicklung auf Dauer zu verwehren.

Denn ein Kleinod ist das nur 1 qkm große Helgoland.
Eines, von dem ich mir nicht hätte träumen lassen, dass es noch existiert.

Walking Helgoland

Man bemerkt es vielleicht nicht auf den ersten Blick, aber bestimmt schon, wenn man die Insel auf dem Höhenweg umrundet. Und spätestens, wenn man ein paar Tage bleibt und sich auf das entschleunigte Leben einlassen kann, ist es da, das Gefühl: Das kenne ich doch so ähnlich aus der Kindheit. Als das Leben sich auf das Wichtigste reduzierte, als alle Wege noch zu Fuß und nicht mit dem Auto zurückgelegt wurden, als man nicht ständig von A nach B eilte, um dies und das zu erleben.

Das soll nun keine Retro-Hymne sein; es ist zum Beispiel kein Vorzug, für die Facharztversorgung auf’s Festland fahren zu müssen, zumal ohne ein Auto dabei zu haben. Dennoch: ein Nachdenken über unser aufwändiges und immer hektischer werdendes Leben ist es meiner Meinung nach wert und auf Helgoland wird man dazu angestubst.

Wir hörten später, dass es diverse Bestrebungen gibt, den Wohlstand auf der Insel durch diverse Veränderungen zu befördern, nachdem der Tourismus seit Mauerfall unter der Konkurrenz im Osten leidet.

Ein Landweg zur Düne sollte gebaut werden; der Beschluss war jedoch nicht mehrheitsfähig, so setzen wir also vorerst weiter gemütlich mit den kleinen Bötchen über

Helgoland und vorgelagerte Düne
Jetzt gibt es Pläne, dass Kreuzfahrtschiffe die Insel anfahren sollen. Vielleicht wäre es keine schlechte Idee, wenn die Entscheider ein paar Tage auf Santorin oder in Venedig weilen würden und sich dann überlegten, ob sie die dortigen Verhältnisse wirklich wollen: Verstopfte Gassen, in denen das Flanieren keinen Spaß mehr macht, aufgereihte Billig-Souvenirstände mit Plüsch-Robben anstatt Plüsch-Eseln (Santorin) oder Papp-Masken (Venedig), enttäuschte Erwartungen der Gastronomen, denn die Hauptmahlzeiten nehmen die Kreuzfahrttouristen doch wieder an Bord ein – so ähnlich würde die Zukunft aussehen.

Für mich würde Helgoland seinen einzigartiges Flair verlieren, dann könnte ich genausogut Elba oder ein anderes italienisches Strand-Ziel anfahren. Aber vielleicht bleibt dieses Schicksal der Insel Helgoland und seinen Liebhabern ja erspart, so dass die Insel weiterhin ein Eldorado für Tierfotografen, Rückzugshungrige und Allergiker (pollenarme Luft) sowie für Zollfrei-Schnäpchchenjäger bleiben kann.

Überanstrengen und verlaufen kann man sich auf Helgoland nur schwerlich. Für den Rundweg oben auf den Klippen benötigte ich eine Stunde, das entspricht meinem täglichen Spaziergang durch den Ebersberger Forst. Mit dem Unterschied, dass der Blick unendlich weit gleitet und nicht durch dünne, hohe Fichten gebrochen wird.
Und man begegnet keiner Wildschweinhorde, sondern allenfalls einem Schwarm Basstölpel, was mir – unser Landkreiswappentier mag es mir verzeihen – eindeutig lieber wäre.

Nach dem Eingewöhnen in der komfortablen Ferienwohnung und dem Einkaufen (die Schließzeiten an den Festtagen standen bevor und man ist gut beraten vorzusorgen) galt unsere Aufmerksamkeit natürlich der Düne.

Nur einen Kilometer von der Hauptinsel entfernt, ist sie seit 1998 Station für Kegelrobben und Seehunde, die dort ihre Jungen zur Welt bringen. Während die Babys der Robben im November/Dezember viele Fotografen anziehen, kommen die jungen Seehunde im Frühsommer zur Welt.

Das Fährboot fuhr entgegen unseren Befürchtungen täglich zuverlässig stündlich, auch an den Weihnachtstagen. Wir hörten, die tüchtigen Männer lassen das Boot bis Windstärke 10 auslaufen. So viel Wind haben wir aber nicht erlebt.

Es war schon ein kribbelndes Gefühl, als ich an Heiligabend sehr früh in der Morgendämmerung auf der Düne ankam – die jungen Leute hatten bereits die 7.30 Uhr-Fähre genommen – und schon nach wenigen Schritten fast über ein Robbenkind stolperte.

Robbenbaby auf Düne Helgoland

Die Mutter war nicht weit und so eilte ich, den Abstand zu den Tieren rasch  zu vergrößern. Ich hatte noch keine Ahnung, wie sie mir begegnen würden.

„Halten Sie 30 m Abstand!“, steht es allenorts auf Schildern und ich war gewillt, mich daran zu halten. Allerdings stand ich wenige Schritte weiter – es war nach wie vor ziemlich dunkel – vor dem Problem, dass ich hätte umkehren müssen, denn die am Strand liegenden Kegelrobben bildeten keine genügend große Gasse :-).

Also nahm ich allen Mut zusammen und bewegte mich mutig zwischen den Tieren hindurch, wonach ich dann glücklicherweise auch bald auf Stefan und Nadine stieß, was mich sehr erleichterte.

In den nächsten Tagen sollten wir uns sehr an die großen und kleinen Tiere gewöhnen, ihre mehr oder weniger vorhandenen Nervositäten respektieren lernen und erkennen, dass ein vermeintlich auf uns zurasender Bulle nichts Arges gegen uns im Schilde führt, sondern auf der Flucht vor einem Konkurrenten ist.

Es war überhaupt nicht langweilig, stundenlang vor den Tierfamilien zu sitzen oder zu liegen und sie beim Liebesspiel und bei der Versorgung der Jungen oder beim Spielen zu beobachten.

Robbenbaby auf Düne Helgoland

Die Babys sind recht verspielt und kamen oft rasch auf uns zugerobbt, insbesondere, wenn wir auf dem Boden lagen, so dass sie einen Spielkameraden vermuteten. Auch abgestellte Fotorucksäcke sind beliebte Objekte des Beschnüffelns und wenn sich eine Kegelrobben-Mama dann daneben legt, braucht man Tricks, sein Eigentum zurückzuerlangen.

Ich empfand es als erstaunlich und angenehm, dass ein so enger Kontakt zu den Kegelrobben möglich ist und hoffe, wir Menschen untergraben diese Freiheit nicht selbst, indem wir die notwendige Ruhe nach der Geburt der Jungtiere zu arg stören.
Keiner von uns ist ja auch allein dort.
Während unseres Aufenthalts hielt sich die Besucher- und Fotografenzahl zwar in Grenzen, doch an unserem Abreisetag, dem 29. Dezember, strömten regelrecht Massen von der Fähre.

Und wenngleich wir Kegelrobben wie Seehunde fast ausschließlich als friedlich erlebten, ist eine Distanz zu ihnen doch angeraten, wenngleich die empfohlenen 30 m meist utopisch sind. Aber schon durch Zurückweichen, wenn die Babys mit einem spielen wollen, kann man die Distanz und Nichtzugehörigkeit deutlich machen, so dass die Jungen keine falschen Verhaltensweisen im Umgang mit dem Menschen erlernen.
Die Düne ist im Sommer Badegebiet; dort schwimmen sowohl Menschen als auch Robben.
Wenn dann die notwendige Distanz fehlt, kann es angesichts der Körper- und Prankenkraft schon mal ungemütlich für uns Menschen werden, obwohl die Tiere nur spielen wollen.

Pranke einer Kegelrobbe

Wer übrigens im Winter längere Zeit auf der Düne bleibt, sollte sich warm anziehen. Von den Füßen bis zu den Ohren.

Der Wind pfeift, die Temperaturen lagen zu Weihnachten bei 5 – 7°C und man ist ja nicht dauernd in Bewegung.Da wir sechs bis acht Stunden auf der Düne waren, schätzte ich auch den warmen Tee, den ich mitgenommen hatte.

So vergingen die sieben Tage auf Helgoland trotz Zurückgezogenheit und eingeschränkter Mobilität und trotz des schlechten Wetters wie im Flug.

Geblieben sind beeindruckende innere Bilder von der Insel und ihren Menschen, die eine sehr wechselhafte Geschichte erlebt haben.
Geblieben sind natürlich auch Fotografien, vor allem von den liebenswerten dickhäutigen Mitbewohnern dieser Nordseeregion.

Kegelrobbe auf Düne Helgoland