Nun habe ich es doch wieder getan: in der Hauptsaison ab nach Schottland. Und doch war diesmal vieles anders.

In die 16-tägige Tour auf die Brexit-Insel hatte ich das Hebridean Celtic Festival auf Lewis eingebaut. Dieses Event war ein lang gehegter Wunsch und als im letzten Winter bekannt wurde, dass Runrig dort spielen würden, war die Entscheidung gefallen. Runrig auf den Hebriden, also zu Hause – das muss einfach ein unvergessliches Erlebnis werden.

Unterwegs war ich wieder mit eigenem Auto und Campingausrüstung, wobei ich für die Festivaltage ein Guesthouse gebucht hatte. Wie gewohnt nahm ich die Anfahrt München nach Dünkirchen/Dover. Man muss dann zwar am nächsten Tag gleich wieder weit fahren, aber ich mochte das einfach immer: den Anblick der Cliffs vor Dover und den Fakt, bereits am Abend in Großbritannien sein.

Abfahrt Dünkirchen

Abfahrt von Dünkirchen. Gemütlich wie im letzten Jahr.

Ankunft Dover

Ankunft in Dover

Für Schottland und bei nur 16 Tagen werde ich allerdings künftig nicht mehr diese Strecke nehmen… es wird mir zu anstrengend. War ich am Sonntag bei schönstem Wetter so schnell wie nie um den Londoner Gürtel herum, stoppten wir abrupt in Mittelengland, weil sich einer der wenigen an diesem Tag fahrenden LKW quer gelegt hatte und mit schwerem Gerät geborgen werden musste.

Stau auf A1

Drei Stunden Verzögerung durch Vollsperrung der A1, der Umleitung über eine für schwere Fahrzeuge nur im Schritttempo befahrbare Straße und später – wieder auf der A1 – ein brennendes Fahrzeug

Um auf dem Rückweg, für den ich nur 2 Tage Zeit hatte, nicht ähnliches zu erleben, änderte ich unterwegs die Fährverbindung auf Newcastle – Amsterdam. War gut so. Schon deshalb, weil ich somit zwei Stunden weniger im Dunkeln fahren musste – komische Menschen hatten mir auf einem deutschen Rastplatz meine Autofahr-Brille gestohlen – was bitte wollen die damit???

Bei der Anfahrt nach Lewis hießen somit die Etappen Dover, Yorkshire, Glencoe, Ullapool. Abgesehen von der gesperrten A1 war es eine schöne Anreise, ab schottischer Grenze freilich mit viel Regen und dem üblichen Midges-Empfangskomitee in Glencoe. Zum Glück darf man dort vermummt laufen…

Ankunft in Schottland

Glencoe

Das Herz wird einem in den Highlands  – egal, wie das Wetter ist – ja sofort immer warm, man vergisst Ort und Zeit und als in Fort William dieser LKW vor mir auf die Straße einbog, bin ich ihm verzückt immer hinterher gefahren, selbst als er in Spean Bridge auf die A86 fuhr und ich doch die A82 gebraucht hätte :-)

Verlockung

Na, irgendwann erreichte ich über die immer leerer werdenden Straßen schließlich doch Ullapool mit einer an diesem Abend traumhaft schönen Abendstimmung.

Ullapool

Ullapool Hafen

Ich hatte in Ullapool ein Hostel gebucht, für den Fall von schlechtem Wetter, aber als ich hier stand, wollte ich am liebsten wieder auf die Campsite.

Ullapool-2

Ullapool Campsite

Am nächsten Tag die 10Uhr-Fähre genommen und somit gegen 13.00 Uhr auf Lewis angelandet. Unterwegs von einem Dutzend Delfinen begleitet. Das Ankunftswetter?, na, das sah so aus, aber davon lasse ich mich schon lange nicht mehr abschrecken:

Ankunft Stornoway

Ankunft Stornoway

Das von mir vorgebuchte (dringend angeraten während des HebCelt) Sandwick Bay Guest House lag etwas außerhalb von Stornoway, aber sehr schön am Strand. Mir hat es dort gut gefallen – Frühstück war grandios. Einige Gäste gingen die gut 2 km zum Festivalgelände zu Fuß, ich faule Suse fuhr mit dem Auto jeden Tag so weit ran, wie ich konnte. Am Samstag, dem Runrig-Tag, waren das freilich gerade mal 700m :-) Ausnahmezustand…

Sandwick Bay Guest House

Sandwick Bay Guest House

Sandwick Bay2

Sandwick Bay

Nach dem Check-in machte ich mich gleich in die Stadt auf, die Neugierde war ja riesengroß. Das Festivalbüro konnte ich nicht verfehlen: von innen schallte ein Runrig-Song nach dem anderen auf die Straße. Buchungszettel vorgezeigt, Armbändchen erhalten und anschließend – schon wegen der schönen Lieblingsmusik – ordentlich Fanartikel eingekauft :-)

Blacky witterte sofort eine weitere Schärpe, aber das schöne goldene Bändchen würde nun erst einmal drei Tage MIR gehören!

Vorfreude

Die Stimmung in der Stadt absolut liebenswert, viele Schaufenster kreativ auf das Festival eingestimmt.

HebCelt Kult2

Ich wollte erste Fotos vom Gelände machen, aber selbst mit der dreisten Behauptung, ich würde live für die Runrig-Fans in Deutschland berichten, gelang mir das Einschleichen nicht :-)

Festivalgelände

HebCelt

Also einmal ganz rum um das Gelände, welches ja wunderschön in der Landschaft und vor dem Castle integriert ist.

Wieder in der Stadt wäre ich beinahe über ein Forumsmitglied gestolpert. Zu dritt, denn zugleich traf ich auch eine Zimmernachbarin aus Ullapool, machten wir uns auf die Suche nach einem Pub mit Essen, fanden allerdings wegen der späten Abendstunde nur noch Pubs mit gutem Guinness, womit wir uns schließlich trösteten.

Während die anderen unserer kleinen Gruppe am nächsten Tag pünktlich den festlichen Einzug der Piper ins Festgelände begleiteten, hatte ich mich im Norden bei fantastischem Wetter am Butt of Lewis vertrödelt, so dass ich nun mindestens noch einmal zum HebCelt fahren muss :-)

Butt of Lewis4

Butt of Lewis

Dann wurde das Wetter grauslig, dafür reihte sich musikalisches Highlight an musikalisches Highlight und ich kam kaum mehr zur Besinnung.

Es würde auch zu weit führen, wenn ich über alle miterlebten Auftritte schreiben würde. Hervorragend waren sie alle. Außerdem ist es überaus sympathisch, dass das Publikum jeden Künstler, jede Band enthusiastisch feiert, als hätte jeder einzelne gerade einen Award gewonnen, wenn nicht gar einen Oscar.

Wenn ich zurückdenke, an welche Auftritte ich mich auch heute noch, vier Wochen später, sehr lebendig erinnere, wen ich also „mit nach Hause“ genommen habe, dann sind das diese:

Die Hayseed Dixies, von denen ich zwar schon annahm, dass sie super sind, aber nicht ahnte, dass sie mich derart mitreißen würden. Pure Wikinger-Energie. Für mich war dies die verrückteste Show, obwohl die Red Hot Chilli Pipers am nächsten Tag ordentlich nachlegten.

Auf die gälisch singende Julie Fowlis hatte ich mich mit am meisten gefreut und ihr Auftritt, gemeinsam mit meinem Lieblingsfiddler Duncan Chisholm, war wunderbar.

Julie Fowlis Duncan Chisholm

Die Orkney-Mädels von Fara lieferten eine gleichermaßen virtuose wie erfrischend temperamentvolle Show ab – hat super Spaß gemacht. Das gleiche bei Talisk – insbesondere Mohsen Amini mit der Concertina schien regelrecht zu explodieren. Wohlweislich hatte er sich den rechten Schuh ausgezogen, sonst hätten wir vermutlich vor allem rhythmisches Klopfen gehört.

Talisk

Breabach kannte ich noch nicht, bin aber nun ein Fan. Sehr stimmungsvoll, teilweise fast sphärisch.

Braebach

RURA ließ ich zunächst aus, weil ich annahm, die Band wäre musikalisch sehr nahe an Breabach und ich noch was anderes hören wollte und dazu das Zelt wechselte. Rückblickend war das falsch gedacht, was sich bereits andeutete, als ich in der zweiten Hälfte zurückkehrte und das große Zelt rappelvoll vorfand. Na gut, dachte ich, sie stehen schon für Runrig da… jedoch verließen nach dem enthusiastischen Schlussapplaus viele Leute erst einmal das Zelt – sie waren also sehr wohl für Rura da gewesen.

Zu Hause habe ich mir erst 1 Album besorgt und dann noch eins und dann noch die zwei Solo-Projekte des Sängers Adam Holmes. Das ist alles absolut fantastisch und ich würde mich sehr wundern, wenn wir die Stimme von Adam Holmes, der auf der Bühne ein bisschen schüchtern steht, nicht bald ganz genau kennen werden.

RURA waren die eine große Entdeckung auf dem HebCelt für mich, die anderen zwei waren Ross Wilson aka Blue Rose Code, den ich freilich schon von Deutschland aus auf dem Schirm und seine Musik auf der Scheibe hatte, und John McCusker (Bilder unten), der sich anschickt, mein nächster Lieblingsfiddler zu werden.

John McCusker-2

John McCusker

John McCusker machte auch eines, was ich zum großen Vorzug eines solchen Festivals zähle: er musizierte gemeinsam mit anderen, am Festival teilnehmenden Künstlern. Adam Holmes war dabei und den zunächst leeren Stuhl nahm zur Begeisterung der Zuhörer dann Duncan Chisholm ein. Gänsehaut-Feeling, als die beiden gemeinsam spielten!

Als auch noch der Song „Oh My God“ erklang, blieb nix weiter zu sagen bzw. zu fühlen: Oh My God, wie ist das herrlich! Ich habe eine Videoaufnahme mitgeschnitten, weiß momentan nur noch nicht, wie ich sie vernünftig verarbeiten soll – Filmen/Schneiden wird das nächste sein, was ich lernen will.

Hier eine andere wunderbare Aufnahme dieses Titels auf Youtube:

John McCusker Band - 'Oh My God' | UNDER THE APPLE TREE
Dieses Video ansehen auf YouTube.

Vielleicht war es diese tiefe und nachklingende musikalische Innigkeit, dass ich den lang erwarteten und HebCelt-entscheidungsgebenden Auftritt von Runrig zwar als wunderbaren Festivalabschluss erlebte, ein ganz besonderes Feeling bei mir allerdings ausblieb.

Nach fast drei Jahren Pause sah und hörte ich „unsere Jungs“ das erste Mal wieder auf der Bühne und versuchte mir die Erinnerung an die frühere Leichtigkeit und Inbrunst in Gedächtnis und Herz zu rufen. Und obwohl eine Woche später auf der Esplanade vor Edinburghs berühmten Castle vor allem dank Bruce Guthro einiges davon wieder in die Gegenwart zurück kam, muss ich leider sagen – und die anderen Riggies mögen mich dafür steinigen: die Band hat mich diesmal bei beiden Auftritten nicht so überzeugt, wie ich das von früher kannte. Ich bedaure auch, dass nicht mehr Titel des neuen Albums „The Story“ Aufnahme in die Setlist gefunden haben. Zwei Jahre haben sie an diesem durchaus gelungenen Projekt gearbeitet – nun erklingen die Songs nur teilweise live.

Das alles ist zugegebenermaßen Klagen auf hohem Niveau – aber das Niveau in Stornoway war eben absolut hoch.

Die leichte Enttäuschung wurde auf Lewis im übrigen vollständig ausgeglichen durch ein schier ausrastendes Publikum im Zelt und in vielen Reihen sitzend noch weit außerhalb. Der an diesem Tag längere Fußweg war eine Verlängerung des Festes mit viel Gesang auf den Straßen.

Ich Glückliche durfte nach dem Festival noch einige Tage länger auf Lewis bleiben, fuhr einen Tag nach Harris, wo ich die niederländischen Runrig-Freunde wiedertraf, verbrachte anschließend die Tage um den Vollmond herum bei Callanish, worüber ich noch berichten werde, bevor es langsam rüber an die Ostküste gen Edinburgh ging – zum Runrig-Konzert auf der Esplanade.

Wenn mich jemand fragt, ob sich der in mancherlei Hinsicht immense Aufwand, zum HebCelt zu kommen, für mich gelohnt hat, kann ich dies klar bejahen. Die Begeisterung hautnah mitzuerleben, mit der so viele junge (und nicht mehr ganz junge) Menschen dort Musik machen, zusammenkommen, um Musik zu feiern und dies alles so weit draußen im Atlantik zu erleben – das ist von einer besonderen Kraft, die man mitnimmt und die der Seele gut tut, besonders in diesen Zeiten.

Hier ist ein inzwischen auf Youtube eingestellter Kurzfilm, der das sehr schön wiedergibt:

HebCelt 2016
Dieses Video ansehen auf YouTube.

Die Insel Lewis und Stornoway waren grandiose Gastgeber.

Stornoway