Halbinsel Fischland-Darß-Zingst

Oder: wie ich die Orte meiner Kindheitserinnerungen suchte.

In mir gibt es ein paar ganz, ganz tief verwurzelte Eindrücke und zwei davon sind: Sowohl die Insel Usedom als auch Fischland-Darß sind schöner als meine Heimatinsel Rügen. Das Usedom von heute kenne ich nicht, der Halbinsel FiDaZi, wie sie in Neudeutsch auch abgekürzt wird, wollte ich einige meiner Mai-Ferientage widmen. Meine Freundin Uta hat in Müggenburg eine Ferienwohnung und weiß viele schöne Kranich-Geschichten zu berichten. Alte Erinnerungen von wilden Stränden mit angetriebenem Holz und lauschigen Campingplätzen inmitten von Dünen machten zusätzlich neugierig.

Eigentlich wollte ich schon Mittwoch von Rügen auf die Halbinsel weiterfahren, wegen der Friedlichkeit und Maien-Schönheit auf Mönchgut vermochte ich mich erst am Freitag loszureißen. Wohl eine Ahnung ließ mich sogar zum netten Campsite-Team in Gager sagen: Hoffentlich bereue ich heute Abend nicht, dass ich überhaupt wechsle.

Man soll den inneren Stimmen Gehör schenken :-)

Wenigstens verbrachte ich noch den größten Teil des sonnigen Tages auf Rügen, machte die herrliche Rund-Wanderung von Groß Stresow über Muglitz, wo man die Insel Vilm fast zum Greifen nah hat, und über Nadelitz wieder zurück nach Groß Stresow. Die Bilder habe ich in meinem Rügen-Bericht ja bereits eingestellt. Von diesen Eindrücken musste ich dann den Tag zehren.

Abschied von Rügen.

Weiter Blick aufs Land. Aussichtshügel vor Glowe.

Weiter Blick aufs Land. Aussichtshügel vor Glowe.

Überraschend kurz war die Fahrt nach Zingst. Die Meiningen-Brücke hinter Barth ersparte mir die lange zähe Anreise über die Fischland-Orte. Nach über 30 Jahren die alte B105 entlang zu fahren, die ich von wöchentlichen Heimfahrten während meiner Rostocker Berufsausbildung so gut kannte (die Bahnstrecke Rostock-Stralsund führt ziemlich parallel), weckte manche schlummernde Erinnerung.

Hinter der Stadt Barth hätte ich gleich am Natur-Campingplatz Pruchten bleiben sollen, aber nein, man will ja ans offene Meer. Also landete ich auf der Campsite „Am Freesenbruch“ in Zingst, gleich hinterm Deich. Was sich attraktiv anhört, entpuppte sich leider als eng parzellierter Platz und mit den imposanten Wohnmobilen, bei deren Anblick man sich immer fragt, warum die Leute nicht gleich zu Hause bleiben oder in ein Hotel gehen.
Gerechter Weise gehört aber hinzugefügt, dass es ein sehr ordentlicher Campingplatz ist. Ist halt nicht „cool camping“, es fehlt die Originalität, aber alles ist ordentlich.

Zingst Freesenbruch-09552

Ich machte einen ersten Spaziergang an den langen Sandstrand, der leider nicht so schön strukturiert ist wie im Süden Rügens. Also versuchte ich es ins Landesinnere und lief diesen Damm entlang, der für Fahrradfahrer recht angenehm, für Fußgänger hingegen etwas langweilig und nicht gerade fußschonend ist. „Da kann ich auch in der Dübener Heide laufen. Oder im Ebersberger Forst“, musste ich meinen Frust bei Uta loswerden.

Zingst Freesenbruch-09555

Da war ich inzwischen schon nach Zingst, nach Müggenburg und nach Prerow gefahren, hatte auf der Suche nach irgendeinem Platz, wo ich am Abend das eine oder andere nette Fotomotiv zu finden hoffte, immer wieder vor Absperrzäunen gestanden, so dass ich die den Blick versperrenden Baumbestände nicht durchqueren konnte oder war auf DIE Art von Tourismus gestoßen, bei der ich mich umdrehe und das Weite suche. Braucht der Darß wirklich Schaufelraddampfer? Gucken da die Kraniche lustiger?

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Wow, vor Prerow ein Aussichtsturm – nix wie hoch! Entgegenkommende Besucher dämpften meinen Enthusiasmus: „Wenn Sie da was sehen wollen, müssen Sie erst den Wald absägen.“ In der Tat, in Richtung Ostsee sieht man rein gar nichts. Aber immerhin endlich mal ein Blick weit auf die schöne Boddenlandschaft.

Prerow Aussichtsturm-09571

Der lauschige Campingplatz in Prerow, wo wir als 14-Jährige während einer Klassenfahrt gecampt hatten, ist einer Camping-Massenansiedlung gewichen, deren Ende man selbst dann nicht erkennen kann, wenn man auf die Dünen steigt. Berlin Marzahn am Strand.
Schon wieder so eine Erinnerung: In Berlin Marzahn wäre die Lehrerstelle gewesen, die anzunehmen ich mich 1980 geweigert hatte, was zum Beinahe-Rausschmiß von der Uni führte.

Prerow Camping-09588

Dann ist der Strand an der Zingster Campsite fast noch angenehmer, befand ich, fuhr wieder zum Freesenbruch, griff mir ein Bier und setzte mich damit gemütlich in einen der Strandkörbe, bis es tief dunkel war. Trostvolle Ruhe und nur Sand und leise rollendes Wasser.

Passend zur Stimmung war für den nächsten Tag eine Wetterverschlechterung ab Mittag angekündigt, die bis weit in den Sonntag reichen sollte. So entschied ich mich am nächsten Morgen, das Zelt einzupacken und bei Regenbeginn nach Bayern abzufahren. Bis dahin wollte ich noch das Fischland erkunden.
Siehe da: Ein bisschen was vom Wilden ist doch noch da.

Mein Auto am Parkplatz bei Born abgestellt, konnte ich kilometerweit durch den Darßer Urwald laufen. Eine beeindruckende Landschaft. Quer durch den Wald geht es freilich auch hier nicht, das Wasser ist allgegenwärtig.

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Und dann konnte ich schlussendlich noch meinen Frieden schließen, denn am Weststrand fand ich sie wieder: Die Ursprünglichkeit und auch das Treibholz und die schiefen Bäume.

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Mein persönliches Fazit von der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst 2015:
Man muss sich bewusst sein, dass die Halbinsel ein flaches, schmales Land zwischen der Ostsee und den Boddengewässern ist. Weite Aussichten wie auf Rügen findet man hier eher weniger, allenfalls am Strand über das Wasser hinweg. In den Orten auf dem Fischland, z. B. in Ahrenshoop, scheinen die Bewohner sich dem ungezügelten Tourismus etwas besser erwehren zu können als in Prerow und erst recht in Zingst. Zingst hat mir keinerlei individuellen Charakter vermitteln können – das mag an der langen Zeit als Militärstandort liegen.
Wer Strand sucht, wird nirgendwo etwas zu kritisieren haben. Sand und sauberes Wasser sind genug da.

Meine Erinnerung allerdings, dass der Darß schöner sei als Rügen, habe ich in diesem Jahr aufgefrischt und revidiert.