Glaube, dass es möglich ist

Endlich – es ist wahr geworden!

Als wir vor einem halben Jahr die Karten für’s Guns N‘ Roses-Konzert kauften, begann das Beten: „Lieber Gott, lass sie zusammenhalten.“ Das Zittern begann jedesmal neu beim Anblick des Tickets mit dem aufgedruckten Tourtitel: „Not In This Lifetime“ – Anspielung auf die Aussage von Axl Rose, sich nicht vorstellen zu können, wieder einmal mit Gitarrist Slash gemeinsam auf einer Bühne zu stehen. Es kann nur eine Diva geben :-)

Doch während in der Gesellschaft vielerorts die Separationsfetzen fliegen, weisen ausgerechnet diese alten Streithähne, wie es auch anders gehen kann. Seit 2016 touren sie nach 20 Jahren wieder erfolgreich gemeinsam und machen Fans glücklich. Auch ihnen selbst scheint das neue alte Miteinander zu taugen, jedenfalls waren sie in München am 13. Juni die Spiellaune in Person und Axl Rose scheint von Konzert zu Konzert fitter zu werden und einen schmaleren Hosenbund zu brauchen.

Die Presse kritikastert zwar dieses und jenes, was bis zur Äußerung reicht, die Band hätte wie ihre eigene Vorgruppen gespielt, aber das kennt man ja in Deutschland: das Suchen nach dem Haar in der Suppe anstelle anzuerkennen, dass 67.500 Fans das Oly in München vor Begeisterung erbeben ließen und dass dies wohl kaum aus dem Grunde geschah, weil lauter Verblendete oder Nostalgie-Verliebte vor Ort waren.

Ich jedenfalls zähle mich eher zu den kritischen Konzertgängern, was man im letzten Jahr nachlesen konnte, als ich eher enttäuscht über die Auftritte meiner langjährigen Lieblingsband Runrig in Schottland berichtete. Das schnitt mir durchaus ins Herz, aber was gesagt werden muss, muss halt gesagt werden.

Guns N‘ Roses hingegen lieferten ab, rissen mit und wer wie wir vorne in den FOS-Bereichen stand, bekam bestens mit, mit wie viel Emotion die Musiker bei der Sache waren. Nahezu drei Stunden – wer bringt das heute noch?

Wenigstens gab es auch Pressestimmen, in denen ich meine Eindrücke vollständig wiedergefunden habe, zum Beispiel dieser auf Regioactive.de

Ich will deshalb davon auch gar nichts wiederholen, sondern einige persönliche Impressionen zum gesamten Konzerterlebnis geben.

Verabredungsgemäß traf ich gegen 16.00 Uhr am Olympiapark ein; ausnahmsweise hatte mit S- und U-Bahn alles reibungslos und pünktlich funktioniert. Im Netz war noch aufgefordert worden, auch die Busse zum Gelände zu benutzen, weil die U-Bahn notorisch überfüllt wäre, aber davon war nichts zu merken. Ab Marienplatz war man optisch im Gunners-Fieber, weil etliche Fans mit bunten Wormland-Tüten zustiegen, in denen sie die Beute des einmaligen GNR-Merchandisings mit sich führten. Nein, Männer sind niemals eitel…

Mein Begleiter war noch mit dem Einparken seines Wagens beschäftigt, so kam ich in den Genuss, in Ruhe eine leckere Bratwurst zu essen, während ich beobachtete, wie die Ersten bereits die Security passierten – alles völlig stressfrei. Ganz offenbar hat der Veranstalter innerhalb einer Woche hinzugelernt, so dass sich nichts vom Chaos der Vorwoche wiederholte. Unterwegs stand übrigens eine ganze Reihe von Kartenverkäufern – jedoch vor allem mit Sitzplatzkarten. Wer kurzfristig in die Arena auf Stehplatz wollte, hatte eher Pech.

Wir sind kurz nach 17.00 Uhr durchs Südtor ins Station. Im Gegensatz zum Springsteen-Konzert klappte diesmal auch der Zugang zum FOS super. Hier ging es zu wie auf einer privaten Spielwiese. Wer wollte, konnte immer noch ziemlich weit nach vorne – wir bevorzugten einen hinteren Platz vor dem Absperrzaun wegen der Anlehnmöglichkeit. Wobei es  sogar zu Anfang des Konzerts gut möglich war, durch die lockeren Reihen nach vorne zu gehen, was ich auch tat. Erst ab etwa Halbzeit wurde es deutlich enger – warum auch immer, denn Leute, die fast 200 Euro für ein FOS-Ticket bezahlen, werden doch nicht erst nach der Hälfte eintreffen. Aber egal…

Bernhard zog noch einmal los, um ein Fan-Shirt zu kaufen – ich beschäftigte mich mit meiner neuen Samsung-Smartphone-Kamera, nachdem ich diesmal ja nicht einmal die Panasonic-Kompakte mitnehmen konnte. Es ist ein Elend mit diesem ganzen Sicherheitsgeraffl – wir Ticketinhaber dürfen keine Taschen mitnehmen, aber oben am Stadion-Rand darf jeder stehen und sein Gefährdungspotential ausleben! Da gibt es einfach zu viel Widersprüche, um es wirklich innerlich zu akzeptieren. Auch wenn die Tausenden den Veranstaltungsort verlassen, schützt sie niemand mehr – wofür das also alles?!

Kurz nach 18.00 Uhr heizte Phil Campbell mit den Bastard Sons als erste Vorgruppe ordentlich ein. Ich hatte mich bereits im Vorfeld gefreut, dass die Gunners den ehemaligen Motörhead-Gitarristen Campbell eingeladen hatten – ein richtig guter Mann.

Mit der zweiten Band: The Kills (Alison Mosshart und Jamie Hince) konnte ich nix anfangen und ich schien da nicht alleine zu sein. Trotz der hübschen und durchaus sympathischen Frau waren die Zuschauer nicht mehr so bei der Sache wie bei der ersten Band. Außerdem war der Sound furchtbar und ich ärgerte mich, keine Ohrstöpsel mitgenommen zu haben.

Irgendwann war der Lärm vorbei.

Gerade als ich überlegte, noch mal was zu Trinken zu holen, knallten gegen 20.00 Uhr Pistolenschüsse – aber zum Glück nur auf der Bühne. Zehn Minuten lang wechselte immer wieder das Bühnenbild und immer wieder ertönten die Schüsse. Ein Journalist sollte es später als „albern“ beschreiben – ich weiß nicht, ob man es überhaupt bewerten muss. Es war einfach eine nette Einstimmung und machte das Warten leichter.

Und dann standen sie 20.15 Uhr auch schon auf der Bühne.. die lange Herbeigesehnten. Irgendwie schienen etliche Zuschauer etwas überrascht, weil es so pünktlich losging – das müssen diejenigen gewesen sein, die die Band noch von früher und mit all ihren Allüren kannten :-)

Aber sehr schnell, beinahe von null auf hundert, war das Publikum im FOS-Bereich elektrisiert und voll in Partylaune. Weil es – wie schon geschrieben – anfangs noch nicht so eng zuging, bildeten einige Männer sogar Tanz-Ketten. Es war eine tolle, ausgelassene Stimmung. Um einiges verrückter als beim Springsteen-Konzert vor einem Jahr. Sound auch besser.

Friedvolles Feiern ist bei aller Polarisation, welche wir im Alltag erleben, immer noch möglich. Allein dieses zu erleben, hat jeden Cent des teuren Tickets gelohnt.

Die Band empfand ich als höchst ambitioniert – die Männer wollten es sichtlich wissen und sie hatten ihren Spaß daran. Je später der Abend wurde, um so mehr. Ja, Axl tut sich nicht mehr so leicht wie früher bei allem. Frage an alle über 50: tut ihr euch noch so leicht wie mit 30? Springt der Boss heute umher wie früher, ist dessen Stimme noch die von vor 20 Jahren? Und vor allem: kommt es darauf an? Jeder mag eine andere Antwort darauf geben – was ich bei einem Livekonzert erwarte, ist Spirit, der entweder rüberkommt oder nicht. Was ich erwarte, sind Emotionen und musikalische Highlights, wie sie das Zusammenspiel von Musikern und enthusiastischem Publikum so oft hervorbringt. Ist das hohe Gefühl von gemeinsamer positiver Schwingung im Zuschauerraum. Für die virtuose Perfektion höre ich Studioalben.

Mich hat Axel Rose durchaus überrascht: er hat das Funkeln in den Augen, bringt immer noch mehr Power und vor allem Originalität auf die Bühne als viele andere, die heutzutage hoch gehypt werden. Und er kämpft. Nicht nur für seine Fittnes – bei mir entstand auch der Eindruck, dass er um eine neue Rolle als Teamplayer bemüht ist. Die Reunion ist, glaube ich, besonders für ihn ein unglaublicher Glücksfall, was ihm durchaus bewusst zu sein scheint.

Der schwarze Gitarrenteufel Slash profitiert andererseits genauso. Er mag noch so gut sein… den Touch des Entrückten und der Einzigartigkeit bekommt sein Spiel für mich erst im Wechselspiel mit Axl Rose. Das Dunkle und das Helle, Schrille: zwei Seiten einer Medaille.

Es ist freilich auch wahr, dass man während des Konzerts keinen Grund für die Annahme erhielt, Slash und Rose könnten jetzt best friends sein. Jedoch auch nicht für das Gegenteil und so nehmen wir es so hin, wie es halt ist: sie touren erfolgreich. Ob es bis zu einem neuen Album reicht, wird man sehen.

Glaube, dass es möglich ist. In this lifetime!