Heute vor 30 Jahren durfte der Panikrocker Udo Lindenberg, den ich sehr mag, nach Jahren vergeblichen Bemühens zum ersten und einzigen Mal in der DDR auftreten: in „Erichs Lampenladen“, wie der Palast der Republik auch genannt wurde.
Freilich nur im Rahmen der organisierten Veranstaltung „Rock für den Frieden“ und mit viel „Blau“ vor Augen, nämlich handverlesenen, blaubehemdeten Mitgliedern der Freien Deutschen Jugend.

Etwas blauäugig war aber wohl auch Lindenberg selbst gewesen, denn seine echten Fans, die sich seit dem Song „Sonderzug nach Pankow“, mit dem sich der Sänger seinen DDR-Besuch nach Jahren der Ablehnung humorvoll ertrotzte, vervielfacht hatten, standen ausgesperrt draußen. Immerhin konnte er für kurze Zeit seinen Bodyguards entwischen und den Menschen draußen zurufen, dass er wiederkäme… für alle. Ehrlich gesagt, habe ich mich damals ziemlich geärgert. Warum, fragte ich mich, gibt sich ein so freigeistiger Mann für diese Polit-Show her? Nun ja, zum Schluss wirkte er auch nicht so glücklich.

Und natürlich kam es, wie es kommen musste: Die Tour 1984, die als Belohnung winken sollte, wurde von Seiten der DDR-Obersten wieder abgesagt, ob aus Angst vor Lindenbergs Unberechenbarkeit oder weil er der Steif-Figur „Honey“ ein paar menschliche Züge zugebilligt hatte, ist nicht verbürgt.
Udo gab die Kommunikation nicht auf, schenkte dem Staatsratsvorsitzenden 1987 die berühmte Lederjacke und kurz darauf beim Staatsbesuch noch eine E-Gitarre mit der Aufschrift „Gitarren statt Knarren“. Ganz schön viel Aufmerksamkeit.
Erst 1989, nachdem die DDR-Regierung das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking als notwendig beurteilt hatte, wollte Udo Lindenberg nicht mehr in dieses Land. Der real existierende Sozialismus hatte seine Maske abgelegt, seine hässliche Seite gezeigt… und der Mann an der Spitze war eben doch nicht nur ein etwas linkischer „Oberindianer“ wie in Udos Lied, sondern jemand, der Macht hatte und verbissen an ihr festhielt… bereit, sie im Namen des Klassenkampfes einzusetzen. Egal, gegen wen.

Gut, dass H. gehen musste… erst von seinem Amtssessel, dann aus Wandlitz und schließlich außer Landes, wo er starb.

Im Gespinnst

Nun soll der ehemalige Generalsekretär mit seiner blauhaarigen Frau wieder durch unsere Parks streifen, als Geist. Beschrieben hat dies die wunderbare Monika Maron in ihrem neuen Roman „Zwischenspiel“, herausgegeben bei S. Fischer, erschienen am 23. Oktober.

Zufällig war ich an dem Tag in München und konnte es nach einigen vergeblichen Anfragen bei Hugendubel u. a. gleich bei Lendtner am Marienplatz erstehen. Bei der Gelegenheit muss ich mal meine Verehrung für diese ebenso kleine wie feine Buchhandlung, die bereits über 300 Jahre besteht, ausdrücken. Was für bibliografische Schätze findet man dort und außerdem Verkäufer, die nicht nur eben mal die Kasse bedienen, sondern ebenso literaturbesessen sind wie unsereiner!

Bei Lentner also nahm ich das Büchlein in Empfang und hatte ausnahmsweise nichts gegen die Wartezeit an der S-Bahn einzuwenden. Dank der Leichtigkeit im Schreibstil von Monika Maron ist man sehr schnell mittendrin in dieser Geschichte über das Leben und die Unmöglichkeit, ohne Schuld durch selbiges zu kommen: „Schuld bleibt immer, so oder so.“ Entweder gegenüber anderen oder gegenüber sich selbst.

Ruth, die Hauptfigur, will eigentlich zur Beerdigung der Großmutter ihrer Tochter, kommt aber vom Weg ab und begegnet in einem Park neben der gerade Verstorbenen weiteren Personen ihrer Erinnerung. Eine surreale Situation entspinnt sich, in welcher Ruth die Wirklichkeit nur verschwommen, die Begegnung und die Kommunikation mit den „Geistern“ dagegen ausgesprochen klarsichtig wahrnimmt.

Ja, und DDR-determiniert, wie ihre Biografie und wichtige Konflikte, die ihr Leben berührten, nun einmal waren, tauchen dann eben auch der alte saarländische Greis und seine blauhaarige Frau auf, streifen obdachlos und zeternd durch den Park und fragen jeden, ob er eine Wohnung für sie hätte. Ein tragikomischer Dialog entspinnt sich, in welchem Ruth den beiden klarzumachen versucht, dass deren Geschichte bereits vor 20 Jahren passiert und nicht mehr rückgängig zu machen sei, dass man heute ein vereinigtes Deutschland habe und „die Demokratie, das ist kompliziert genug“. Wie im richtigen Leben tut sich Erich H. schwerer mit dem Reden, während seine Angetraute eine messerscharfe Zunge führt. Nur einmal bricht die alte Kämpferleidenschaft aus ihm heraus, als er gefragt wird, wie er auf die Idee gekommen sei, „einem Staat vorstehen zu müssen und das darin ansässige Volk, als es … davonlaufen wollte, zu kapern“.

Wer wie ich Spaß an feiner ironischer Erzählweise, so einer, wo man zugleich lachen und weinen möchte, der sollte unbedingt nachlesen, wie Erich H. seiner Erinnerung freien Lauf lässt, wie ihm einst im sechsten Jahr seiner Zuchthausstrafe Stalin „erschienen“ ist und welchen visionären Auftrag er von diesem erhalten hat.

Einfach köstlich, diese Schwerelosigkeit im literarischen Umgang mit einigen der schwierigsten Themen, die man sich vorstellen kann.

Ich hatte zuvor bei MDR ein Interview mit der Autorin verfolgt, in welchem sie ziemlich nüchtern die Anstrengungen beim Schreiben beschreibt. Oh je, dachte ich da, das neue Buch ist vielleicht eher ein sprödes. Doch das ist es mitnichten. Es ist feinsinnige, verdichtete Prosa – so weit verdichtet, dass sie zu schweben scheint. Fantasievoll und mit vielen klugen, auf den Punkt gebrachten Gedanken, die man sich in sein persönliches Zitatenheft eintragen möchte.

Ach ja… und da ist noch Nicki, der Hund mit den blauen Augen, der im Park auf einmal da ist und Ruth begleitet. „Und was weißt du von Schuld? Nichts. Ein glückliches bewusstloses Geschöpf bist du.“