Teil 4  Großbritannien- Autocamping-Tour Juli/August 2015.

Normaler Weise zieht es mich, sobald ich den Ärmelkanal überquert habe, auf kürzestem Wege gen Schottland. In diesem Jahr nun ein Novum: Erst am fünften Tag meiner GB-Reise passiere ich die Grenze nach Schottland. Länger haben die alten Römer sicher auch nicht für diese Distanz gebraucht.

Festgehalten in den Bergen der Lakes. Kurz überlegte ich sogar, einfach ganz hier zu bleiben. Doch gar nicht mehr nach Alba zu kommen – das hätte ich wohl nicht ausgehalten.

Die Distanz vom Lake District bis nach Galloway in Schottland war denkbar kurz. Kurz auf die Autobahn – diese erfreulich leer – und schon war Gretna Green erreicht. Dort bog ich links auf die A75 ab.

Jedes Mal, wenn ich nach Schottland komme, versuche ich, neben meinen Lieblingsplätzen auch bislang unbekannte Regionen zu besuchen, und für dieses Mal hatte ich mir die Küste nördlich des Solway Firth vorgenommen.

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Eine der typischen Aussichtspositionen am Solway Firth: Weiter Blick nach Osten (ebenfalls Schottland) und nach Süden (England)

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Da hinten, ganz, ganz hinten… wo die Bergkette gerade noch zu erahnen ist, war ich am Vortag gewandert.

Um meinen Gesamteindruck von Galloway vorwegzunehmen: Es ist ein friedlicher, sehr gepflegter, durch florierende Landwirtschaft geprägter Landstrich – mit offenen, fröhlichen Menschen. Touristisch ist die Gegend gut erschlossen, doch die großen Urlauberströme ziehen vorbei zu den berühmten schottischen Highlights. Das muss, wenn man sanfte, liebliche Gegenden zu schätzen weiß und Ruhe sucht, kein Nachteil sein.
Der Besucher findet manches Liebenswerte vor, das weiter nördlich schon längst den Touristenmassen zum Opfer gefallen ist.

Das Auge kann meist weit streifen, die Landschaft ist überwiegend flach.

Am Solway Firth.

Am Solway Firth.

Für Galloway hatte ich mir beim Betrachten der Landkarte eine Campsite bei Kirkcudbright ausgesucht. Zum einen versprach die Mündung des Flusses Dee einen zusätzlichen Reiz, zum anderen war ich auf den Ort gespannt, der einen solch extravaganten Namen trug.

So war dann auch das erste, wonach ich an der Ortstankstelle fragte: wie spricht man das aus, wo ich gerade bin?
Die Antwort: „Koerkubri“ – Betonung auf der ersten Silbe – brachte mich zum Lachen: Was für eine schriftmalerische Hochstapelei!
Die Lösung liegt freilich diesmal nicht in der Schotten Sprechfaulheit, sondern im alten Stadtnamen: Caer Cuabrit (Kirche des Hl. Cutbert).

Kirkcudbright, ein nettes, heute eher unspektakuläres Städtchen, blickt auf eine lange Geschichte mit zahlreichen kirchlichen Prägungen zurück. Besondere Hinweise, worauf das  „The Artists‘ Town“ auf dem Ortsschild beruht, vermochte ich auf Anhieb nicht zu finden. Es soll eine Malergruppe geben – nun ja, dann kann meine Nachbarstadt Grafing ebenfalls über eine Namenserweiterung nachdenken, dachte ich. Im Nachhinein fand ich über’s Internet dann doch Hinweise für vielfältige Aktivitäten und lebensnahen Umgang mit Kunst. Sehr sympathisch!

Dies ist irgendwie typisch für die Städtchen in dieser Gegend: man hört nicht viel von ihnen, aber man weiß darin gut zu leben. Wer Kirkcudbright kennenlernen möchte: nächstes Jahr im Juni feiern sie dort ein tolles Jazz-Festival.

Kirkcudbright. Ansicht vom River Dee

Kirkcudbright. Ansicht vom River Dee

Kirkcudbright.

Burgruine und Kirche in Kirkcudbright.

Die Campsite: Brighouse Bay Holiday Park

Ich hatte sie ausgesucht, weil sie ganz weit unten am Strand liegt. Ein wunderbar am Meer gelegener riesiger Platz – inklusive Golf Ground. Eigentlich ist der Campingplatz auch kein Platz, sondern ein Park, und tatsächlich habe ich mich – vom ersten Spaziergang kommend, gleich fürchterlich verlaufen.

Alles ist unglaublich weitläufig; zugleich gibt es aber überall „verkehrs“-beruhigende Sackgassen – fast wie in einem Labyrinth.

Golf at the 18-hole Brighouse Bay Holiday Park

Golf at the 18-hole Brighouse Bay Holiday Park

Damit die Nicht-Golfer nicht von Querschlägern erschlagen werden, darf das Golfgelände nicht betreten werden. Das war in Dornoch anders – dort konnte man die inneren Wege benutzen, was ich nett fand. In Brighouse Bay müssen wir Wassersüchtigen also um das Golfareal herum gehen, was den ansonsten überschaubaren Wanderweg doch beträchtlich verlängert.

Angesichts der landschaftlichen Schönheit macht dies nicht wirklich traurig. Nur muss man halt wissen, dass es stets ein längerer Weg zum Ufer wird. Lediglich der kleine private Strand ist über kurze Distanz erreichbar.

Brighouse Bay Holiday Park - countryside walks

Brighouse Bay Holiday Park – countryside walks

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Brighouse Bay Holiday Park – Blick nach Westen

Auf dem Countryside Walk begegnen wir prachtvollen Galloway-Rindern, bei deren Anblick mir leider vor allem Gelüste auf ein saftiges Steak kamen.

Galloway-Rinder

Galloway-Rinder

Außer von Golf-Bällen drohen beim Küstenspaziergang weitere Gefahren

Außer von Golf-Bällen drohen beim Küstenspaziergang weitere Gefahren

Bist du der Bulle?

Bist du der Bulle?

Nach dem Spaziergang hatte ich also vor allem eines: Hunger. Ein g’scheites Essen musste her!

Was lag näher, als von der „Town of artists“ in die „Town of food“, nämlich in die Stadt Castle Douglas rüber zu fahren?
Eventuell könnte ich dabei noch einen Blick auf Threave Castle, auf einer Insel im Fluss Dee gelegen, erhaschen.

Nö… letzteres konnte ich vergessen, denn in Castle Douglas bedeutet jede letzte Juli-Woche im Jahr „Civic Week“ und da geht so richtig die Post ab. Riesige Festwiese, Live-Musik, singende Menschen im Free-Dance-Taumel, Camping im Park. Da kam ich – selbstredend – so schnell nicht weg.

Civic week in Castle Douglas

Civic week in Castle Douglas

Und in dieser Stand fand ich außerdem den Namenszusatz „Town of food“ ohne nachträgliche Recherche sofort bestätigt. Alle Wetter… so viele kleine, gemütliche Einkehrmöglichkeiten. Wer nun fürchtet: „oh jeh, schottische Küche“, dem sei gesagt, dass diese zum einen viel besser als ihr Ruf ist und dass die Restaurants in Castle Douglas beispielsweise so heißen: The Jade Palace, Nikos Apostolakis, Carlo’s.

Na gut, es gibt nicht nur fremdländische, sondern auch ausgezeichnete heimische Küche. Und natürlich gibt es noch Moore’s Fish and Chips und allein dafür würde es sich lohnen, in die Stadt zu fahren. Eine meterlange Schlange von Einheimischen vor dem Imbiss-Eingang, ein Workflow, in welchem die Kunden nach dem Bestellen und Bezahlen fast gar nicht anders können als miteinander ins Gespräch zu kommen und köstlich-superfrischer Fisch – das ist Moore’s.

So wurde es ziemlich spät, bis ich mit beträchtlichem Völlegefühl wieder bei meinem Zelt anlangte. Hier war es inzwischen ganz schön eng geworden. Freilich alles britisch um mich herum, so dass ich mit dem deutschen Kennzeichen sogleich mal auffiel. Etliche waren auch schon recht wein- und bier-selig. Also die Ohrstöpsel rausgekramt. Aber bevor ich sie im Ohr hatte, konnte ich mich immerhin noch über das nette, in recht gutem Deutsch herübergeschickte  „Guten Abend“ meiner Zeltnachbarn freuen.

Bis bald mal wieder, du freundliches Land.

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