Teil 2 meines Reiseberichts „People make Glasgow – ein Slogan, der Menschen beflügelt“

Glasgow ist für mich eine Kulturstadt. Wo darin das Besondere liegt? Stimmt, es gibt viele Städte mit grandiosen Kulturangeboten.
Eine Kulturstadt aber ist für mich, wenn das tägliche Leben von Kunst und Kultur durchzogen ist, wenn auch Kommunikation und Infrastruktur super sind, und wenn die Menschen verschiedenster Einkommensgruppen von den besten Angeboten profitieren können, wenn sie es denn möchten.

Hi miteinander!, noch einmal nehme ich euch mit nach Glasgow, der größten schottischen Stadt und drittgrößten des (noch bestehenden) Vereinigten Königreichs. Der Stadt der Kontraste, der Künste und des pulsierenden Lebens.

Fotografiert habe ich übrigens durchweg mit der Nikon D500 und dem 16-80mm Zoom. Es war eine hervorragende Gelegenheit, die Kombination in zahlreichen verschiedenen Situationen auf Herz und Nieren zu prüfen, von architektonischen Motiven mit viel Weitwinkelanspruch bis zu schnellen Bildern vom Oberdeck des fahrenden Doppelstockbus‘ aus.

Dabei hat sich das angenehm leichte System (1 Akku reichte übrigens über den Tag, war dann aber auch leer) insgesamt sehr gut und in mancherlei Hinsicht (AF-Genauigkeit der Kamera und Schärfe des Objektivs) ausgezeichnet bewährt, auch in den Räumen. Im Weitwinkelbereich muss man die Zähne zusammenbeißen, da sind 16 mm an der Crop-Kamera und mit Verzeichnung zwischen 16-20mm, bei deren Korrektur noch einmal Bildanteile verloren gehen, zu wenig. Aber das konnte ich bei diesem ersten Besuch in einer mir bis dato unbekannten Stadt tolerieren. Ich weiß nun, für welche Motive ich noch einmal mit speziellerer Ausrüstung hin will :-)

Die Begrüßung durch Amy am ersten Morgen sehr liebenswert!

Das nächste Motiv lud zum Spielen ein :-) :

Robert Burns MUSS natürlich sein!

Zu Burns‘ Lebzeiten begann in Glasgow die Blütezeit der Stadt. Sie hatte bald weit mehr Einwohner als heute, denn durch die strategisch hervorragende Lage im Westen, mit dem Fluss Clyde als Zugangsweg und der Nähe zu anderen britischen Industriegebieten entwickelten sich hier mannigfaltige prospierende Industrien und Handelszentren. Etliche Betroffene der Highland Clearances hatten in Glasgow neues Glück gesucht – die Stadt war reich und glänzte durch eine ebenso reiche kulturelle Entwicklung.

Dank des Architekten und Künstlers Charles Rennie Mackintosh und der weiteren Mitglieder der School of Art verfügt die Stadt  noch heute über einzigartige Jugendstil-Kostbarkeiten, deren Klasse damals bis nach Wien ausstrahlte, die aber in Schottland ihren eigenen, geometrisch geprägten Stil bewahrte. Die reduzierten Mackintosh-Rosen liebe ich sehr.

Das von Mackintosh in der Gesamtarchitektur – bis hin zum Mobiliar – gestaltete Hill House in Helensburgh hatte ich bereits auf meiner allerersten Schottlandreise 2007 aufgesucht und dafür eine schrecklich ungemütliche Anreise von Norden über eine winzige, kaputte Straße in Kauf genommen.

Der Besuch war die Unannehmlichkeiten allerdings zehnmal wert gewesen und ich kann ihn nur jedem wärmstens an Herz legen – das Anwesen ist von einer so stimmigen Harmonie aus Funktionalität, Schlichtheit und Ästhetik, dass man nie mehr weg möchte.

Hill House Helensburgh

Nach seinen glanzvollen Zeiten war Glasgow dann im 20. Jahrhundert besonders betroffen, als die Kriegsfolgen unbarmherzig zuschlugen und als die Schwerindustrie in die Krise geriet. Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Verfall – das sind Stichwörter, die fortan eher mit der Stadt in Verbindung gebracht wurden als die früheren positiven. „In Glasgow kommt der Tod schon mit 53“, ist nur einer der Schlagzeilen, die sich oft ähnelten.

Aber die tiefen verwurzelten Werte haben sich ganz offensichtlich über die Krise erhalten, denn bestimmt nicht von ungefähr wurde Glasgow 1990 noch vor London oder Edinburgh Europäische Kulturhauptstadt. Und wohl kaum kann ein Stadtmarketing allein –  selbst wenn es sichtlich gut ist – die gewaltigen Fortschritte erklären, die seit zwei Jahrzehnten sichtbar und erlebbar sind.

Meine Aufmerksamkeit für die Stadt erwachte endgültig 2014, als The City of Glasgow eine von nur vier von 32 Wahlbezirken war, die für die Unabhängigkeit Schottlands gestimmt hatte. Heute zu Brexit-Zeiten erfährt der Referendumsgedanke ja scheinbar mehr Ansehen, weil die EU-Loyalität daran gekoppelt ist, aber vor drei Jahren war die Haltung Glasgows schon eine kleine Sensation. Mir gefiel das.

Seitdem konnte ich außerdem unterwegs eine Reihe ganz lieber, durchweg offenherziger Glaswegians kennenlernen, so dass ich keine Berührungsängste mehr hatte.

Dennoch ist es ein großer Unterschied, ob ich keine Berührungsängste habe oder schwer begeistert aus einer Stadt zurückkehre – ich… die Verweigerin des Urbanen!

Ich will hier keinen Reiseführer schreiben, deshalb beschränke ich mich auf fünf Gründe, warum ich Glasgow lieben lernte:

Die Menschen

Die Menschen in der Stadt sind einfach eine Wucht. Wunderbar spontan, und wen immer ich ansprach, antwortete mir herzlich und so ausführlich, als wäre er gerade von einem Coaching zum Thema Kommunikation gekommen.

<Foto im Zuge der DSGVO gelöscht>

 

Die Normalität des täglichen Lebens

Die City ist (noch) Lebens-/Bewegungsraum für jedermann: für den Opi in Basics wie für die Lady in Designerklamotten. So muss das für mich sein, damit ich mich wohlfühle.

<Foto im Zuge der DSGVO gelöscht>

Diese Dualität betrifft genauso die Architektur.
Edles neben den Resten der „schlechteren“ Zeiten – genau dies gibt der Stadt viel Charme: Man sieht, wo es hingeht (schick und teuer), aber man ist auch dankbar für die geschichtsträchtigen Ensembles, selbst wo sie nicht so geschleckt aussehen.

Sculpture auf dem Princes Square Shopping-Centre

Vorne das elegante Radisson Blue zu fast 200 € und einiges dahinter die alten Gebäude, u. a. mit dem Premier Inn zu 80 €

Die City von Glasgow ist kompakt

Der Hauptbahnhof mittendrin, das quirlige Stadtleben mit Pubs (inklusive Livemusik), tollen Museen, Einkaufsmeilen fußläufig ringsherum. Der Fluss zum Ruhe finden ebenfalls in der Nähe.

Die hochkarätigen städtischen Museen kann man kostenfrei besuchen.

Liebe Glaswegians, ich hoffe, ihr wisst, was für ein kostbares Gut ihr da habt und wünsche euch, dass es noch lange so bleibt.

Ich hatte ja nur zwei Besuchstage und konzentrierte mich deshalb vor allem auf die GoMA, die Gallery of Modern Art, während ich in den anderen Museen dieses Mal nur auf Stippvisite war. Leider waren insbesondere einige interessante private Ausstellungen/Häuser am Wochenende nicht geöffnet.

Treppenaufgang in der GoMA

Fotografische Arbeit von Hans-Peter Feldmann. Mit 10 Hand-Abdrücken berühmter Künstler, gesammelt von der Psychiaterin Charlotte Wolff

Denker und Tüftler: Arbeit (inclusive maßgeschneiderter Vitrine) von Gerard Byrne. „Mich interessiert, wie in unserer Kultur die Idee von Gegenwart entsteht.“

Bedrückend-schöne Arbeit der Fotografin Beth Forde, welche eine ganze Wand dominiert. Die Maske wurde früher als Bestrafung verwendet, um Sklaven am Sprechen zu hindern.

Unglaublich berührend: Die Fotografien von Jane Evely Adwood über Männer im „Great Eastern Hotel“, welches kein wirkliches Hotel war, sondern eine umgewidmete Baumwollspinnerei in der Duke Street aus dem Jahr 1848/49, welche von 1907 bis 2001, also rund 100 Jahre lang, bis zu 300 Menschen ohne Wohnung Obdach und Raum für ein bisschen Miteinander und Würde gegeben hat.

Abgesehen davon war das 5-stöckige, über 60 m breite Gebäude nach Plänen von Charles Wilson architektonisch hoch interessant wegen des bahnbrechenden Einsatzes von Beton in Kombination mit in-sito-Wellblech.

Das hat aber alles nix genutzt: im neuen Glasgow mussten die verbliebenen 120 Männer „in bessere“ Unterkünfte umziehen und das ehrwürdige Gebäude, welches so viele Schicksale gesehen hatte, kam in die Hände von ähm… Wohnungsbaugesellschaften.

GoMA Jane Evelyn Atwood Great Eastern Hotel

GoMA Jane Evelyn Atwood Great Eastern Hotel

GoMA Jane Evelyn Atwood Great Eastern Hotel

Der Humor und der Witz, die die Stadt durchziehen

Ich war ja nun schon ein paar Male in Edinburgh und es gibt nicht wirklich etwas Schlechtes über diese schöne Stadt zu sagen.

Wenn ich aber wählen könnte, müsste, würde ich Glasgow wählen.

Hier sind die Leute despektierlicher, was herrlich erfrischend ist. Der Statue des Duke of Wellington vor der GoMA setzen sie nachts einen Leitkegel auf, und wenn die Polizei ihn morgens entfernt, dauert es nicht lange, bis die Zeremonie sich wiederholt.

Als die Stadt zum Schut von Old Wellington eine Erhöhung des Sockels plante, fanden sich innerhalb weniger Stunden viele tausend Menschen, darunter etliche Prominente, in der Facebook-Kampagne „Keep the Cone“ zusammen und verhinderten die Pläne. Die Glasgwegians sind eine stolze, selbstbewusste Bevölkerung – sie haben viel erreicht und wollen sich nicht gängeln lassen.

Auch nett: die schottische Art des Umgangs mit ungeliebten Kunstkritikern.
Installation von Ian Hamilton Finlay in der GoMA. Seine ihm nicht genehmen Widersacher: Waldemar Januszczak, Gwyn Headley und Catherine Millet.

Zum Schluss noch ein paar Impressionen ohne viel Worte:

Universität Glasgow

Säulenhalle im Universitätskomplex

Treppe zum Hunterian Museum in der Universität

Kathedrale St. Mungo – hier waren 16mm an APS-C knapp

Kelvingrove Museum

Am Riverside Museum mit Tall Ship

Und bevor es ganz aus ist hier, noch ein weiser Rat aus dem „Patriots Room“ der GoMA – für viele Situationen passend :-) :