Von Vík und Dyrhólaey unterhalb des gigantischen Gletschers Mýrdalsjökull, unter dem der gefürchtete Vulkan Katla – lange überfällig – noch schläft, führte mich die Reise also weiter gen Westen und damit zu einem anderen Vulkan, dem Eyjafjallajökull, der seinen Ausbruch hoffentlich für die nächsten 200 Jahre wieder hinter sich hat und der uns nach der isländischen Bankenkrise erneut deutlich machte, wie sehr unser aller Schicksal miteinander verflochten ist.

Anmerkung: Den Skogarfoss, der auch leicht auf diesem Streckenabschnitt zu erreichen ist, ließ ich diesmal aus. Es ist einfach nicht möglich, in den wenigen Tagen alles zu sehen und dabei noch Muße zum Verweilen und Nachsinnen zu haben.

Dafür stoppte ich bei Þorvaldseyri, dem Bauernhof, der beim Ausbruch des Eyjafjallajökull im Jahr 2010 wohl am stärksten betroffen war.

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Die Bilder von Ólafur Eggertsson, dem Besitzer von Þorvaldseyri, waren 2010 durch die Weltpresse gegangen. Als seine Familie evakuiert wurde, blieb er noch lange auf dem Hof, der schon seit über 100 Jahren in Familienbesitz ist. Er wollte seine Tiere nicht im Stich lassen und hielt daneben das Geschehen, dessen Ende nicht absehbar war, mit seiner Nikon fest. Als die Katastrophenhelfer ihn schließlich doch fort holten, fuhren er und sein Sohn „Garmin“-gesteuert regelmäßig durch den dichten Aschenebel auf den Hof, um nach den Tieren zu schauen.

Das sind Geschichten, die Island kennzeichnen und die es verdient haben, innezuhalten. Geschichten von tüchtigen und tapferen Menschen, die gelernt haben, mit der Natur zu leben und die – wenn sie alles verlieren oder wie Ólafur Eggertsson 400 Tonnen Asche vom Anwesen schaffen müssen, wieder neu anfangen.

Weil dies eben ihr Leben ist.

Ich bin schwer beeindruckt von dieser Mentalität und die Fotografin in mir freut sich, wenn der Farmer in einer solchen Situation nicht nur die landwirtschaftlichen Geräte, sondern obendrein seine Nikon in die Hand nimmt. Ganz sicher würde ich nicht so gelassen reagieren, aber generell… ja, da spüre ich Seelenverwandtschaft :-)

Wer in Island ist, kann sich die Fotografien und einen Kurzfilm im privaten Museum, direkt an der A1 gelegen, ansehen. Eine Kurzfassung des Videofilms gibt es auf der Website des Museums und und z. B. ein kleinen Abriss über die Familiengeschichte auf der Seite des Hofes Þorvaldseyri.

Der Sohn von Ólafur Eggertsson, Leifi Eggertson, hat übrigens hier einen sehr aktiven Channel bei Flickr, wo er in einem speziellen Album die Bilder aus dieser Zeit zeigt.

Von Þorvaldseyri war es noch eine knappe Stunde, bis ich die kleine Straße Richtung Þórsmörk hineingefahren war und am Seljalandsfoss auf der Campsite stand.

Zu Hause hatte ich fantastische Aufnahmen von diesem Wasserfall gesehen, schimmernd und leuchtend in der Abendsonne. Aufnahmen durch die Wasserschleier hindurch, denn es ist recht komfortabel möglich, hinter den Seljalandsfoss zu gehen. Ja, wäre schön gewesen… An diesem Abend jedoch hatten sich weit und breit dichte Wolken gebildet und an einen schönen Sonnenuntergang war kaum zu denken.

Also baute ich erst einmal das Zelt auf.

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Wie man sieht, gibt es dafür recht stimmungsvolle Möglichkeiten direkt unterhalb von zwei Neben-Wasserfällen. Dieser Vorteil wandelte sich allerdings später in einen großen Nachteil, den man vielleicht unter Verwendung des alten Märchenbild so beschreiben kann: Ich küsste einen Prinzen und er wurde zum Frosch.

Doch zunächst war soweit alles in Ordnung und ich machte mich ans Abendessen, immer guckend, ob die Wolken sich wieder verziehen würden. Und tatsächlich, eine knappe halbe Stunde später gab es erste Sonnenspots.

Schade um’s Essen… musste warten! Alles in die Apsis geschoben, Zelt-Reißverschluss zu, damit mir die Vögel nichts wegfressen und mit Fotorucksack wieselflink zum Wasserfall!

Ja und da stolperte ich geradezu über das erste Unschöne an diesem Platz, nämlich Müllberge! Ich hatte bereits bei der Ankunft woanders Müll rumliegen gesehen, aber da dachte ich noch „kann ja mal passieren“. Aber das hier war einfach nur schlimm!

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Ich will noch einmal wiederholen, was ich bereits an anderer Stelle schrieb: Ich habe niemals ein so sauberes Land gesehen wie Island. Parkplätze und auch die in vielen Gemeinden kostenlos angebotenen Campingplätze waren sauber. Ob es eine einmalige Sache war und warum der Campingplatzwart hier nicht zupackte, weiß ich nicht. Ich hatte auch keine Lust hinzugehen und danach zu fragen.

Für mich kommt der Platz nämlich aus einem anderen Grunde ohnehin nicht mehr zum Übernachten in Frage. Es laufen nämlich sehr, sehr viele Touristen vom Hauptwasserfall zu den Nebenwasserfällen. Und sie laufen nicht etwa diskret am Fuß des Hanges entlang, sondern quer zwischen den Zelten und Fahrzeugen hindurch. Dabei sind sie typisch „gruppen-lustig“ und fotografieren ohne Respekt vor der Intimsphäre anderer alles, was ihnen vor die Linse kommt.

Und wenn bis weit nach 22.00 Uhr Busse jeweils 50-60 Leute herbringen, ist das wirklich nicht mehr lustig – ich wollte am nächsten Morgen aus den beiden Gründen hier nicht einmal mehr frühstücken. So, damit habe ich das Negativerlebnis der Islandreise 2013 besprochen und kann mich wieder Besserem zuwenden.

Der Sonnenspot, wegen dem ich mein Essen hatte stehengelassen, erwies sich leider als wenig nachhaltig, aber es war trotzdem ein schönes Erlebnis, einen Wasserfall aus so vielen verschiedenen Perspektiven zu erleben. Deshalb bleibt der Seljalandsfoss auf meiner Island-Favoritenliste und vielleicht habe ich das nächste Mal mehr Glück, was den Sonnenuntergang betrifft.

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Dieser Abend blieb im übrigen der weiteren Reiseplanung vorbehalten. Es war inzwischen Sonntag, am darauffolgenden Donnerstag würde in der Nacht mein Flieger gehen. Wenn ich noch 1-2 Tage nach Landmannalaugar wollte, musste ich entweder am morgigen Tag oder spätestens Dienstag den 10.00-Uhr-Hochlandbus ab Hella nehmen. Also schichtete ich meine Ausrüstung um, so dass das Wesentliche schnell in den Trekkingrucksack gepackt werden könnte.

Aus „Montag/Dienstag ins Hochland“ wurde am nächsten Morgen, als ich erst kurz vor 10.00 Uhr in Hella eintraf und noch nichts eingekauft hatte, allerdings Dienstag/Mittwoch. Doch auch dies änderte sich noch einmal, als kurz darauf die SMS von Stefan kam: „Hättest heute kommen müssen, super Wetter. Morgen nur noch bedeckt und Mittwoch Regen.“

Damit war diese Frage geklärt. Ich machte es mir noch eine Zeit in dem sehr netten Ort Hella gemütlich, fuhr runter an die Küste und folgte schließlich Plan B, hin zum Goldenen Zirkel. Das ließ ich allerdings äußerst geruhsam angehen, blieb unterwegs viel stehen, denn eigentlich zog es mich nur bedingt zu diesen Touristenmagneten.

Pferdegeflüster

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Unterwegs auf der Straße Nr. 30 entdeckte ich an einer kleinen Ausfahrt noch den schönen Wasserfall Tungufljót, der scheinbar bei den Anglern sehr beliebt ist.

Auch ein Platz, an dem man sich durchaus mal länger aufhalten kann.

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Überhaupt war es sehr angenehm in diesem Landesteil. Nette kleine Orte, verwunschene Campsites, wenig Touristen.

Im Heißwassertal Haukadalur, welches die meisten als „Geysir“ kennen, war ich dann positiv überrascht. Zum einen liegt es in eine hübsche rotbraune Hügellandschaft eingebettet, zum zweiten waren längst nicht so viele Menschen dort, wie ich befürchtet hatte und zum dritten wird die angeschlossene Campsite unkompliziert, aber sehr ordentlich geführt. Eine Wohltat nach der letzten Erfahrung.

Ich fuhr am Abend noch zum dicht daneben liegenden Wasserfall Gullfoss, dem zweiten Highlight im Goldenen Zirkel, aber das Wetter war entsetzlich schlecht, so dass ich nicht lange dort blieb. Also zurück zum Geysir und den Wecker in der Hoffnung auf besseres Licht und noch weniger Besucher auf halb vier morgens gestellt.

 

Wer sagt, am Geysir wär‘ man nie allein?

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Mein Gedanke erwies sich als durchaus richtig, jedenfalls was die Besucherzahl anging.

Erst zwei Stunden später sollte ich ganz zögerlich Gesellschaft erhalten. Die Sonne wollte, aber konnte nicht so richtig durchkommen.

Dennoch bin ich in der Frühmorgenstimmung, als das Blubbern, Dampfen und Zischen intensiver denn je wahrzunehmen war, durchaus ein Fan vom Strokkur, aber auch vom Heißwassergebiet an sich geworden. Wieder und wieder freute ich mich auf die Ausbruchsphasen vom anfänglichen Hineinziehen des Wassers über die große blaue Blase und der folgenden Heißwasserexplosion.

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Darüber hinaus gibt es viele andere schöne Details, die man im Tagestrubel vielleicht gar nicht so wahrnimmt!

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Gegen halb sieben einsetzender Regen lockte mich dann noch einmal in den Schlafsack. Mir tat das junge deutsche Paar leid, welches heute mit dem Fahrrad zum Gullfoss wollte.

Meine Reise führte mich später über Laugarvatn zum Nationalpark Þingvellir. Mein Besuch dort war allerdings etwas unorthodox, wie es manchmal bei mir zugeht. Anstatt geraden Wegs auf die berühmte Allmännerschlucht zuzusteuern, ließ ich mich mal wieder treiben… in Erwartung schöner Überraschungen. Nahm am Þingvallavatn die erste Seitenstraße Richtung Ufer, wo ich mich kurz darauf an dem wunderbar direkt am Ufer gelegenen zweiten Campingplatz des Nationalparks wiederfand.

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Hier nutzte ich die Gelegenheit, das nasse Zelt zu trocknen, während ich einigen isländischen Anglern zuschaute. Der sehr tiefe See, der zum Þingvellir-Graben gehört, scheint sehr fischreich zu sein. Ich war sehr erstaunt, in seiner Nähe eine so bergige Landschaft vorzufinden und neugierig folgte ich der kleinen Straße 360 immer weiter.

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Und hier dampfte es schon wieder aus den Hügeln – ein Blick auf die Karte verriet mir, dass ich mich im Vulkangebiet des Hengill befand – eine weiteres Hochtemperaturgebiet.

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Das war sehr spannend und so war ich ziemlich von meinem eigentlichen Ziel, dem Þingvellir, abgelenkt. Was dampft da?

Schließlich fand ich über eine nächste Nebenstraße des Rätsels Lösung, es war das Nesjavellir-Kraftwerk. Der Reiseführer verriet mir, dass hier ein großer Teil der Energie für die Hauptstadt Reykjavik erzeugt wird.

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Das Hengill-Vulkansystem erstreckt sich über 100 km Länge und ist nicht nur Energielieferant, sondern auch ein beliebtes Wandergebiet.

Ich fand viele Ausschilderungen und Wegbeschreibungen, die sicherlich nützlich sind, denn es gibt überall Fumarolen an den Bergen und dampfende kleine Gewässer. Aufmerksamkeit und Wegkenntnis sind also sicherlich recht nützlich.

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Mir hat es gut gefallen in der Gegend, zumal ich so gut wie alleine war und die Sonne jetzt außerdem rauskam. So verbrachte ich mit kurzen Wanderungen und Picknick fast den ganzen Tag in den Hügeln und merkte gar nicht, wie schnell es Abend geworden war.

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So kam es, dass ich schließlich ganz um den See herumfahren musste, und erst spät abends den historischen Platz erreichte, auf dem rund 900 Jahre das Alþingi, die gesetzgeberische Versammlung, stattgefunden hatte und wo 1944 die Republik Island ausgerufen wurde.

Dafür war mein „Einzug“ würdig, denn die letzten 10 km fuhr ein Konvoi von etwa zwanzig Motorrädern auf der schmalen Straße hinter meinem knallroten Auto hinterher. Das war bestimmt ein netter, einer Queen gemäßer Anblick. Leider konnte ich ihn nicht fotografieren, aber mit den Mopedfahrern habe ich hinterher sehr gelacht.

Da es nun schon sehr spät war und kräftiger Sturm bereits das für den nächsten Tag angekündigte Regengebiet heranschob, blieb ich dann auch gleich im Nationalpark. Es war der einzige Abend wären meines Islandaufenthalts, an dem ich das Zelt gut abspannen musste.