Mehr als 60.000 Menschen aus aller Welt haben am Mittwoch live bewundern können, wie – Who…? – David Tennant im Royal Shakespeare Theatre in Stratford-upon-Avon König Richard II. vom 14. ins 21. Jahrhundert holt.

Das Pilotprojekt dürfte sich damit als erfolgreich erwiesen haben.

Cinema München gehörte zu den wenigen deutschen Kinos, die das Schauspiel mit der neuen RSC-Produktion unter Leitung von Gregory Doran ausstrahlen konnte. So setzte ich mich am Mittwoch abend in die S-Bahn und fuhr „nach Stratfort an der Isar“.
Ein bisschen fuhr die Unsicherheit mit, ob ich es nicht ganz furchtbar finden würde, das weltberühmte, mitunter als DAS weltbeste Theater der Welt bezeichnete Ensemble der Royal Shakespeare Company im Kino mit Popcorn und Cola zu erleben. Dann wieder dachte ich: „Hm, es werden wohl ohnehin nur Alte da sein – wer schaut sich schon dieses eher spröde Königsdrama an?“

Nun, die Publikumsprognose stellte sich als riesengroßer Irrtum heraus, im ausverkauften Cinema saßen überwiegend junge Menschen, genauso wie im Theatersaal in des Dichters Geburtsstadt. Das freute mich schon mal über alle Maßen.

Die typischen Kino-Nebengeräusche freilich muss man in Kauf nehmen, wenn man sich die Fahrt nach Old England sparen will – und man nimmt sie anbetracht solch‘ großartigen Schauspiels und eines durchdachten technischen Übertragungskonzepts gerne in Kauf. Von Anfang an fühlte ich mich direkt in den Theatersaal versetzt: Wenn die Zuschauer klatschten, war es zunächst nicht recht klar, ob es nun die in Stratford waren oder die in München, und als die Kamera auf junge Leute fokussierte, welche in der Pause im Programmheft blätterten und sich dazu unterhielten, hätten es auch meine Nachbarn sein können.

Selbst der Nachteil, die Schauspieler nicht persönlich vor sich zu haben, wurde durch die Möglichkeit wunderbarer Nahaufnahmen ausgeglichen. Damit habe ich das Rund-Herum beschrieben und kann zum Schwärmen über das Schauspielensemble übergehen.

Ja, etwas anderes als schwärmen kann ich nicht – der Abend war ein einziges Kunst-Geschenk! Ich habe die Faszination der RSC-Schauspieler Ende der 90er bei „Heinrich VIII.“ kennengelernt und schwärmte alle Jahre über deren Vermögen, den Zuschauer mittels Mimik und auch dank des klaren R.P.-English das 500 Jahre alte Englisch Shakespeares verstehen zu helfen. Das ist nach wie vor so. Es macht nichts, wenn man ein Wort nicht versteht oder einen historischen Zusammenhang nicht kennt – Gesichtsausdruck und Gestik sprechen eine internationale Sprache.

Diese hohe Kunst ist übrigens nur zu einem Teil Schauspielbegabung und Sprechkunst, zum anderen, vermutlich wichtigeren Teil immer intensive Auseinandersetzung mit der literarischen und historischen Vorlage.
Darin gibt dieses Produktionstagebuch einen kleinen Einblick (Teil 3 von 12):

David Tennant zeigt uns fünf Jahre nach seinem weltberühmt gewordenenen Hamlet eine weitere schwierige Persönlichkeit. Einen jungen Mann, in seinem 10. Lebensjahr zum König gekrönt, ohne eine verantwortungsbewusste Anleitung zum inneren Reifen zugesellt bekommen zu haben, wodurch er Anfang der 30er hofierter, selbstbewusster Monarch sowie Spielball von Adelsintrigen in Einem ist.
Nicht boshaft im Grunde, aber durchaus boshaft handelnd aufgrund mangelnden Unrechtsbewusstseins und eines sich in 20 Jahren entwickelten „Ich-bin-Gott“-Selbstverständnisses. Letzteres im Zuge seines Machtverlusts mehr und mehr übergehend in ein Christus-Gefühl (verraten von den Judassen dieser Welt). Er flieht hinter einen Schutzmantel der Narretei und erst, als er alles verloren hat, lässt er die Erkenntnis zu, wie viel er selbst zu seinem Niedergang beigetragen hat.

Die kulturverwöhnten englischen Gazetten würdigen die neue herausragende Leistung Tennants, sehen diese allerdings nicht an den „Hamlet“ heranreichen und heben teilweise die Leistungen der älteren Ensemblemitglieder (Michael Pennington als John of Gount, Oliver Ford Davies als Duke of York, Jane Lapotaire als Duchess of Glouchester) als schauspielerische Höhepunkte hervor. Zweifelsohne überzeugen letztere mit jedem Wort, mit jeder Geste – wie denn auch sonst?! Einer Jane Lapotaire kann man nur zu Füßen liegen, mit ihrer Katharina in „Heinrich VIII“ hat sie mich seinerzeit in Stratford die devote, disziplinierte katholische Königin lieben gelernt, obwohl sie mir sehr fremd ist. Und Oliver Ford Davies mit seinem tragikomischen Talent ist einfach umwerfend.

Dennoch hat für mich David Tennant das Stück vom ersten bis zum letzten Augenblick bestimmt oder in Nena-Voice-Sprech: Ich bin klar bei David :-)

Das mag auch Geschmacksache sein – oder Tagesform, denn wir erlebten ihn ja live am Mittwochabend, die Zeitungsberichte hatten über eine ein paar Tage zurückliegende Aufführung berichtet. Tennant an diesem Abend war so hochkonzentriert wie präsent, bekam die Gratwanderung von distanzierter Arroganz und Sensibiliät hervorragend hin und und zog mich mit seiner Dynamik voll in den Bann. Ein Schotte eben :-)

Die Szene, als Richard seinen Vetter Aumerle auf den Mund küsst und als sich danach in seinen Augen ganze Welten von erstaunten Gefühlen abspielen, hat sich regelrecht festgehakt in meinen Sinnen. Ohne Worte grandios!

Dank ihm empfand ich das Drama als absolut modern, psychologisch vielschichtig ausleuchtend und Gedankengänge zu heutiger Politik initiierend. Das alles, ohne auf die Stilmittel moderner Kleidung oder Bilderkulisse zurückgreifen zu müssen.

Wobei das Bühnenbild einfach genial war. Die Bühne Stratford-typisch weit in den Zuschauerraum hineinreichend, der Hintergrund eine angedeutete Kathedralwelt, prosaische Perlenvorhänge durch Optotechnik magisch verwandelt.
Für Interessierte: Hier der Designer Stephen Brimson Lewis über seine Arbeit.

Die Musik (Vokal und Trompeten), komponiert von Paul Englishby und Ralph Vaughan Williams, gibt es übrigens bereits auf CD oder bei iTunes zum Probehören und Download. Mit enthalten sind einige wenige Monologe von Tennant, Lapotaire und Pennington.

Die DVD mit dem Gesamtstück ist angekündigt. Beides klare Empfehlungen. Auch wenn mir auf der CD beim Tennant-Monolog dessen fesselnde Augen fehlen :-) , bietet die Fokussierung auf die Stimmen dennoch einen ganz eigenen Zugang.

Für 2014 plant Gregory Doran die Fortführung der Shakespeare-Königsdramen mit „Heinrich IV“, Parts I & II. Außerdem soll es noch „Two Gentlemen of Verona“ als Liveschaltung geben.

Danke an die Royal Shakespeare Company für das vorgezogene Weihnachtsgeschenk mit „Richard II.“