Das Ankommen auf Santorin hatte nichts Fremdes. Auch nichts Aufgeregtes. Stürmisch war nur der Wind. Ansonsten wiesen die Taxifahrer wie gewohnt lautstark und effizient alle eingetroffenen und auf einen Transport harrenden Besucher in große und kleine Autos und sehr schnell ging es weiter.

Tipp: Wer es eilig hat, sollte es den Taxifahrern gleich mitteilen.

Sie sichern dann hilfsbereit ab, dass man zum Beispiel den Fährhafen noch rechtzeitig erreicht. Ansonsten kann es schon auch mal über drei andere Ecken gehen und länger dauern. Ich hatte es diesmal wegen der Verspätung des Fliegers eiliger, hatte dann aber schließlich unten im Hafen noch Zeit für ein kleines Essen. Es ist ausgesprochen nett, mit dem Gepäck an der Seite in einer der Tavernen zu sitzen und dem emsigen Hafen-Treiben zuzuschauen. Dies sollte sich jeder wirklich gönnen und nicht gleich in der Wartezone verschwinden. Zumal das Personal ausgesprochen aufmerksam ist – diesmal vielleicht einen Hauch mehr als früher, schien mir.

Die zweistündige Fährüberfahrt verlief trotz der relativ stürmischen See pünktlich und ruhig. Die Blue-Star-Fähren sind halt schwere, sichere Schiffe, auf denen man Turbulenzen nicht so schnell merkt. Ich hatte ja bereits hier erwähnt, dass die Flotte um die Blue Star Delos erweitert wurde. Es ist erfreulich, dass es auch positive wirtschaftliche Nachrichten aus Griechenland gibt.

Das Anlegen auf Naxos an dem wie gewöhnlich warmen und sonnigen Abend war ein wenig kippeliger als sonst und der Kapitän zog es vor, das Fährschiff ganz, ganz langsam an den Anleger zu bringen. Aber das sind ja Vollprofis und so ein später Augustabend ist noch keine wahre Herausforderung.

Neugierig versuchte ich einen ersten Stimmungseindruck aufzunehmen; zu meiner Freude war alles wie immer. Zimmervermieter stehen, von der emsig pfeifenden  Hafenpolizei diszipliniert, in Scharen, aber nicht aufdringlich am Anleger. Taxis warten, und in den Tavernen an der Paralia treffen die ersten Gäste ein. Vielleicht war alles eine Spur ruhiger, aber es ist ja Ende August. Die Hauptsaison ist zu Ende und die September-Urlauber, die auf die Nebensaisonpreise warten, sind noch nicht da. Nur der Portara-Hügel war wie stets eng von Urlaubern bevölkert.

Ansonsten schloss das „ruhig“ auch ein, dass nichts in der Luft lag, was einem das Urlaubsgefühl mindern würde. So blieb es die gesamten drei Wochen meines Aufenthalts. An keinem Ort und zu keinem Zeitpunkt erlebte ich auch nur ansatzweise Negatives im Umgang mit uns deutschen Touristen. Ich verbrachte – anders als früher – diesmal eine Woche in der Chora, hatte dort täglich viele Kontakte mit Einheimischen und erlebte ausschließlich Freundlichkeit. Eher äußerten die Menschen Ungeduld wegen des ewigen Hin und Hers. Der alte Bäcker in der „Traditional Bakery“ brachte es auf den Punkt: „Das ganze politische Gerede bringt uns nichts, wir wollen nur leben und unsere Arbeit machen.“ Und der Tourismus ist schließlich fest im Leben und der Arbeit der Insulaner verankert.

Auch Titos, mein Vermieter in Agia Anna, äußerte vornehmlich den einen Wunsch: Dass endlich Klarheit geschaffen würde, wo der Weg hin geht. Am meisten fühlen sich die Menschen – und leider vornehmlich auch die Investoren – ausgebremst, weil es keine Handlungssicherheit für Entscheidungen gibt. Das ist nachvollziehbar. Auch die Urlauber haben eine Erwartung, was die Berechenbarkeit betrifft. So haben die Geschäftsleute auf Naxos das große Gästezahlen-Loch im Frühsommer, vor den Juni-Wahlen, empfindlich zu spüren bekommen. Auch im September litten insbesondere die Gastwirte. Die Kosten für die Infrastruktur fielen täglich an, aber die Gäste kamen nur spärlich. In den hübschen und liebevoll umsorgten Gartenrestaurants unterhalb der Festungsmauern war ich so manches Mal nahezu der einzige Gast. Dabei geben sich Wirtsleute und Bedienung Mühe wie nie zuvor: Das Bier wurde in Gläsern ausgeschenkt, die zuvor tiefgekühlt wurden. Und sobald ich mein E-Book auf den Tisch legte, kam jemand und fragte, ob ich ein WLAN-Passwort benötige. Solchen Service würde ich mir in Deutschland wünschen.

So wird es wieder etliche touristische Betriebe gegeben haben, die im Jahr 2013 nicht weitermachen können. Und dies, obwohl so mancher Tavernenbesitzer, der sich gerne daran gewöhnt hatte, die Arbeit von osteuropäischen jungen Menschen erledigen zu lassen, wieder selbst am Herd steht.

Insgesamt aber war die Saison für die meisten wohl nicht schlecht. Im Zuge der Stabilisierung nach den Juni-Wahlen kamen wieder mehr Besucher. Und wer die nach wie vor ungebrochene Gastfreundschaft erlebt hat, wird auch wiederkommen. Naxos macht süchtig, das ist kein Geheimnis. Das Licht der Agäis, die wechselnden Farben des Meeres, die vielfältigen Möglichkeiten an den Stränden wie in den Bergen sowie die kulturvolle Chora faszinieren. Die fleißige,  zum großen Teil noch bäuerlich tätige Bevölkerung wirkt überaus sympathisch und hilfsbereit, so dass man bei jeder Wiederkehr ein Gefühl des Heimkommens empfindet. Vorstellen könnte ich mir, dass die ausschweifenden Besuche reicher Festlandsgriechen weniger geworden sind. Derjenigen, die für Hunderte von Euros unzählige Gänge mit Speisen und Getränke auftragen lassen, um sie jeweils nahezu unangerührt wieder abtragen zu lassen. Um diese Besucher ist es mir persönlich – ehrlich gesagt – nicht schade.

Heile Welt also? Nein – so wenig, wie es diese heile Welt bei uns gibt, so wenig findet man sie auf den Inseln der Agäis. Inwiefern die Insel, die immer den Eindruck vermittelt, dass sie sich im Kern selbst genügt, und deren Hauptbürokratie von Syros (Verwaltungszentrum)  aus miterledigt wird, wodurch sie also relativ wenig Beamte hat, objektiv unter den Sparmaßnahmen der Regierung leidet, vermag ich nicht zu sagen. Fakt ist, dass ich im September kaum einen Tag weg war, als auf Naxos auch schon gestreikt wurde. Das Urlauberherz vermag kaum zu fassen, dass die verträumte Paralia Schauplatz politischer Demonstrationen sein kann. Und doch hätte man drauf kommen können: Die Schmirgelminen-Renten! Der Schmirgelminen-Bergbau, einst wichtige Einkommensquelle auf Naxos, existiert eigentlich nicht mehr. Synthetischer Korund und Siliciumcarbit haben den Schmirgel in der Industrie längst ersetzt. Aber wegen der vormals hart erkämpften Rentenversicherungsansprüche hängt die Bevölkerung an ihrem Schmirgel und führt den Bergbau mehr rudimentär, um nicht zu sagen „theoretisch“ als effizient weiter. Jetzt sollte der Wirtschaftszweig endgültig den Sparmaßnahmen zum Opfer fallen und entfachte damit den alten, früher gut geschulten Kampfgeist der Minenarbeiter-Familien.

Auch sinnfreie EU-Fördermaßnahmen, wie dieser 234.000 € teure Holzsteg im winzigen Fischerdorf Agia Anna, werden sicherlich als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme vermisst. Ich traute im Jahr 2008 meinen Augen nicht: Was für einen Sinn macht dieser Steg, wenn er nicht mal barrierefrei ist? Er endet nämlich am Felsenhügel, den man erklimmen muss und setzt sich dann auf der anderen Seite unterhalb des Hügels bis zur Taverne „Paradiso“ fort.

EU-Wandersteg

Ja, liebe naxiotische Freunde, wir sind uns sicher einig, dass es weh tut, lieb Gewordenes aufzugeben, aber dass es manchmal notwendig ist. Ihr werdet neue Wege finden und wir sind euch genauso treu, wie wir uns auf’s Wiedersehen freuen.