Fira und Caldera im Sonnenuntergang

Ankommen – Teil 2 von Daquis Naxos-Bericht.

Viele Wege führen nach Rom und fast ebenso viele auf die Kykladeninsel Naxos: durch die Luft, durch die Luft zuzüglich diverser Wege über Wasser, über Wasser bei Mitnahme des eigenen Autos, über Wasser mit dem Segelboot. Für einen ungezügelten Pauschaltourismus indes eignet sich keiner dieser Wege so recht. Da ich meine Griechenlandaufenthalte früher über Attika buchte, was für die meisten Landesteile und Inseln aufgrund des Knowhow des Griechenland-Spezialisten auch durchaus zu empfehlen ist, blieb mir Naxos lange verschlossen. Die wenigen Angebote waren teuer und lagen nicht dort, wo ich hin wollte. Ein kurzer Blick auf Attikas Website zeigt mir, dass es inzwischen mehr Auswahl gibt, der Preis für naxiotischen Verhältnisse allerdings immer noch sehr hoch ist. Reiseveranstalter haben einen erhöhten Aufwand, Touristen nach Naxos und zurück zu bringen.

Obwohl Naxos die größte der Kykladeninsel ist und über genügend Platz verfügt, gibt es keinen großen internationalen Flughafen. Man beobachte und zolle Respekt, dass sich die Inselbewohner diese Möglichkeit für schnelles Touristengeld entgehen ließen.

Schlecht gefahren sind sie – langfristig gesehen – damit nicht. Naxos hat viele Stammgäste, die die „andere Art“ des Anreisens kennen und sie inzwischen auch nicht mehr als unkomfortabel ansehen, sondern bewusst als Teil ihres Urlaubs genießen.

Und grundsätzlich ist der Luftweg nach Naxos ja auch möglich; nur muss man hierzu entweder in Österreich buchen oder sehr frühzeitig einen Platz in den kleinen Maschinen, die von Athen nach Naxos fliegen. Früher hätte man einfach gesagt: Mit Olympic Airways von Athen weiter nach Naxos; dies ist heutzutage anders: in diesem Jahr wurde die Verkehrsverbindung ausgeschrieben (es soll ja überall gespart werden). Der preisgünstigste Anbieter war dann – welch‘ Überraschung! – Olympic Airways. Na bestimmt hatten ein paar Beamte durch den Aufwand der Ausschreibung wieder eine Daseinsberechtigung!

Was mich betrifft, so fliege ich entweder Mykonos, Santorin oder Athen an und schippere mit der Fähre weiter. Der Aufenthalt auf der großzügigen Fähre ist bereits ein Stück Urlaub.

Nach Mykonos und Santorin braucht man einen Charterflug bzw. die Air Berlin (Mykonos).

Bis nach Naxos ist es dann von beiden Inseln ein etwa gleich langer Wasserweg von gut zwei Stunden. Ab Mykonos gibt es meiner Erinnerung nach auch Schnellboote. Abgesehen davon, dass diese bei unruhiger See nicht pünktlich fahren, habe ich diesem Transportmittel wegen des Eingesperrtseins im Schiff nicht viel abgewinnen können. Für mich ist die Fahrt mit der Blue Star das non plus ultra. Die Fähre ist sicher und modern, bietet jeglichen Komfort, den man möchte und bereit ist zu bezahlen. Dies kann insbesondere für die 6 bis 7 Stunden lange Überfahrt von Piräus nach Naxos wichtig sein, vor allem bei Nachtfahrten.

Ich bin bisher nur einziges Mal über Athen gereist und vermeide es seitdem, wenn es geht. Die lange Fährzeit würde mir nichts ausmachen, dafür sind mir die zwar einfache, aber lange und unkomfortable Busfahrt vom Flughafen nach Piräus sowie der meist längere Aufenthalt in der turbulenten Hafenstadt unter der allgegenwärtigen Dunstglocke unangenehm.

Ob man Mykonos oder Santorin als Zwischenstopp vorzieht, ist abgesehen von der Verfügbarkeit des Fluges reine Geschmackssache. Beide Inseln bestechen durch Originalität und höchst internationales Publikum. Partygänger werden vor dem ruhigen Naxos vielleicht noch mal richtig abfeiern und einen Abend in den stylischen Clubs von Mykonos-Stadt verbringen wollen; wer die mystische Atmosphäre einer vulkanischen Landschaft mag, fliegt über Santorin.

Bei beiden „Zuwegen“ habe ich erfahren, dass man im optimalen Fall jeweils nur eine Strecke an einem einzigen Tag schafft, während man für die andere eine Zwischenübernachtung benötigt. Dies ist allerdings bei beiden kein Problem; man findet die Anbieter von guten und oft auch preiswerten „Rooms“ zwar nicht an den Flughäfen, aber zuverlässig an den kleinen Häfen, wenn die Fähren eintreffen. Meist weiß freilich schon der Taxifahrer eine passende Adresse.

Mich bringt Condor, mein Ferienflieger, seit einigen Jahren nur noch nach Santorin, wo ich regelmäßig zwei bis drei Tage verbringe – entweder auf der Hin- der auf der Rückfahrt. Neben der imposanten Caldera-Landschaft faszinieren mich die vielen Facetten der Insel und – wie ich auf der Santorin-Seite schon geschrieben habe – die Unbeschwertheit und Fröhlichkeit der Bewohner.

In diesem Jahr geht der Flieger früh am Morgen; das bedeutet Fährüberfahrt von Santorin nach Naxos gegen 16.00 Uhr. Gelegenheit, in der Zwischenzeit durch Fira zu schlendern oder einfach unterm Sonnenschirm einer der Hafentavernen bei einem Greek Salad und Retsina die Ankunft zu zelebrieren. Dabei die Kreuzfahrtschiffe zu beobachten und die Metamorphose der Santorini mitzuerleben, wenn sie sich jeweils eine halbe Stunde vor Fährankunft als Karawane die Serpentinenstraße abwärts dem Hafen nähern, dort ausgelassen lachend zusammenstehen, um bei Eintreffen der Touristen wild fuchtelnd und laut rufend ihre Zimmer anzubieten. Schon Minuten später ist das Spektakel vorbei und die Karawane bewegt sich wieder den Berg hoch. Die einen mit neuen Gästen, andere können durch einen Taxitransfer wenigstens die Spritkosten für die Anfahrt reinholen, während die übrigen aufs nächste Mal hoffen müssen.

Wenn dann gegen halb vier die Blue Star mit Destination Naxos eintrifft, bin ich mental schon ganz im Urlaub. Die Urlaubskarten nach Hause wurden bereits beim Warten geschrieben. So gibt es ab sofort keine Verpflichtung mehr, nur noch Offenheit für alles, was mir nun begegnet und was ich gerne aus der Situation des Augenblicks heraus tun möchte. Wo kann man es sonst so gut haben?

Die erste Begegnung freilich wartet wenige Minuten nach Ablegen der Fähre und sie reißt alle von den Sitzen, wenn sie sich denn überhaupt hingesetzt haben: der ergreifende Anblick der Vulkanwände mit den oben „hängenden“ weißen Felswohnungen von Fira, Firostefani, Imerovigli und Oia auf der einen Seite und von Nea Kameni und Thirasia auf der anderen. Allein dafür lohnt sich diese Art der Anreise.

Fotografenfreundlich langsam bewegt sich das Schiff an den schwarz-bunten Wänden entlang. Alle Leute drängen sich an die der Kraterwand zugewandte Seite. Ich bewundere immer wieder die Stabilität des Schiffes, weil es die ungleichmäßige Belastung anstandslos toleriert.

Die andere Seite scheint mit den Vulkaninseln Nea Kameni, Thirasia und Paleo Kameni, wo einzigst ein Einsiedler leben soll, weniger spektakulär. Die Tagesbesucher indes, die sich zu dem Schwefel ausspeienden Krater aufmachen, wissen um den ganz eigenen Reiz dieser Inseln.

Erst lange, nachdem Oia und Ammoudi im Norden, wo die Insel wieder flacher wird, verschwunden sind, kann man – etwas atemlos und mit inzwischen voller Speicherkarte – den Blick wieder anderem Geschehen auf dem Meer zuwenden. Fast ist das Auge dankbar für die Ruhe, die nun eintritt.

Vorbei geht es an Ios und Irakleia, wonach wir schnell die Südspitze Naxos erreichen. Dort möchte man am liebsten schon über Bord springen, wenn die Lieblingsstrände in Sicht- und fast in Schwimmweite kommen. Aber die halbe Stunde von dort bis zum Portara auf Naxos ist kurzweilig, weil man auf der gegenüberliegenden Seite die Küstenlinie der Nachbarinseln Antiparos und Paros anschauen kann, die man im Südwesten von Naxos zwar auch ständig im Blick hat, aber natürlich nie so nah.

Und dann ertönt auch schon Beethovens „Elise“; die Ladeklappe der Blue Star öffnet sich und erfreut uns Ankömmlinge mit dem Blick auf Naxos Chora mit dem Kastro und auf das marmorne Tempeltor aus dem 6. Jh., welches seitlich auf der Halbinsel Palatia liegt.

Naxos hat uns wieder. Vor uns liegen Tage oder Wochen am türkisgrünen Meer, unter dem einzigartigen ägäischen Licht – jeder potentielle Gedanke an die Endlichkeit dieses Aufenthalts scheint schon im Entstehen in der von Grotta heranbrausenden Gischt zu versinken.