Over land and sea, my friends…We’ve come a long way together. It’s only right we finish it together… We have one last dance to do.

Mit diesen Worten lud Bruce Guthro, Leadsänger der schottischen Folkrock-Band RUNRIG zum Last Dance-Konzert am Fuße von Stirling Castle ein. In der 45 Jahre ungebrochen erfolgreichen Bandgeschichte wurden im „Book Of Golden Stories“ die letzten beiden Seiten umgeschlagen.

Nach einem grandiosen musikalischen Feuerwerk und einem tatsächlichen mit tausend bunten Lichtern blieben am Schluss wie bei jedem geliebten Buch betroffene Ungläubigkeit und eine dankbare, aber unendliche Traurigkeit auf und vor der Bühne.

Viele werden die Begegnung mit der Band vermissen.

Für die schottischen Menschen bedeuten die poetischen, oft hymnischen Lieder, sich stolz in ihren Traditionen finden zu können, aus diesen Quellen Kraft zu schöpfen. Insbesondere für die Akzeptanz der gälischen Sprache hat die Band unglaublich viel getan. Gälische Sprachkurse sind sogar in Deutschland durchaus trendig geworden.

Es mag allgemein bekanntere, Radio-tauglichere schottische Künstler geben, aber ich kenne keine, die sich so konsequent den Themen der schottischen Heimat gewidmet und diese musikalische Saltire erfolgreich durch viele Länder getragen haben. Allein die deutsche RUNRIG-Facebook-Gruppe hat weit über 3.000 und davon viele aktive Mitglieder. Die Dänen lieben RUNRIG womöglich noch inbrünstiger – aber wer kann das schon messen? :-)

RUNRIG haben Schottland und seinen liebenswerten Menschen unzählige neue Freunde beschert. Für viele wurde es nahezu ein Pilgerland: das gelobte Alba.

Man kam, um RUNRIG live zu erleben, und verliebte sich spontan in den „Big Sky“, in „Every River“ und in den „Loch Lomond“ sowieso. Bei „In Search Of Angels“ machte einem auch das „Year Of The Flood“ nichts aus, denn es blieb ja der bitter-süße „Dance Called Amerika“, bei dem einen wieder warm wurde.

Das werden wir nun so – mit den Original-Akteuren – nie wieder erleben. Mit diesem Wissen konnte „The Last Dance“ am 18. August kein Konzert wie irgendein früheres werden – der große Kreis schloss sich. Die Emotionen kochten bereits Monate im Voraus hoch, nachdem im September 2017 die Finale Tour angekündigt und innerhalb von wenigen Stunden zunächst das Abschiedskonzert mit 25.000 Tickets vollständig und dann das nachgeschobene Zusatzkonzert am Freitag ebenfalls nahezu ausverkauft war.

So war es gut, dass die Band in ihrem Drehbuch wie schon beim 40-Jahre-Jubiläumskonzert im Moor von Inverness auf das Anheizen von Emotionen verzichtete. Gut, dass Rory Macdonald auf ihre Wurzeln als Dance Band verwies und in die Menge rief, es mache ihnen immer noch am meisten Spaß, die Leute tanzen zu sehen.

Ich war Freitag UND Samstag dort. Durch den Feiertag am Mittwoch war die Möglichkeit für ein verlängertes Wochenende gegeben und so nahm ich schon Dienstagabend den Easyjet-Flieger. Holte um Mitternacht den Mietwagen bei Europcar ab, was wieder etwas länger dauerte, weil ich selbst in der Dunkelheit einen nicht dokumentierten Felgenschaden bemerkte und diesen reklamieren musste. Nix da, Leute, ich habe seit 20 Jahren keinen Felgenschaden mehr an einem britischen Auto verursacht – sowas lasse ich mir nicht anhängen :-)

Dann ging es den geplant kurzen Weg bis Dunfermline, wo ich im Adamson Hotel gut schlafen konnte und am nächsten Vormittag Dunfermline Abbey sowie den beeindruckenden Pittencrieff Park besichtigte.

Dunfermline hat bei mir RUNRIG-Tradition, seitdem ich Dezember 2010 im heftigen Wintereinbruch einen der wenigen startenden Flieger erwischte und in eisiger Kälte vor dem Alhambra Theatre auf den Einlass zum Konzert wartete – vor und hinter mir Schotten, die gerade mal eine Strickjacke anhatten. Damals war ich anschließend, wieder im Schneesturm und mangels Winterreifen immer brav dem Schneeräumer folgend,  für zwei Tage nach Blair Atholl gefahren. Diese Routenführung behielt ich auch diesmal bei und verbrachte Mittwoch und Donnerstag in dem winzigen, aber sehr speziellen Dörfchen in den Cairngorms, wo es immer wieder Neues zu entdecken gibt.

Von dort ist es sehr nah zu Loch Tummel und Loch Rannoch – als Fan der Einsamkeit im Rannoch Moors freute ich mich, dort endlich einmal wieder ein paar Stunden verbringen zu können.

Inzwischen war auch Bernhard in Glasgow eingetroffen. Er hatte sich kurzfristig für die Reise entschieden – sein erster Schottlandbesuch!

Wie verabredet trafen wir uns am Freitag in Perth zu einem schnellen Ausflug nach St. Andrews und dem dortigen Castle. In meinem Lieblingslokal, dem Tailend Restaurant, bekamen wir ganz vorzügliches Fisch Curry, bevor es nach Polmont ging, wo Bernhard mir half, das für die nächsten Tage angemietete Häuschen zu finden und den Schlüssel zu besorgen. Danke, Bernie! Schön, dass du mit warst.

Von Polmont dann mit Affenzahn-Tempo und zu Bernhards Schrecken immer auf der „falschen“ Seite nach Stirling, wo wir eine gute Organisation vorfanden. Ganz begeistert war ich von den Rollplanken, die auf der Wiese ausgelegt waren – hatte ich mir doch schon Sorgen gemacht, mit dem Mietwagen bei dem angesagten Regenwetter im Wiesenschlamm steckenzubleiben. Die Schotten wissen halt, wie man’s macht!

Für Freitag hatte ich einen Sitzplatz gebucht im Glauben, es wäre ein bisschen gemütlicher, nicht zwei Abende stehen zu müssen. Dazu kann ich nur eines sagen: Gott sei Dank hatte ich nicht geglaubt, es wäre noch gemütlicher, an BEIDEN Tagen zu sitzen. Gott sei Dank hatte ich mir gesagt: Beim letzten Tanz mit der Band MUSST du unter den Menschen sein und deinen Respekt stehend kundtun. Es fühlt sich stehend und tanzend ganz, ganz anders an. Wobei die Stimmung am Freitag vielleicht auch deshalb anders war, weil wir wussten: Es geht noch weiter. Wenn auch nur für einen Tag.

Immerhin trug der Sitzplatz am Freitag tatsächlich zur Entspannung bei, denn zusammen mit den beiden Vorprogrammen von Dunnie Munro und Julie Fowlis war die Veranstaltung halt insgesamt mehr als fünf Stunden lang – die Schotten machen es sich da gerne auf Decken bequem.

Die Vorprogramme will ich hier nicht ausführlich beschreiben. Wer mich kennt, weiß über meine Verehrung für Stimme und Persönlichkeit von Julie Fowlis Bescheid. Ich werde sie sicherlich noch oft hören.

Donnie Munro hatte ich noch niemals im Solokonzert erlebt, auch nicht als Sänger von Runrig – lediglich für wenige Titel im Konzert bei Party On The Moor. Bei allem Respekt vor seinem musikalischen Können trifft er mit Stimme und Attitüde einfach nicht den Nerv bei mir, auch wenn mir das leid tut und ich versucht habe, mich dafür aufzuschließen. Immerhin scheint mir die Wahrscheinlichkeit für eine veränderte gemeinsame Formation, in welcher er wieder Mitglied ist, nicht gleich null zu sein. Ich habe bisher niemanden getroffen, der daran glaubt, die Macdonald-Brüder nicht wieder live zu sehen. Mit „The Band From Rockall“ ist ja bereits eine Basis da.

Persönlich habe ich es bedauert, dass im Vorprogramm niemand von den vielen begabten jungen Musikern vertreten war, sondern „nur“ die etablierten. Ich hätte es als eine schöne Geste der Weitergabe des künstlerischen Staffelstabs empfunden. Immerhin war die Jugend mit Gary Innes von Manran später im Hauptkonzert beteiligt. Und mit Laura McGhee an der Geige.

Der ultimative Last Dance am Samstag hat bei aller Wehmut, die an keiner Stelle völlig weg war, definitiv gerockt.

Die Band war ein überzeugendes Ganzes, in dem jeder Einzelne gleichermaßen brillierte und noch einmal alles an musikalischem Feuer aus sich rausholte.

Wie im Juni in Stuttgart wusste ich nach den eher enttäuschenden 2016er Erlebnissen wieder, warum die Band mich einst so stark inspiriert hat. Inmitten von tanzenden und singenden Schotten war ich alsbald ein Teil von ihnen und ließ mich von dem jungen Jake aus Aberdeen, der mit einer großen YES-Saltire da war, herumwirbeln. Lachen und Weinen – wie nah lag beides an diesem Abend zusammen!

Bruce Guthros Moderation war sehr eindrücklich und achtungsvoll gegenüber jedermann. Viele Geschichten aus der Vergangenheit wurden erzählt und er erinnerte daran, wie die Band nach dem großen Sängerwechsel auch schon in nur halbvollen Sälen gespielt hatte.

Nachvollziehbar, dass die  Akzeptanz der Fanbase für den neu hinzugekommenen Kanadier, des Gälischen nicht mächtig, nicht selbstverständlich war – ungeachtet seiner schottischen Vorfahren.

20 Jahre ist das nun her, und selbstbewusst ergänzte Bruce die Vorstellung der Bandmitglieder mit einer Verbeugung: „From Nova Scotia, 20 years with the band, I’m Bruce Guthro and we are RUNRIG!“ Das schien mir eine klare Ansage an alle Kritiker, die immer wieder und vielleicht zuletzt wieder aufs Neue die Frage nach dem besseren Sänger thematisiert hatten.

Für mich war es deshalb auch folgerichtig, dass der frühere Leadsänger Donnie Munro zwar gemeinsam mit dem herausragend guten Glasgow Islay Gaelic Choir  im Hauptkonzert auftrat, jedoch in keinem gemeinsamen Song mit der Band. Das hatte es in Inverness gegeben und dort war es die richtige Geste gewesen: „Wir haben ein Band von früher zu heute geknüpft.“ Aber es hatte nichts an der aktuellen Bandbesetzung geändert.

Sicher war es für die Musiker nicht einfach gewesen, im Vorfeld für all diese Fragen mit teilweise emotionalem Charakter eine Antwort zu erarbeiten. Für mich haben sie es ausgezeichnet geschafft – das war ein Abschied von den Fans – und womöglich teilweise voneinander – auf absolut würdigem, höchstem Niveau.

Den im wahrsten Sinne höchsten Platz nahm Malcolm Jones ein und dies gleich doppelt.

Erst erschien er bei abgedunkelter Bühne plötzlich in einem Lichtkreis oben am Stirling Castle – Lasertechnik macht’s möglich :-)
Das war ein magischer Augenblick. Seine Soli waren es ebenfalls.

Und dann am Schluss, als sich die übrigen Bandmitglieder mühsam um Fassung bemühten, als Bruce‘ Stimme beim a capella von „The Heart Of Olden Glory“ so bewegt war wie nie und mir fast das Herz zeriss, war „unser Malcolm“, der Held von Stirling, der ganz offen seine Gefühle zeigte und uns erlaubte, mit ihm zu weinen.

Wie in Schockstarre waren wir noch lange unfähig, uns nach Weggang der Band und nach dem Feuerwerk von der Bühne zu entfernen. Wieder und wieder ertönten die Liedzeilen:

There must be a place
Under the sun
Where hearts of olden glory
Grow young

Und dann noch einmal „Loch Lomond“ – war dies doch stets das Abschiedslied gewesen.

Ach Leute, es war ein Wahnsinnserlebnis mit euch allen.

Ich bin kein sonderlich emotionaler Mensch, aber Malcolms Tränen und der ganze Last Dance mit den Menschen auf und vor der Bühne waren das Umwerfendste, was ich seit langem erlebt habe. Momente von Katharsis…

Dazu die symbolträchtigen Bilder der Wildgänse, wie sie bei „Going Home“ im letzten Tageslicht in Formation von links über die Bühne zogen… später noch ein Zug und dann noch einer.

Bilder, die wie die RUNRIG-Songs auf ewig in unseren Herzen bleiben werden.