Im Süden findet das Wetter statt, heißt es für Island – wie wahr! Bislang waren wir – für isländsche Verhältnisse – regelrecht verwöhnt worden. Tagsüber konnte man oft im T-Shirt laufen und selbst nachts brauchte ich meinen dicken Parka, den ich „für’s Gröbste“ mitgenommen hatte, lediglich als Polster für den Rücken, wenn ich im Auto schlief.

An diesem Mittwoch sollte sich das Blatt wenden, zumindest, was die Zahl der Sonnenstunden betraf und auch die Chance auf schönes Licht in den Abend- und Morgenstunden. Auf der Straße nach Süden – woanders Synonym für Sonne und Wärme – erlebte ich an diesem Tag gleich mehrere Wetterzonen, was meine Streckenplanung auch gehörig durcheinanderbrachte.

Rund 300 Kilometer bis zu den Süd-Ostfjorden, das sollte eigentlich in vier bis fünf Stunden zu schaffen sein, Fotostopps hinzugerechnet vielleicht in sechs, höchstens sieben. Die Realität sah so aus, dass ich eine halbe Stunde nach Mitternacht irgendwo in nebligen Bergen erschöpft mein Auto in einen kleinen Forstweg neben der Ringstraße stellte und dort schlief, bis ich wieder sehen konnte, wo ich hinfuhr.

Nur gut, dass ich gestern und die letzte Nacht ordentlich hatte ausruhen können!

Aber eins nach dem anderen!, der Vormittag war schließlich urgemütlich. Ich wanderte hoch zum Tjörnes Lighthouse und lag dort eine Stunde in der Sonne, um die Vögel zu beobachten. Die Papageientaucher zeigten sich nur auf dem gegenüberliegenden Felsen, so dass ich sie mit dem 70-300er Objektiv nicht so gut fotografieren konnte. Aber das machte mir nichts aus, denn es ist ein erhebendes Gefühl, wenn man die putzigen Vögel das erste Mal sieht und auch noch in so großer Zahl.

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Lass‘ das doch sein mit dem Fliegen – du kannst es eh‘ nicht!

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Angeber!

Es ist übrigens ein Gerücht, dass die Puffins nicht würden fliegen können. Sie sind ein bisschen tolpatschig beim Starten und Landen, aber einmal in der Luft, düsen sie pfeilschnell an einem vorbei!

Unterwegs hatte ich noch andere Begleiter, die mich teilweise so vehement verfolgten, dass ich mir einen Stock zulegte.

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Dann nahm ich Abschied von dieser Gegend, bewunderte noch einmal die Lupinenfelder…

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… beneidete die Reiter, weil sie dableiben konnten…

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… und versuchte auf der anderen Seite der Skjálfandi-Bucht die Berge auszumachen, die diesmal in Nebel gehüllt waren.

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Über die Straße Nr. 87 ging es nach Myvatn zurück, wo es an diesem Tag keine Sonne und keinen tiefblauen See, dafür aber auch weniger Mücken gab.

Der Parkplatz an der Tankstelle war angefüllt mit großen Reisebussen und Selbiges fand ich bei den Solfatarenfeldern vor – was hatten wir in den letzten Tagen für ein Glück gehabt!

Ich sagte deshalb auch nur kurz den Pferdchen „Guten Tag“ und setzte die Reise gleich wieder fort.

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Erst an der Brücke über die Jökulsá á Fjöllum machte ich wieder einen längeren Halt, guckte zu, wer da so alles über die Brücke kam und wanderte ein wenig am Fluss entlang, soweit die Absperrungen dies zuließen.

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Da die Alternativroute über die Möðrudalsleið, also die 901, im Dumont-Reiseführer wärmstens empfohlen wird, bog ich wenig später von der Ringstraße rechts ab und folgte dieser 40km langen Schotterstraße. Meinen Eindruck fasse ich mal wie folgt zusammen: Ich habe diese Route nun auch gesehen.

Wenn uns früher etwas nicht besonders toll geschmeckt hat, sagten wir: hat gut geschmeckt, musst du nicht noch einmal machen. Ich würde die Route nur wieder fahren, wenn ich zu einem der zwei F-Straßen-Abzweige will. Dann habe ich freilich auch ein anderes Auto dabei. Mit dem PKW ziehen sich die 40km unbefestigte Straße halt schon sehr hin, meist bin ich nur 40 – 50 km/h gefahren.

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Nein, kein Linksverkehr!, nur ein Überholvorgang, weil ich wieder mal auf der Straße stehe.

 

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Ganz weit hinten die Berge des Hochlands

 

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Ansonsten leere Weite, so weit das Auge blickt. Durchaus schön und hie und da mit feinen Details. Aber eben karg.

 

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Bei mancher Brücke fragt man sich, ob sie einen noch trägt.

 

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Mitten durch die Mitte fuhr es sich noch am besten.

 

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Möðrudalur, der einsamste und höchstgelegene bewirtschaftete Bauernhof Islands.

 

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In der Saison gibt es eine Gastwirtschaft und diese Campsite.

 

Eine knappe halbe Stunde später ist man den Bergen wieder näher und der Blick kann sich an etwas festhalten.

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Die feine helle Linie, auf die Berge zulaufend, ist die 901.

 

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Auf dem Bild sieht man sehr gut, wie dick die gefrorene Schneeplatte stellenweise jetzt im Juni immer noch ist.

 

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Letzte Eisreste

 

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Hier konnte ich die Schafe auf der Straße noch lustig finden…

 

Kurze Zeit später, als ich wieder auf der Ringstraße war, hätte meine Reise fast ein jähes Ende gefunden.

Ich fuhr eine Straße mit beträchtlichem Gefälle runter, von vorn kam ein großer Laster hoch. Als wir uns fast erreicht hatten, schoss eine Gruppe Schafe aus dem Nichts (na gut, tief aus dem Graben neben uns) wie in den Hintern gebissen zwischen uns durch auf die andere Seite. Rums, rauf auf die Klötzer!

Will mal sagen, mein letztes Auto, der kleine Toyota, weich, dass man schon mal seekrank werden konnte, wäre dabei ziemlich sicher von der Straße gerutscht. Der LKW-Fahrer und ich guckten uns bedeppert an; er hatte zu tun, sein schweres Gefährt am Berg wieder in Gang zu bringen und ich wusste nun, dass ich ein Auto mit einem ordentlichen Bremssystem gemietet hatte.

Danach war mir jedes Schaf suspekt, der Schreck stak mir in den Gliedern und irgendwie war mir auch nicht mehr nach Fotografieren. Nun fahr‘ ich mal durch, dachte ich mir. Essen wäre auch nicht schlecht.

Da hatte ich die Rechnung allerdings ohne die Ostfjord-Nebel gemacht! Eine Weile kam ich noch gut voran, doch als ich dem Pass nahekam, ging die Straße nicht nur in Schotter über, sondern vor mir türmten sich dicke Nebelbänke auf. Nun fahre ich eine Gefällstraße ja vorzugsweise mit Schwung nach oben, um nicht hängenzubleiben. Aber fahr mal mit Schwung, wenn du nix siehst! Der Nebel machte auch, dass es erstmals auf dieser Reise dunkel wurde. Mir blieb nur, mich im Kriechgang nach oben zu arbeiten, jeweils die nächsten Leitpfosten als Orientierungshilfe.

Irgendwann rauschte dicht neben mir Wasser. Sehen konnte ich es nur schemenhaft – immer ruhig bleiben, schön auf dem Weg bleiben, dann passiert nichts! Die Tatsache, dass ich offenbar völlig allein dort unterwegs war, vereinfachte die Sache, ohne allerdings eine Beruhigung zu sein :-)

Schließlich merkte ich, dass es wieder nach unten ging. Na prima, jetzt bloß nicht schnell werden! Aufpassen, wann die Serpentinenschleife kommt. Ich erinnere mich nicht, ob ich zuvor schon mal einen Berg im ersten Gang runtergefahren bin – wahrscheinlich nicht.

Unten angekommen, war ich erstmal mit den Nerven am Ende. Anhalten, Kekspackung rausholen, alle aufessen – danach ging es mir wieder besser und ich konnte in der Ebene trotz schlechter Sicht wenigstens ein bisschen flotter fahren. Doch in der Ebene waren auch wieder die suspekten, weil unberechenbaren Schafe da, so dass ich, als eine kleine Forsteinfahrt erschien, kurzerhand entschied, hier erst einmal stehenzubleiben und auf bessere Sicht zu warten. Das war dann auch das erste Mal auf dieser Reise, dass ich das Garmin rausholte und nachschaute, ob ich überhaupt noch auf der richtigen Strecke war. Dies war immerhin der Fall.

Ich baute mir mein Notfall-Auto-Lager, deckte mich mit dem Schlafsack zu und schlief bis halb fünf Uhr. Dann kam das erste Auto seit fünf Stunden und weckte mich auf.

Eigentlich war der Platz gar nicht so übel, wenn man mal davon absieht, dass ich zwei Meter neben der Ringstraße stand :-)

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