Corno Grande

Stell dir vor, du kommst aus Bayern und fährst in ein Gebiet, dessen Symbol der orso bruno marsicano ist, und wo dieser Braunbär auch frei herumstreift. Da bist du mental ja schon mal von Haus aus im Nachteil :-)
Stell dir weiter vor, du liegst in einem winzigen Zelt inmitten einer menschenleeren Hochebene. Du schläfst  ungeachtet des mentalen Nachteils richtig wohlig tief.
Und dann wachst du in der ersten Morgendämmerung irritiert auf, denn da ist ein Kopf einen halben Meter neben dir… im Zelteingang.
Und der Kopf spricht zu dir:

„Mam, in 15 Minuten ist Sonnenaufgang.“

Ich kann euch sagen, in so einem Moment laufen in Sekundenbruchteilen hunderte Gedanken ab: Krieg ich jetzt einen Herzinfarkt vor Schreck?
Ist Bruno gekommen, um sich zu rächen – ausgerechnet an mir, die ich doch über seine Streiche gelacht und um sein Leben gebangt habe?
Ist der Herzinfarkt gerade schon geschehen und bin ich nun als Bärenmutter wiedergeboren, denn warum redet der mich mit „Mam“ an?
Aber wie hat der Bär den Zeltreißverschluss aufziehen können?

Was für ein Glück… nachdem ich mich wieder derappelt hatte und richtig wach war, entpuppte sich der vermeintliche Bruno als Stefan, der nur klar machen wollte, dass ein Fotograf nicht im Schlafsack rumliegt, bis es draußen hell ist.
Von wem hat der Bursche nur die Aufsteh-Disziplin?

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Mit dieser Impression vom Erwachen im Gran Sasso Nationalpark in den italienischen Abruzzen melde ich mich vom Pfingstausflug zurück.

Und lüfte das Rätsel um die Adlerheimat. Wenn Daqui sich in Richtung der alten Stadt L’Aquila und zur Sella di Monte Aquila neben dem Corno Grande aufmacht, dann hat das schon was ganz Spezielles!

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Und etwas Besonderes ist der Parco Nazionale del Gran Sasso e Monti della Laga dann ja auch.

Kaum jemand vermutet nah bei Rom eine so großflächige alpine Landschaft. Der Corno Grande hat mit 2.912 m Höhe Zugspitzniveau und wacht majestätisch über eine einzigartige Hochebene von 27 km Länge und 8 km Breite, dem Campo Imperatore. Diese Hochebene auf 1.800 m war für vier Tage unser Ziel und wir sollten sie in den Abend- und Nachtstunden mit den Tieren ganz für uns allein haben. Das war eine kühle, aber feine Sache!

Tagsüber kurven die Tages-Touristen über das gut ausgebaute Straßennetz und aufgrund eben dieser Kurven ist das Gebiet auch bei Bikern beliebt. Aber die Frequentierung war jetzt – Mitte Mai – keinesfalls mit den Verhältnissen zum Beispiel auf der Kochelbergstraße zu vergleichen. Zuweilen sahen wir auch tagsüber eine Stunde lang kein Auto oder Motorrad.

Der Schnee hatte sich bereits weitestgehend zurückgezogen und einem Blütenteppich Platz gemacht. Wir waren freilich mit Winterreifen und Schneeschuhen auch für rauere Verhältnisse gerüstet.
Für die Italiener schienen ein paar verbliebene Schneekrümelchen auf dem letzten Serpentinenstück zum Hotel Campo Imperatore trotz stabiler Wetterlage mit strahlendem Sonnenschein und frischem Wind rau genug zu sein, um die Zufahrtsstraße gesperrt zu halten, was für den ersten Frust sorgte, nicht nur bei uns.

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Hier glaubten wir noch, der gute Mann montiere die Sperre nun ab, aber mitnichten. Er wollte vielleicht prüfen, ob das alles noch zwei Tage hält. Nachdem er zufrieden war, fuhr er weiter und wir standen bedeppert da.
Dann beobachteten wir den ersten Jeep, der die Sperre über einen kleinen Hügel umging und natürlich gab es dann für Stefan kein Halten mehr. Weil ich noch Muffensausen hatte, schaffte er auch meinen Golf auf die andere Seite – „aber nur dieses eine Mal, morgen machst du es allein“.

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So wickelte sich denn aufgrund der „Schnee-Sorge“ der Italiener der gesamte Pfingstverkehr über diesen kleinen Hügel ab, bis die Schranke Pfingstdienstag geöffnet wurde :-)

Die Straße war sichtlich frei.

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Lediglich in den letzten Kurven verrichteten am Samstag zwei Schneefräsen noch die letzten Arbeiten, aber da es überall Parkmöglichkeiten gibt, war ein temporäres Ausweichen kein Problem und bereits Samstagabend konnten wir das Plateau mit Hotel, Planetarium und einer lila Krokuswiese ungehindert erreichen.

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Der Anblick des arg lädiert ausschauenden Hotels ließ mich zunächst vermuten, dass es sich um eine Ruine handele… Sorry an die Abruzzesen für den Fehlgedanken! Nein, da ist alles in Betrieb und im Winter-Skibetrieb auch stark frequentiert. Das Skigebiet gehört zu den ältesten in Europa und ist wegen der Nähe zu Rom immer noch beliebt.
Manche Leute lassen sogar Souvenirs dort oben:

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Auch ist der Platz historisch interessant:
Hier wurde nach längerem Katz- und Maus-Spiel im September 1943 der gestürzte und arrestierte Benito Mussolini in der spektakulären deutschen Sonderaktion „Unternehmen Eiche“ befreit, mit der Fieseler FI 156 Storch aus dem Berg ausgeflogen, so dass er in Norditalien noch 1,5 Jahre als Gegenregent funktionieren und weiter Unheil treiben durfte. Die „Storch“-Geschichte kannte ich bis dato nicht, aber bei meinem Faible für Historie und am Ort des Geschehens stehend war das ganz schön spannend.

Die Gegend um den Grand Sasso Nationalpark blickt aber auf unzählige weitere Legenden und interessante Geschehnisse zurück, die es wert sind, sich weiter mit ihnen zu befassen. Dieses Mal sollte es „nur“ um die wunderschöne Natur und das Genießen der Einsamkeit gehen.

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Es waren ja die letzten Tage vor dem großen Vieh-Auftrieb bzw. der Vieh-Auffahrt. Die Tiere kommen heute nicht mehr wie früher in einem tage- und wochenlangen Anmarsch auf der wildkräuterreichen Hochebene an, sondern wie bei uns Menschen wird der Transport beschleunigt durch Kraftfahrzeuge, sprich: große Vieh-Laster.

Zu Pfingsten konnten wir nur zwei Herden ausmachen, eine gemischte Kuh-/Wildpferdherde in der Senke, in der die Ruine des eingestellten Seilbahnprojekts steht. Die andere Herde weidete weit hinten mitten in Klein-Tibet, wie die baumlose, aber grasbewachsene, an die Innere Mongolei erinnernde Hügellandschaft auch genannt wird.

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Eine große Schafherde war gerade auf dem Anmarsch, als wir wieder heimfuhren.
Die gefürchteten weißen Hütehunde werden wohl erst mit den Herden kommen, aber Stefan und Nadine hatten eines dieser Tiere oben am Refugio angetroffen und – tiererfahren, wie die beiden sind – gemeint, die Tiere wären kaum von Grund auf aggressiv. Man sollte eben nur berücksichtigen, dass es Hütehunde wären, die strikt auf diese Funktion ausgerichtet sind. Sie stehen bewusst nicht gut im Futter, wohl damit sie nicht faul werden. Zeigt man ihnen also eine leichte Futterquelle, reagieren sie nicht anders als wir Menschen auch. Und nähert man sich ihren Schutzbefohlenen, kann das halt ebenso ungemütlich werden.

Begegnungen mit den im Nationalpark beheimateten Bären und Wölfen hatten wir keine – darüber war ich nicht wirklich traurig. Mein Abenteuer bestand darin, erstmals nach den Fußfrakturen wieder Bergpfade zu gehen, das Gehen im unebenen Terrain ein bisschen mehr zur Normalität werden zu lassen.

Die Vorbereitungstour für Island ist also erfolgreich wie spannend verlaufen. Danke an Petrus, dass er uns gutes Wetter bescherte. Zwar brauchten wir bei starkem Wind und 5 – 12°C ausreichend wärmende Ausrüstung, aber nachts im Zelt war es gemütlich warm und  tagsüber sorgte die Sonne für Wohlbefinden. Der Corno Grande, der sich gerne in dicken Wolken versteckt, bot zahlreiche schöne Anblicke.

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Lediglich für einen Star-Trail, den wir gerne noch aufgenommen hätten, hat das Wohlbefinden nicht mehr gereicht. Der Mond stand während des Aufenthalts lange sehr hell am Himmel und wir hätten eine ganze Nacht opfern müssen. Ich gab das Vorhaben dann als erste freiwillig auf, denn die Über-Nacht-Anfahrt von Freitag auf Samstag steckte mir noch lange in den Knochen.
Heute kann ich darüber ja schon wieder lachen, aber als ich dieses Foto am Samstagabend aufnahm, war mir gar nicht zum Lachen, da klappte workflowmäßig überhaupt nix mehr. Der Clou war, als ich mehrfach die Belichtungszeit verlängerte und mich aufregte, weil immer noch alles schwarz blieb. Bis Stefan kam und breit grinsend den Objektivdeckel abnahm :-)

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Ist ja auch zu blöd… da bist du totmüde, willst eigentlich nur noch in dein Zelt, stehst aber wie gebannt vor eben diesem, um ultimative Nachtaufnahmen zu basteln. Das ist, als wenn ein Ausgehungerter vor einer Schweinshax’n stünde, aber vor dem Reinhaun eben noch mal ein gestyltes Pressefoto von dem Prachtstück für „Lisas Kochen & Backen“ machen soll.

Nun ja, aber irgendwann liegst du dann doch wohlig auf der Matte und „Danke“ deshalb nun auch an die Bergdorf-Bewohner, die zuweilen vorbei fuhren und uns mit dem Zelt gewähren ließen.

Wir haben uns revanchiert, indem wir keine Spuren hinterließen. Na, jedenfalls nicht mehr, als es eine Kuh tun würde :-)

Auch Euch, Stefan und Nadine, wieder Dank für die Begleitung. Wenn der Platz auch wunderschön ist, so war er mir doch sehr fremd, und allein hätte ich mich zu diesem Ziel kaum mit dem Zelt aufgemacht.
Zumal dort oben in der Hochebene kein Mobilfunknetz verfügbar ist.